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Nach etwa fünf Minuten kam Robert heraus und hielt mir die Telefonkarte hin. Ich streckte die Hand danach aus, zog sie aber schnell zurück, und er ging wieder auf seine gewöhnliche Distanz, etwa drei Meter.

— Sie wissen überhaupt nicht, wie das funktioniert, oder? sagte er.

Ich nahm die Hände aus den Hosentaschen.

– Äh, um ehrlich zu sein –

— Tsss, machte er.

— Was haben deine Eltern gesagt? fragte ich.

Er lachte.

— Okay, sagte ich. Dann frage ich dich etwas anderes. Relokationen. Wie oft passieren die eigentlich?

Roberts Augen weiteten sich, er blickte sich um.

— Ich hab keine Ahnung, sagte er.

— Warum haben sie dich geschlagen?

— Sie haben mich nicht geschlagen.

— Okay, aber warum haben sie dich …

— Weiß ich nicht, okay?

— Schon gut, Robert, du musst nicht laut werden.

– ’tschuldigung.

Er verschränkte die Arme und blickte zur Seite.

— Ah, da seid ihr! sagte Dr. Rudolph. Ich musste nur ein Telefongespräch beenden. Jetzt geht es. Danke, Herr Setz, ich übernehme von hier an.

— Aber —, sagte ich.

— Robert, bedanke dich beim Herrn Magister Setz, dass er dir geholfen hat.

— Danke, sagte Robert, ohne mich anzusehen.

— Keine Ursache. Aber ich –

— Kommen Sie einen Augenblick, sagte Dr. Rudolph zu mir und ging mit mir einige Schritte durchs Foyer.

— Das sind nur Abhärtungsspiele, sagte er. Im Grunde harmloses Zeug. Aber es war schon richtig, dass Sie dazwischengegangen sind. Diesmal war es noch eine milde Form. Wissen Sie, das veränderte Proximitätsverständnis der Schüler ist auch …

— Und da ist jedes Mal Alkohol mit im Spiel? fragte ich.

— Herr Setz, sagte Dr. Rudolph und fasste mich an der Schulter. Es ist eben eine inhomogene Klasse, auch was das Alter betrifft. Da passieren solche Sachen.

— Das Problem ist, dass sie merken, dass sein Zonen… Proximitätsverständnis; dass es abnimmt.

— Edison hat Hunderte Versuche gebraucht, um seine Glühbirne richtig hinzubekommen. Was glauben Sie, wie oft sie ihm schon nach wenigen Minuten durchgebrannt ist. Das Equilibrium war noch nicht gefunden.

— Ja, sagte ich, aber –

— Und die Natur braucht eben auch ihre Zeit, damit müssen Sie sich abfinden. Wir können das natürlich bedauern, das heißt, diese individuelle Entwicklung, aber insgesamt ist das Bild doch ein positives, da es sich bei einigen damit geborenen Individuen doch hält. Bis ins hohe Alter.

Dr. Rudolph stand vor mir, und etwas spiegelte sich in seiner Brille, das aussah wie das Gespenst eines Wasserstrahls, aber ich wollte mich nicht umdrehen, um nachzusehen, und außerdem redete er schon weiter:

— Sie verstehen nicht, worauf es ankommt, Herr Setz. Ich meine, Sie sind ein begabter Tutor in Ihrem Fach. Und die Schüler mögen Sie, soweit ich das beurteilen kann.

Dann ging Dr. Rudolph mit dem Schüler Tätzel davon.

Und ich ging ihnen nach.

Nicht auffällig. Eher wie ein Schauspieler in einem Detektivfilm: Man konzentriert sich einfach auf die Kamera, die einem von hinten folgt, und denkt nicht an die, denen man auf der Spur bleiben soll.

Ich stellte mich vor dem Direktorzimmer auf. Was sollte mir schon passieren, wenn sie mich hier entdeckten? Ich hatte Kopfschmerzen, aber merkwürdigerweise machten sie mich unternehmungslustig. Die Mittagsstunde hatte seit dreizehn Minuten begonnen, wie mir ein Blick auf meine Armbanduhr versicherte. Ich schüttelte den Kopf und lachte, als hätte die Uhr einen Scherz gemacht.

Ich stand da und versuchte, meinen Körper ganz stillzuhalten. Ein wenig hatte ich das Gefühl, betrunken zu sein. Sektbläschen stiegen in meinem Verstand auf und machten alles beschwingt, tänzerisch …

Frische Luft strömte durch ein offenstehendes Fenster. Ich spürte sie angenehm an meinen Füßen. Ich hatte heute Morgen vergessen, Socken anzuziehen.

— Ferenc, wie geht’s dir? hörte ich Dr. Rudolph plötzlich fragen.

Ich hielt den Atem an. Die Tür zum Büro stand einen Spalt weit offen.

— Ja … ja … Aber biensüüüür, sagte der Direktor.

Er telefonierte offenbar.

Wo war Robert? Saß er neben ihm, während der Direktor in den Hörer brüllte?

