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Jetzt nahm Herr Tätzel ihre Hand, und sofort hörte sie auf zu sprechen und schien ungeheuer erleichtert.

Ich hatte aufmerksam mitgeschrieben und blätterte noch einmal die letzten Seiten im Notizbuch durch. Es fiel mir auf, dass meine Schrift so gut wie unleserlich geworden war. Diese Tendenz hatte sie zwar immer schon gehabt, aber das hier war wirklich schlimm. Auf den drei oder vier Seiten, die ich während der letzten halben Stunde vollgeschrieben hatte, befanden sich nur kleine sinnlose Strichwolken, als hätte jemand im Dunkel kopfüber von einem Ast hängend versucht, Kanji-Schriftzeichen mit einem Stift zwischen den Zähnen zu malen. Das war alles unbrauchbar, das konnte ich wegwerfen …

— Entschuldigung, sagte ich, ich glaube, ich hab einen Fehler gemacht, ich …

Mir war schwindlig geworden. Außerdem bekam ich schlecht Luft, was wahrscheinlich an meiner zusammengefalteten Sitzposition lag. Ich stand von dem Fauteuil auf. Mein linker Fuß war taub.

— Ist alles in Ordnung mit Ihnen?

Angeblich habe ich auf diese Frage geantwortet: Ich hab meine Schuhe verkehrt herum angezogen. Aber daran erinnere ich mich nicht.

— Ich glaube, ich werde dann gehen, sagte ich. Ich bin etwas …

Als ich das sagte, verließen Frau Tätzel, ihr Mann und ihr Vater den Raum. Ich blieb allein zurück, schwankend. Nach kurzer Zeit kam Herr Tätzel zurück und bedeutete mir, ihm zu folgen. Er wolle mir, bevor ich gehe, noch etwas zeigen, etwas wirklich Schönes.

Wir gingen hinaus, in den vorderen Teil des gepflegten Gartens. Die frische Luft tat mir gut, und der Schwindel verflog. Von hier aus konnte man über einige Nachbargärten direkt auf den Parkplatz einer großen Versicherungsgesellschaft sehen, deren silbernes, in Form eines Fernglases erbautes Zwillingsfirmengebäude von Fahnenstangen umstanden war, von denen sonntäglich erschlaffte Stoffbahnen hingen.

Herr Tätzel deutete auf das Familienauto, den Pick-up, mit dem er seit drei Jahren nicht mehr gefahren war.

— Ist er nicht schön? fragte er.

– Äh, ja, sagte ich und trat näher.

— Die Ladefläche, sagte er.

Er zog eine Fernbedienung aus der Tasche. Seine arthritischen Finger hatten Mühe, sie zu aktivieren.

— Sie, sagte er mit einem Seitwärtsnicken in Richtung des Hauses, sie weiß nicht, dass ich die hier noch habe.

Er drückte auf den Knopf, und das Verdeck des Wagens hob sich. Langsam faltete sich das Dach in eine angenehm weiche, auf das Befinden der eigenen Ellbogen- und Kniegelenke wohltuend wirkende Ziehharmonikaform. Schließlich klappte es ganz nach hinten, hinunter auf die Ladefläche des Pick-up. So etwas hatte ich noch nie gesehen.

— Wunderschön, oder? sagte Herr Tätzel. Möchten Sie mal reinschauen?

— Gern, sagte ich mit einem Achselzucken.

Er öffnete mir die Fahrertür und ließ mich hinter dem Lenkrad Platz nehmen. Dann machte er die hintere Tür auf, setzte sich auf die Rückbank und betätigte einen weiteren Knopf an der Fernbedienung, der die straßenseitige Hofpforte aufgehen ließ. Langsam und feierlich strebten die beiden Blechteile des Tores auseinander, eine einladende Geste.

— Der Schlüssel steckt, sagte Herr Tätzel. Ist es nicht wunderschön?

— Ja, nickte ich in den Rückspiegel.

Seine Augen hatten einen seltsamen Ausdruck angenommen. Er blickte mehrere Male zum Haus zurück.

— Sie haben einen Führerschein, oder? sagte er.

— Ja schon, sagte ich, aber das ist eine komische Sache. Ich habe damals zwar die Fahrprüfung bestanden, aber das war vor sechs Jahren, und seither –

— Bitte, sagte er.

— Was?

— Bitte, Sie müssen nur rausfahren und dann nach rechts. Ich sage Ihnen dann, wie’s weitergeht, ja?

— Ich verstehe nicht.

— Ich bitte Sie sehr darum, wirklich. Es ist … Sie haben ja gesehen, was für eine Art Klima da drinnen herrscht, oder? Ich meine, ich habe gesehen, wie Sie mitgeschrieben haben. Das muss Ihnen doch auch aufgefallen sein. Sie haben bestimmt nicht nur unser nebensächliches Geschwätz aufgezeichnet. Sie wissen Bescheid, nicht?

