— Wir urteilen nicht, Herr Setz.
— Das ist nett von Ihnen. Darf ich Ihnen eine Frage stellen?
— Bitte, sagte Herr Tätzel, der bisher geschwiegen hatte.
— Okay, sagte ich. Das klingt jetzt möglicherweise etwas eigenartig. Aber haben Sie zufällig einen Verwandten oder einen Bekannten namens Ferenc?
Frau Tätzel stellte die Teetasse schief auf den Unterteller und korrigierte die Stellung mit dem Daumen.
— Nein, sagte sie.
— Sicher nicht? Könnte auch falsch ausgesprochen sein.
Frau Tätzel lehnte sich zurück. Das Lächeln war aus ihrem Gesicht verschwunden, aber durch etwas sehr Ähnliches ersetzt worden.
— Entschuldigung, ich hab vergessen, das Handy abzuschalten, sagte sie.
— Schon in Ordnung, sagte ich. Lassen Sie’s ruhig –
Aber sie hatte es schon aus ihrer Hosentasche geholt und tippte darauf herum, dann klappte sie es zusammen und sagte noch einmaclass="underline"
— Entschuldigung.
— Wirklich kein Problem. Wissen Sie, es sind ein paar seltsame Dinge vorgefallen, während meiner Zeit im Institut.
— Das geht allen so am Anfang, sagte Frau Tätzel.
Herr Tätzel machte ein leises:
— Mmmh.
Ich erzählte von den Kostümen und dem Zonenspiel im Hof.
— Das ist normal in dem Alter, sagte Frau Tätzel. Sie haben keine Kinder, nehm ich an, oder?
Ich schüttelte den Kopf.
— Da ändert sich viel, sagte Herr Tätzel. Wenn die Kinder da sind. Gell, Herbert.
— Jaaaa, machte Herbert Rauber und nickte.
— Kann ich mir vorstellen.
— Und bei einem Kind wie Robert, na ja, da ändert sich natürlich noch mehr, sagte Frau Tätzel. Erinnerst du dich noch an die erste Autofahrt mit ihm.
— Oh, hahaha! machte Herr Tätzel.
Herr Rauber seufzte.
— Deswegen hab ich mir auch den da draußen gekauft, sagte Herr Tätzel. Den Pick-up. Wegen der Ladefläche. Die erste lange Autofahrt mit Robert, die werde ich nie vergessen. Damals war Robert krank, und wir sind mit ihm ins Krankenhaus gefahren. Er hat dauernd geweint, und sein Bauch war steinhart. Da haben wir uns natürlich Sorgen gemacht.
Und er erzählte vom beginnenden leichten Schwindel, als er das schreiende Baby auf den Rücksitz gelegt hatte. Ganz zusammengekrümmt sei sein Sohn dagelegen und er habe aufgrund seiner Vorsicht, aufgrund seines Mitleids wertvolle Sekunden verloren.
— Denn ich wusste ja, mehr als ein paar Minuten hab ich nicht. Danach wird der Schwindel stärker werden, und vielleicht werde ich mich übergeben müssen. Ich hab die erste Schwindelattacke unterschätzt, weil ich … Haha … Ich bin Schlangenlinien gefahren, als ich aus der Garage draußen war, weißt du noch?
Frau Tätzel lächelte und nickte, ja, sie könne sich noch sehr gut erinnern.
— Die Lichter sind nach einer Weile komisch geworden, das heißt, sie haben komisch ausgesehen.
— Die Lichter?
— Na ja, die Lichter der anderen Autos und die Straßenlaternen und … Haben Sie schon mal Oliver Sacks gelesen?
— Ja.
— Genauso war’s.
— Könnten Sie es vielleicht noch ein bisschen genauer beschreiben? fragte ich.
— Na ja, schuld daran ist natürlich die schlechte Durchblutung des Gehirns, nehme ich zumindest an. Die verursacht auch die rasenden Kopfschmerzen und die tauben Stellen im Gesicht. Das ist ein ganz schrecklicher Zustand, wissen Sie? Es wird einem kalt und heiß zugleich, man klappert mit den Zähnen und möchte sich gleichzeitig die Kleider vom Leib reißen.
— Hatten Sie dieses Gefühl, gleich nachdem Sie Richtung Krankenhaus losgefahren waren?
— Nein, ich habe genau gewusst, du musst die ersten fünf bis sechs Minuten nutzen, also hab ich das Gaspedal bis zum Boden durchgetreten.
Er lachte wieder.
— Beherzt, sagte Frau Tätzel plötzlich. Anders kann man das nicht nennen. Ein beherztes Eingreifen.
