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9 Getuige X-1, Rue des Minimes
[Grüne Mappe]
— Kein Grund, sich zu schämen, sagte Herr Ferenc am nächsten Morgen. Es ist die Natur.
— Was meinen Sie?
— Wir sind Europäer. Wir sind imstande, Menschen zu foltern, wenn davon unser Kopfweh besser wird. Ich glaube, etwas stimmt nicht mit uns. Wahrscheinlich unser Erbgut. Schwer zu sagen, was genau da schiefgegangen ist, oder wann. Aber vielleicht waren es die vielen Seuchen, die wir überlebt haben. Wir waren die Ersten, die in Städten gelebt haben, die so verdreckt waren, dass gleich eine ganze Reihe völlig neuartiger Krankheiten entstanden ist. Bakterien, Viren. Wir haben sie sozusagen gezüchtet, in uns, sind reihenweise an ihnen verreckt, und nur wenige sind übrig geblieben. Und die haben die Seuchen dann in die Neue Welt geschleppt, und die dort drüben sind beinahe ausgestorben. So einfach ging das damals. Aber irgendwas stimmt nicht mit uns, wir sind nicht ganz richtig in der Welt. Wir fügen uns nicht ein, die Natur hat uns nichts zu sagen. Vielleicht sind wir die Abkömmlinge von Außerirdischen — und nicht die Asiaten, wie’s die gängigen Theorien behaupten.
— Die Asiaten? Was für eine Theorie soll –
— Und dieser robustere Körper unserer Urahnen, wer immer sie waren, hat einen défaut du matériel sozusagen. Fehler in der Hardware. Die Gedanken laufen in merkwür-digen Bahnen. Dadurch entsteht sehr viel Kunst. Ja, auch subversive, natürlich. Aber wir würden wahrscheinlich auch einen ganzen Kontinent im Meer versenken, bloß damit wir ein bisschen weniger einsam sind. Wir hören zum Beispiel gern Menschen schreien. Hören Sie nicht gern Menschen schreien?
— Ich? Nein, ich weiß nicht… Auf keinen Fall, nein.
— Wo kommen Sie her, darf ich das fragen?
— Ich verstehe wirklich nicht, was Sie mir sagen wollen.
— Okay, sagte Herr Ferenc und hob die Hand. Ist gut. Ich wollte nicht… Aber Sie kennen Dürers Engel, oder?
— Engel… Nein, ich weiß nicht.
— Aber natürlich kennen Sie ihn, das ist ein berühmtes Bild, der Engel, der zwischen allerlei Objekten sitzt und das Kinn auf die Hand stützt?
— Die Melencolia?
— Ja. Was würde der Engel wohl machen, wenn er einen Mann hinter sich brennen sähe? Oder er sieht am Horizont einen geräderten Menschen, der zwischen den Radspeichen hängt und den die Geier zernagen? Oder eines dieser Katzenopfer im Mittelalter, wo sie eine Katze bei lebendigem Leib… äh… eingenäht –
— Aaah, machte ich. Bitte nicht.
Herr Ferenc lachte.
— Warten Sie, sagte er. Ich schicke das bald an Olivier in Bécs… Darf ich es Ihnen zeigen?
— Was ist das?
— Die Folgen einer Relokation, sagte Ferenc.
Allein die Tatsache, dass es sich um eine alte VHS-Kassette handelte, verlieh dem Ganzen einen Hauch von Bedrohlichkeit: Niemand hatte das Band in all den Jahren überspielt.
Zuerst flimmerten nur weiße Streifen, dann fiel plötzlich die Gestalt eines sitzenden Kindes von oben in den Bildschirm. Über ihm schwebte in weißer Schrift der Minuten, Sekunden und Zehntelsekunden zählende Timecode einer Videokamera.
Herr Ferenc drückte auf Standbild. An den Rändern zittrig und unscharf, zerfließend in Spektralfarben wie die giftigen Regenbogen in Ölpfützen, fror das Videobild ein.
— Ist alles in Ordnung? fragte er.
— Mit mir? Ja.
— Vous saignez du nez, sagte er lächelnd.
Ich griff mir an die Nase. Ein roter Punkt auf meinem Finger.
— Danke, murmelte ich und kümmerte mich um mein Nasen-bluten.
Es war gleich wieder vorbei, kaum der Rede wert. Die Lufthansa-Serviette, die ich gestern im Flugzeug eingesteckt hatte, nahm ein paar rote Flecken auf.