— Ja, das Problem … Wir hatten gerade einen Zwischenfall … Ja … Ich weiß, dass ihr an ihn gedacht habt, aber er nimmt ab … seine Zone … sein Prox… ja … ja … Ach, Ferenc, du alte Sau! Warte, ich werde nur … Du kannst dich darauf verlassen, du kriegst dein Happy End … Augenblick …

Ich erstarrte, die Schritte kamen näher, hoffentlich blickte er nicht zur Tür hinaus. Also riss ich mich los und ging ein paar Schritte Richtung Gangfenster. Da sah ich Robert Tätzel, wie er draußen über den Hof ging, gebeugt. Er ließ den Kopf hängen. In der Hand hielt er einen kegelförmigen Partyhut. Wie war er so schnell … War er an mir vorbeigegangen, und ich hatte es nicht gemerkt, oder … Aber da waren die Schritte des Direktors schon direkt hinter mir, er kam aus dem Büro, ich hörte es so laut und deutlich, als hätten meine Schulterblätter Ohren, vermutlich hielt er sich den schnurlosen Telefonhörer an die Wange.

Also ließ ich mich fallen, brach zusammen, wo ich war.

— Ich ruf dich zurück! hörte ich Dr. Rudolphs Stimme.

Dann wurde ich an der Schulter berührt und angesprochen. Ich ließ die Augen geschlossen und zählte in aller Ruhe bis zehn, bevor ich sie wieder aufmachte und stammelte, mir wäre gerade furchtbar schwindlig geworden. So musste ich dem Direktor, der mir freundlich auf die Beine half, mich am Arm hielt und zur Institutskrankenschwester begleitete, nicht direkt in die Augen blicken.

TEIL III

This was placed here on the fourth of June, 1897 Jubilee year, by the Plasterers working on the job hoping when this is found that the Plasterers Association may still be flourishing. Please let us know in the Other World when you get this, so as we can drink Your Health.

(Zeitkapsel-Nachricht in einer Wand der Tate Britain, durch Zufall entdeckt im Jahr 1985)

Als damals das erste Kind geboren wurde, habe das Leben plötzlich einen Sinn bekommen, sagte Herbert Rauber, der Vater von Marianne Tätzel. Und jetzt, wo ein Enkelkind, Robert, da sei, habe auch das Sterben für ihn einen Sinn bekommen. Denn was sonst sei die Aufgabe eines Großvaters oder einer Großmutter, als einem jungen Menschen vorzusterben, so ähnlich wie ein Klavierlehrer seinem Schüler ein Stück vorspielt? Note für Note werde ihm nähergebracht, sowohl die kleinen Nuancen und Übergänge als auch die große Einheit der Melodie würden veranschaulicht, die Bedeutung, die Einordnung, das Maß. Man zeige ihm vor, dass es das gebe, dass dies Teil jedes Lebens sei: der Zerfall in Einzelteile. Wer vier Großeltern habe, so Herr Rauber, der lerne auch vier Tode kennen. Die vier müssten sterben, damit es ihn, den Jungen, Neuen, geben und damit er weiter hier sein könne. Also leben und sterben sie ihm vor, so gut sie eben können. Sie verhielten sich ihm gegenüber freundlich, seien meist unbedingter und bedingungsloser in ihrer Liebe zu ihm als die Eltern, ihre erzieherischen Aufgaben seien ja nur ein Spiel, eine onkelhafte Heiterkeit umgebe jeden Konflikt — und so blieben sie ihm im Gedächtnis. Und das Enkelkind lerne schon in jungen Jahren (der einzigen Zeit, in der man diese Erkenntnis noch ertrage), dass so etwas möglich und notwendig sei: eine Nachwelt, in der der tote Mensch noch immer weiterexistiert, hochgehalten wird wie eine Handpuppe, zusammengenäht aus den Erinnerungsfetzen im Gedächtnis der Leute, die ihn gekannt haben. Im besten Fall sterbe man dem Enkelkind nicht nur vor, sondern man zeige ihm gleichzeitig, wie wenig schlimm dieser letzte Akt sei, kein Anlass zu echter Verzweiflung. Und das sei bestimmt die nobelste und sinnvollste Tätigkeit, die man im hohen Alter verrichten könne. An dem Tag, da das erste Enkelkind geboren werde, wisse man, dass man sich in Zukunft Mühe geben werde, ja, man werde sich zusammenreißen, gutzu sterben, ohne großes Aufsehen, so friedlich und schmerzlos, wie es einem vergönnt sein werde, so versöhnt und lebenssatt und reif, wie es der eigene Schauspielinstinkt zulasse. Wer kein Enkelkind habe, für das er sterben könne, sei zu bedauern; für ihn gebe es keinen Trost. Denn er werde elendiglich im luftleeren Raum verrecken, ängstlich, hilflos und von allen Seiten bedrängt von dem Gefühl, dass er auf dieser Erde noch so viel zu erledigen gehabt hätte. Kein Enkelkind zu haben, sagte Herr Rauber, sei das schlimmste Defizit, das man als Mensch erleiden könne. Und der Tod eines Enkelkindes sei von allen Dingen, die im Universum geschehen, das widernatürlichste. Auch sei es ihm damals als himmelschreiendes Unrecht erschienen, als es geheißen habe, Robert solle in dieses neue Schulprojekt eingegliedert werden.