Leider könne er heute aufgrund seiner Polyarthritis nicht mehr Auto fahren, meinte Herr Tätzel. Also habe es seine Frau erlernen müssen. Überhaupt habe sie nach der Überwindung der schlimmsten Phase ihres Lebens die Ruder in beide Hände genommen, sozusagen. Die Ruder, wiederholte Herr Tätzel noch einmal und formte mit seinen Armen eine Art Dinosaurierschnabel vor seinem Gesicht.
Seine Frau lachte und klopfte ihm zweimal aufs Knie.
Anders als in den restlichen Räumen des Hauses hing im Wohnzimmer nur eine einzelne, sehr helle Glühbirne von der Decke, deren Licht in unregelmäßigen Abständen etwas flimmerte. Die Frequenz war hoch genug, so dass man das Flimmern nur bemerkte, wenn man sich konzentrierte.
— Darf ich fragen, was Sie mit schlimmste Phase ihres Lebens meinen?
— Ich war lang depressiv, sagte Frau Tätzel.
Ihr Vater legte seine große, menschenfreundliche Tatze auf ihre Schulter und drückte einmal kurz zu.
— Allein die Vorstellung, dass es Abend wird, hat mich damals total fertiggemacht. Jetzt ist es hell, aber später wird es dunkel werden. Jetzt sind alle Geschäfte geöffnet, aber später werden sie geschlossen sein, und ich kann nichts mehr kaufen, werde Hunger haben und vielleicht sogar Durst, denn das Wasser aus der Wasserleitung trinke ich nicht, da mir von dem Kalkgeschmack schlecht wird. Solche Gedanken, den ganzen Tag.
— Und war das … wegen …?
Ich merkte, dass ich in ein Fettnäpfchen getreten war.
— Nein, sagte sie. Nein. Das hatte damit nichts zu tun. Die sogenannte Depression hat, entgegen der landläufigen Meinung, überhaupt nichts mit Trauer, Überarbeitetsein, Niedergeschlagenheit oder Enttäuschung zu tun. Ganz im Gegenteil. Traurigkeit wäre in depressiven Lebensabschnitten sogar wünschenswert. Die Rettung. Ich weiß nicht, ob Sie damit etwas anfangen können, aber Depression bedeutet in erster Linie vollkommene Interesselosigkeit. Alles erscheint langweilig und verbraucht, und der Zustand der Neugier liegt so weit zurück wie … na ja, weiter als die eigene Geburt, man kann sich überhaupt nicht daran erinnern, dass man sich je für irgendwas interessiert hat …
Sie blickte zu ihrem Mann, der aber mit einem Haar auf seinem Handrücken spielte und ihr keinen Hinweis gab, ob sie weitersprechen solle.
— Natürlich, fuhr sie fort, können auch depressive Menschen den Alltag hinter sich bringen und mit anderen Menschen kommunizieren, aber … aber es ist ein Drahtseilakt, und er kann jederzeit zu Ende sein. Irgendwann wacht man auf und stellt fest, dass es keinen Sinn mehr hat, sich zu bewegen, dass es keinen Sinn mehr hat, etwas zu essen oder zu trinken, und dass es keinen Sinn mehr hat, sich um seine eigenen Kinder zu kümmern. Es schnürt dir die Kehle zu, und du kannst nur mehr mit ganz leiser Stimme sprechen. Ich hab dann meinen Mitmenschen immer versucht klarzumachen, was für eine ungeheure Kraftanstrengung es für mich bedeutet, mit ihnen an einem Tisch zu sitzen und einigermaßen zusammenhängend zu reden. Die meisten haben das nicht eingesehen. Es ist so, als müsste man mit zentnerschweren Kleidern oder in einem Taucheranzug herumgehen. Man hat jede Ecke seines eigenen Kopfes schon einmal besucht, kennt alle Erfahrungen, zu denen man fähig ist, in- und auswendig.
Sie lachte und blickte wieder zu ihrem Mann, der immer noch mit seinem Handrücken beschäftigt war.
— Gell? sagte sie.
Er schaute auf. Zuerst blickte er mich an, dann seine Frau.
— Mhm, machte er. Es war insgesamt eine sehr schwierige Zeit damals. Aber du hast das Autofahren am Ende doch erlernt. Sie sollten sie sehen, wie sie heute fährt.
— Manchmal beginnen sich depressive Menschen wehzutun. Mit einer Nadel oder einer aufgebogenen Büroklammer. Aber auch das ist, wie man bald einsieht, zwecklos. Ob man blutet oder nicht, macht keinen nennenswerten Unterschied, aber –