Der Kopf des Mädchens auf dem Bildschirm ruckelte währenddessen stetig nach unten, als wüsste das auf Magnetband gebannte Wesen, dass es zwar im Standbild gefangen war, aber doch unbedingt versuchen musste, zu entkommen. Die Bildpunkte des Fernsehschirms wurden allmählich zu Sandkörnern, die von Vibrationen zum Rieseln gebracht wurden. Der Videorekorder war so alt, dass es ihn Kraft und Mühe kostete, das Standbild zu halten. Gleich würde es ihm entgleiten. Das Zittern und Flimmern nahm zu, die Farben an den Rändern wurden psychedelischer…
Herr Ferenc drückte auf Play.
Die plötzlich wieder einsetzende Bandbewegung brachte den dreidimensionalen Raum zurück, ich taumelte einen Schritt vorwärts.
– Ça va?
— Geht schon, sagte ich.
Ein etwa sieben oder acht Jahre altes Mädchen saß in einer etwas seltsamen Haltung auf einem Stuhl. Sie wand sich hin und her, beugte sich über ihre Knie. Dann begriff ich: Das Kind war festgebunden.
— Okay, schalten Sie aus, sagte ich und wandte mich ab.
— Aber…
— Nein, ich kann das nicht anschauen. Das ist zu schrecklich.
— Ja, das ist schrecklich, sagte Herr Ferenc leise. Aber Sie müssen doch wissen, auf welcher Art von Planet Sie wohnen seit… seit wie vielen Jahren?
Ich wandte mich wieder ihm und dem Bildschirm zu.
— Wie?
— Wie alt sind Sie?
— Fünfundzwanzig.
— Na, dann wissen Sie es doch. Aber sehen Sie, da, dem Mädchen passiert nichts. Sie ist nur an… ange… sie hängt hier fest, sehen Sie?
— Ja. Bitte, schalten Sie es ab.
— Aber warum?
— Weil ich es nicht aushalte. Es ist grauenvoll. Herr Ferenc drückte auf Stopp. Der dunkle Bildschirm war eine solche Wohltat, dass ich tief durchatmen und für einen Moment die Augen schließen konnte.
— Sie wollen nicht sehen, was passiert?
— Darf ich mich kurz setzen…?
— Mais oui, bien sûr… Hier, bitte.
Er hob einen Stapel alter Magazine von einem Sessel. Ich setzte mich und lehnte den Kopf zurück.
— Beschreiben Sie mir, was passiert, sagte ich. Ich will es wissen, aber ich kann es mir nicht ansehen.
— Warum wollen Sie, dass ich es Ihnen sage?
— Es ist… Na ja, so ist es leichter. Ich kann mir nicht ansehen, wie dieses Mädchen gequält wird.
— Es wird nicht gequält.
— Es ist doch festgebunden!
— Ja, aber…
— Das ist doch Folter! Wer bindet denn ein Kind an einen Stuhl, in irgendeinem… Gefängnis oder wo auch immer das aufgenommen wurde… Das ist doch krank, ich meine, das ist… Bitte, ich kann so etwas nicht anschauen.
Und da er mich immer noch verständnislos anstarrte, setzte ich auf Französisch, der Sprache, die ihn tiefer treffen musste als das Deutsche, hinzu:
— C’est atroce.
Er nickte, legte die Fernbedienung auf den kleinen Tisch. Dann räusperte er sich, wartete ein wenig und sagte:
— Aber trotzdem wollen Sie, dass ich es Ihnen erzähle?
— Na ja, sagte ich. Ich muss doch wissen, was passiert.
— Aber woher wissen Sie, dass meine Version stimmt? Wenn Sie es nicht mit eigenen Augen sehen, dann werden Sie nie sicher sein können. Vielleicht lasse ich etwas aus? Oder ich erinnere mich nicht an alle Details?
Ich konnte ihm nicht direkt in die Augen sehen. Auf
meinen Knien entdeckte ich Wischspuren einer weißen, pulvrigen Substanz. Vielleicht von einer Mauer, abbröckelnder Verputz.
— Ich finde, Sie sollten es sich ansehen.
— Tut mir leid, ich kann nicht.
Als wir wieder auf der Straße waren, sprach Herr Ferenc sanft auf mich ein. Er sagte, er würde mir gerne etwas Gutes tun. Irgendeine Geste. Einen Gefallen. Sozusagen als Wiedergutmachung. Er habe mir keine Angst einjagen wollen, er habe geglaubt, dass ich deswegen zu ihm gekommen sei. Um zu sehen.