— Herr Tätzel, ich weiß nicht, was Sie von mir wollen.

Ich machte Anstalten, auszusteigen, aber eine gekrümmte Kralle schoss vor und drückte die Verriegelung nach unten. Ich stieß die Hand beiseite und machte die Verriegelung wieder auf.

— Was soll das?

— Es ist nichts, bitte, sagte Herr Tätzel. Es ist, ah, warten Sie, ich hab das ganz falsch angefangen, das Problem ist nur, dass ich, dass wir gewissermaßen unter Zeitdruck stehen, wissen Sie? Ich würde Ihnen das alles gern während der Fahrt erklären, aber dazu müssten Sie erst einmal losfahren, ja?

— Soll das vielleicht eine Entführung sein, oder was?

— Aber nein, bitte, nein, da denken Sie in die falsche Richtung, ich habe doch nicht vor, Sie in irgendeiner Weise … aber bitte, hören Sie kurz zu, ja? Ich bitte Sie, ich bitte Sie wirklich, den Motor zu starten und da rauszufahren, bitte.

— Okay, aber warum?

Ich legte meinen Finger an den Zündschlüssel.

— Warum? Mein Gott, wir müssen doch jetzt nicht alles zerreden! Bitte, ich … entschuldigen Sie, Herr Setz, ich wollte nicht brüllen, aber wir sind unter einigem Zeitdruck, jeden Augenblick kann –

— Geht es um Robert?

— Ich muss hier weg, Herr Setz, bitte helfen Sie mir.

— Aber wenn Sie wegwollen, warum nehmen Sie sich nicht ein Taxi oder gehen zum Bahnhof, oder –

— Bitte, sagte Herr Tätzel, bitte, ich bin nicht bereit, diese Behandlung noch einen Tag länger … Ich muss hier weg, bevor die Interfe… Sie verstehen gar nicht, was los ist, oder? Sie haben wirklich überhaupt nichts begriffen, oder? Sie haben tatsächlich nur unseren Smalltalk mitgeschrieben? Wie kann Ihnen das nicht auffallen!

— Was denn? Sagen Sie’s mir.

Ich trat die Kupplung, in der Hoffnung, dass ich mich richtig erinnerte, wie man ein Auto startete, und wollte den Schlüssel umdrehen.

— Was macht ihr da? war eine fröhliche Stimme von der Terrassentür her zu hören.

Frau Tätzel kam auf uns zu. Eine Hand hatte sie hinter ihrem Rücken versteckt. Herr Tätzel stieg, so schnell es seine körperliche Beeinträchtigung zuließ, aus dem Wagen, wich vor ihr zurück, legte die Fernbedienung auf den Rand einer leeren Regentonne, die neben dem Wagen stand, und ging mit hängendem Kopf einige Schritte aufs Haus zu. Im Profil sah er genauso aus wie Robert, als er mit dem Partyhut in der Hand über den Hof der Helianau getrottet war.

Ich stieg ebenfalls aus dem Wagen.

— Er ist ganz verliebt in unser Auto, sagte Frau Tätzel.

Ihre Hand kam hinterm Rücken zum Vorschein. Sie trug einen dicken Küchenhandschuh.

Als Herr Tätzel den Handschuh sah, drehte er sich noch einmal zu mir um und sagte:

— Tja, dann gehen wir wohl besser wieder zurück ins Wohnzimmer, ja?

Wieder das unangenehme Licht im Wohnzimmer. Ich war kurz davor, ihnen vorzuschlagen, die sirrende, flimmernde Glühbirne für sie auszuwechseln. Jetzt bemerkte ich auch den abmontierten Lampenschirm, der gleich neben der Terrassentür auf dem Boden lag. Ich hatte ihn schon vorher gesehen, aber ihn für ein albernes Ufo-Modell gehalten.

— Ich muss dann gehen, sagte ich.

— Schade, sagte Frau Tätzel.

Etwas bewegte sich am Rand meines Gesichtsfeldes. Wenn ich versuchte, es direkt anzusehen, entwischte es in irgendeinen toten Winkel und kam erst zurück, wenn ich wieder zu Frau Tätzel blickte, auf das Teeservice auf dem Tischchen, auf das Mobiltelefon in ihrer einen und den Küchenhandschuh in der anderen Hand. Das undefinierbare Ding an meiner Peripherie war von heller Farbe, ein wenig flackerte es sogar, aber gleichzeitig war es körperlos und zellophanartig, wie der Schatten eines Wasserstrahls auf einer weißen Mauer.