Das Zimmer drehte sich plötzlich um mich, und der Boden flog auf mich zu, als wäre ich in eine zuschnappende Falle getreten. Aus meinem Mund und meiner Nase lief Flüssigkeit, unerträglich heiß und sauer, ich machte die Augen zu und versuchte, meine Kräfte zu sammeln, dann war ich plötzlich wieder auf den Beinen, und jemand stützte mich, nein, drehte meine Arme auf den Rücken, das Erbrochene tropfte von meinem Kinn, ich versuchte, den Kopf zu heben und meine Situation zu verstehen, aber es funktionierte nicht, mein Oberkörper war nach vorne gebeugt, so dass das Gehen schwerer und schwerer wurde, bald fiel ich wieder in mich zusammen, und etwas Schweres, das hinter mir gewesen war, stürzte auf mich und verursachte mir ungeheure Schmerzen. In Panik wollte ich mich davon befreien, strampelte mit beiden Beinen, aber etwas Hartes stieß gegen meinen Kopf, und ein heller Blitz zuckte auf, an derselben Stelle, an der zuvor das zellophanartige Ding gewesen war.
Einen Moment lang war es ruhig, und ich konnte die Augen öffnen und sogar etwas erkennen, aber mir war furchtbar schwindlig, ich versuchte mich am Fußboden festzukrallen, um nicht ins Leere zu kippen, ich drückte beide Hände gegen meinen Kopf, so dass er sich keinen Millimeter bewegen konnte, aber immer noch drehte sich alles, es war, als läge ich auf einer dieser rotierenden Scheiben, wo man sich mit Gurten festbinden lässt, um von einem Messerwerfer die eigene Körperkontur mit zitternden Klingen nachgezogen zu bekommen. Ich schrie wohl um Hilfe, und irgendwann kam jemand ins Zimmer, ein kleines Wesen, das Jeans, ein Adidas-T-Shirt und eine große Taucherglocke auf dem Kopf trug. Das Wesen stand über mir und streckte die Hand nach mir aus. Dann zog man es zur Seite.
Ich erwachte mit rasenden Kopfschmerzen auf dem Beifahrersitz eines Autos. Ich verhielt mich ruhig, da ich weder wusste, wo ich war, noch, ob die Menschen, die mich begleiteten, mir gewogen waren. Erst in der Notaufnahme des Krankenhauses kam die Erinnerung allmählich zurück. Als Herr und Frau Tätzel und ein mir vage bekannt vorkommender Mann mit dichtem weißem Bart sich von mir verabschiedeten und mir alles Gute wünschten, wusste ich sogar wieder, worum es ging und warum ich hier war. Der Name des jungen Arztes, der sich mit mir befasste, war Uhlheim. Es war auch das erste Wort, das ich zu ihm sagte.
— Ja, ist mein Name, sagte er.
Sein Tonfall verriet eindeutig, dass er mich für einen Idioten hielt. Oder für jemanden, der sich den Kopf angeschlagen hat.
Einige Minuten nach der Ankunft in der Notaufnahme musste ich gegen ein unerträglich starkes Déjà-vu-Gefühl ankämpfen. Sämtliche Handlungen, die rings um mich geschahen, erschienen mir wie choreographiert und zum hundertsten Mal aufgeführt.
Als ich wieder zu Hause war und auf dem Rücken in meinem Bett lag, dachte ich: Jemand hat von meiner Gesundheit getrunken, und das Glas war eindeutig halb leer … Drink Your Health.
Dodo, meine Bezugskatze, zu der ich immer kroch, wenn ich ein Problem hatte, saß so kompakt und pfoteneingerollt da, dass sie aussah wie ein kleines Schaukelpferdchen.
Aus Versehen war ich ihr auf den Schweif getreten, als ich ins Zimmer gewankt war. Die Unmöglichkeit, sich bei einem Tier zu entschuldigen. Sie fauchte, bekam ein buschiges Fell, rannte davon und schaute mich aus der Entfernung entgeistert an. Über die Kategorien Versehen, Entschuldigung, Versöhnung verfügte sie nicht. Aber noch schlimmer und irritierender war die gespenstische Selbstverständlichkeit, mit der sie meinen unmotivierten Gewaltausbruch — denn als solcher musste ihr mein Missgeschick ja erscheinen — hinnahm. Schon eine Minute später hatte sie alles vergessen, putzte sich das Fell und ließ sich von mir streicheln, aber es blieb das ungute Gefühl zurück, das sich immer dann einstellte, wenn einem im Zerrspiegel der eigenen Ungeschicklichkeit vorgeführt wurde, wozu man tatsächlich hätte fähig sein können.
Jetzt saß sie neben mir auf dem Bett. Ich rollte mich unter der Decke zu einem Ei. Eine Weile drehte sich noch das Zimmer um mich. Wenn ich die Augen schloss, hatte ich das Gefühl, auf dem Kopf stehend zu rotieren, so wie ein von seinem Seil hängender Akrobat im Zirkus. Nur wenn ich mich ganz still und reglos verhielt und jede Millimeterbewegung, die mein Kopf unwillkürlich zu machen versuchte, rechtzeitig untersagte, hörte das Universum auf sich zu drehen. Mir fiel ein, dass Vincent van Gogh angeblich an einer Krankheit namens Morbus Menière gelitten haben soll, bei der solche extremen Schwindelattacken regelmäßig auftreten. Unter diesem Blickwinkel erschienen mir auch die kosmischen Wirbel in seinen berühmten Nachtbildern völlig selbstverständlich, die schwirrenden Gärten und schief aus der Erde ragenden Häuser mit den hellflimmernden Fassaden, die unscharfen Gesichter der Erntearbeiter und das verwirrende Brausen eines Kornfeldes zur Mittagszeit, was hätte er auch sonst malen sollen … Ich machte probeweise die Augen auf, und der Raum stand zwar etwas schief, aber vollkommen ruhig da. Ich blinzelte ein wenig und bewegte die Augäpfel hin und her. Nichts.
Ich setzte mich auf. Dodo lag neben mir, nun zu einer friedlichen Katzenkugel zusammengerollt, ihr Kinn auf die Pfoten gebettet. Als sie merkte, dass ich sie ansah, öffnete sie die Augen und hob den Kopf. Ich zwinkerte ihr zu. Sie zwinkerte höflich zurück. Dann legten wir uns wieder hin. Ich träumte davon, dass ich in Belgien war. Irgendwo auf dem Land, zwischen mehreren niedrigen, weißen Gebäuden. Hinter mir, in der Ferne, stand ein Reisebus, der mich hierhergebracht hatte. Und zu meinen Füßen lag ein Grab, nicht größer als ein Balkon-Gemüsebeet, verziert mit einem faustgroßen Stein. Es war das Grab jener Maus mit dem menschlichen Ohr auf dem Rücken. Endlich habe ich es gefunden, dachte ich im Traum und erwachte mit tränenverklebtem Gesicht.
An der Wand neben meinem Bett hing ein Bild von Max Ernst, der Engel der Feuerstätte, dessen Anblick mich normalerweise immer glücklich machte, egal, wo mir das rätselhafte Wesen mit pferdeähnlichem Kopf begegnete, das unter ekstatischem Gelächter über eine Ebene tanzt. Jetzt konnte ich es nicht ansehen, da ich mir vorstellen musste, wie sich ein Kind im Institut dieses Kostüm anlegt und anschließend weggebracht wird.
Am Nachmittag kam Julia von der Arbeit. Sie brachte den Geruch von Ratten, Heu und Federn mit. Sie setzte sich zu mir ans Bett und fragte mich, wie das Gespräch gelaufen sei. Da ich nicht antwortete, sondern nur den Kopf schüttelte, griff sie nach dem kleinen, violetten Plastikdinosaurier auf dem Nachttischchen und ließ ihn über meine Brust hüpfen.
Als sie meine Verletzungen sah, erschrak sie.
Später, als ich wieder aufstehen und herumgehen konnte, machten wir einen kurzen Spaziergang. Die Luft im ganzen Bezirk roch leicht verbrannt, aber nicht unangenehm. Möglicherweise fand irgendwo ein Grillfest statt.
Ich beschrieb Julia einige interessante Graffiti, die sich weit oben an der Wand eines Hochhauses in der Nähe des Oeverseeparks befanden. Es gibt wenige Dinge in einer Stadt, die ästhetisch so befriedigend sind wie Graffiti an unerreichbaren Stellen. Das Auge braucht nur eine Sekunde, und schon sieht es die geflügelten Wesen vor sich, die dieses Werk hervorbringen, mit mehreren Armen ausgestattet, schwingen sie sich über die Bauelemente, glatt und in gefährlicher Schräglage, und der Blick des Betrachters rekonstruiert ihre an Marvel-Superhelden erinnernden Kletterkunststücke, die zum Erreichen all dieser wunderbaren unmöglichen Plätze notwendig sind: der Querverstrebungen der Stahlkonstruktion in der Mitte einer Brücke; des hervorspringenden Gebäudeteils, fern aller Balkone; des Inneren eines Tunnels, der vierundzwanzig Stunden am Tag befahren wird; oder der Außenwand von Fahrstühlen — ich erinnerte mich, vor Jahren einmal von einem solchen Fall gelesen zu haben. Im Zuge des Umbaus eines zweiundzwanzig Stockwerke hohen Gebäudes in Wien wurde der Fahrstuhlschacht verbreitert und die Kabine durch eine neue, größere ersetzt. Als die Arbeiter die alte entfernten, sahen sie, dass jeder Zentimeter der normalerweise an ihrem Stahlseil auf und ab schwebenden Metallbox außen mit Tags und gesprayten Liebesszenen bedeckt war. Es hieß, vor lauter Ratlosigkeit hätten die Arbeiter die alte Fahrstuhlkabine sofort entsorgen lassen.