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Der Himmel war bewölkt, die Luft roch nach gerade gefallenem Regen auf Asphalt.

Er könnte mich mitnehmen, bot Herr Ferenc an, auf Partys, wo man Vertraulichkeitserklärungen unterzeichnen musste, um reinzukommen. Dann klopfte er mir auf die Schulter und lachte. Er habe nur gescherzt.

Dann brachte er mich zu dem Club mit dem flämischen Namen Getuige X-1. Es war ein finsterer, um diese Tageszeit (später Vormittag) spärlich gefüllter Keller. Eine Art Türsteher musterte uns, rührte sich aber nicht von der Stelle.

Der Vorhang ging auf, und eine Gestalt betrat die Bühne. Zu beschwingtem Benny-Goodman-Jazz begann sie zu tanzen. Ihre Beine sahen normal entwickelt aus, das Gesicht war das eines etwa dreißigjährigen Mannes. Nur an der Stelle, wo der Oberkörper sein sollte, war beinahe nichts, nur ein geschrumpftes Körperversatzstück, ähnlich einem dicken Hals. Nach der kurzen Tanzdarbietung kam ein Mann mit Zylinder auf die Bühne, fasste die Gestalt am Hals und trug sie fort, während sie sich mit gleichgültigem Gesicht immer noch weiter bewegte.

Die Leute applaudierten verhalten. Ein kurzer Pfiff ertönte. Ich hatte mich weit nach vorne gelehnt, um zu erkennen, wie der Trick funktionierte. Herr Ferenc berührte mich an der Schulter:

— Okay, sagte er, ich sehe, Sie machen sich Sorgen. Deswegen möchte ich Ihnen erzählen… äh, die folgende Geschichte: eine Mutter, ja? Stellen wir uns vor, eine Mutter, die weiß, dass ihre Existenz für ihre Kinder lebenswichtig ist. Sie ist alleinerziehend und von aller guten Gesellschaft verlassen, sozusagen, hat kein soziales Auffangbecken. Gut. Ihr eigenes Wohlergehen, ihre geistige und körperliche Gesundheit sind ihr sehr wichtig, denn von ihr hängt das Leben ihrer Kinder ab. Sie darf keinen Tag im Jahr krank sein, sonst würde das Chaos ausbrechen. Also achtet sie sehr auf sich, neigt zu Hypochondrie, übertriebener Sauberkeit. Eines Tages meldet sich ein alter Bekannter, der sich einst von ihr zurückgesetzt und gedemütigt fühlte und nun Rache an ihr nehmen will. Er droht ihr, beschimpft sie. Die Mutter setzt natürlich die Bedrohung ihrer Person automatisch mit der Bedrohung ihrer Kinder gleich, klar? Also greift sie zu einem paradoxen Mittel, um mit der Bedrohung fertig zu werden: Sie schickt ihre Kinder vor, lässt sie sogar mit dem unberechenbaren Mann allein. Denn, so sagt sie sich, die Überlebenschancen der Kinder sind um vieles höher als ihre, mit den Kindern hat der Mann ja keinen Streit. Sie können ihm höchstens als Stellvertreter für sie erscheinen, und selbst in diesem Fall gibt es immer noch die Möglichkeit, dass er sich nur symbolisch an ihnen rächen wird. Ihre Wunden werden mit Sicherheit wieder verheilen, während sie Gefahr liefe, dauerhaft beschädigt oder sogar ausgelöscht zu werden, wenn sie sich in die Nähe des gefährlichen Mannes begäbe. Preisfrage: Handelt die Frau aus Egoismus oder nicht?

— Was?

— An welcher Stelle sind Sie denn ausgestiegen? fragte Ferenc freundlich.

— An keiner, ich… Vielleicht können wir kurz vor die Tür gehen?

— Sì, certo, sagte Ferenc. Es befindet sich ohnehin auf der Rückseite des Gebäudes.

Ich folgte ihm einen Gang entlang, der an einer Küche vorbeiführte, dann kamen die Toiletten (Strichmännchen und Raketenweibchen), schließlich traten wir durch eine Tür in einen Innenhof. An der Mauer gegenüber sah ich zwei Eingänge, beide mit Gegensprechanlage und Ziffern-Pad. Dazwischen eine schmale Blechtür, auf der ein Vorsicht-Elektrizität-Zeichen angebracht war: ein zackiger Pfeil, der ein dickköpfiges Strichmännchen in den Bauch traf. Herr Ferenc schloss diese Tür mit einem Schlüssel auf, der an einem kleinen silbernen Ufo hing. Stufen, die nach oben führten. Die Beine eines Mannes waren zu sehen, der auf einer höheren Treppenstufe stand. Er kam einige Schritte herunter, bis er auf Straßenniveau war.

Er lächelte, als er Ferenc erkannte, und begrüßte uns.

Ich hob die Hand, da ich plötzlich Angst davor hatte, den fremden Mann meine Stimme hören zu lassen.

— Combien? fragte Ferenc.

Der Mann öffnete seine Hand und zeigte: fünf.

— Et sur le toit?

Zwei Finger verschwanden.

Herr Ferenc nickte.

Dann stieg er die äußerst schmale Treppe hoch. Ich folgte ihm. Der Mann wandte sich demonstrativ von mir ab, als ich mich an ihm vorbeidrängte. Als mein Gesicht für einen kurzen Augenblick ganz nah an seinem war, be-

schirmte er sogar seine Augen mit einer Hand.

— Wir gehen gleich direkt aufs Dach, sagte Herr Ferenc.

Auf dem Dach angekommen, hatte ich das Gefühl, dem bewölkten Brüsseler Himmel sehr nahe zu sein. Es war erstaunlich warm hier oben. In einer Ecke saßen drei Männer. Kameras oder etwas Ähnliches baumelten um ihren Hals. Als ich näher an sie herantrat, erkannte ich, dass es Atemschutzmasken waren.

Die Männer spielten Karten. Neben ihnen auf dem Boden standen Bierflaschen. Blanche de Bruxelles. In einiger Entfernung von ihnen standen ein paar größere Spielzeugautos herum, die von Wind und Regen schmutzig und verblichen waren. Einem kleinen Bagger, etwa in der Größe einer Ratte, fehlten alle vier Reifen. Ein Polizeiauto lag auf der Seite, wie nach einem Unfall.

— Pause, sagte Herr Ferenc und deutete auf die Männer.

Sie winkten ihm zu.

Wir gingen zurück ins schmale Treppenhaus.

— Was ist das hier? fragte ich.

— Traitement sudorifique, sagte Herr Ferenc.

— Was bedeutet das?

— Cure de transpiration.

Ich sah, was Ferenc meinte. Der Mann auf der Treppe schwitzte ganz außerordentlich. Er schien von uns, die wir zwei Treppenstufen über ihm stehen geblieben waren und sich über ihn unterhielten, keine Notiz zu nehmen. Sein Kopf war frisch geschoren wie der eines Klosternovizen. Auf seinem Hemdrücken zeichnete sich ein riesiger v-förmiger Schweißfleck ab.

— Ah, fuck you, sagte er leise, und ein Schaudern ging durch seinen Körper.

Er streckte den Arm aus und berührte mit junkieartig verkrümmten Fingern die Wand. Als wäre sie brennend heiß, zuckte er zurück, führte die Finger schnell zum Mund und saugte an ihnen. Ich machte den Versuch und berührte die Wand ebenfalls. Eine gewöhnliche, kühle Mauer.

— Voulez vous lui donner un coup de pied?

— Was?

— Haben Sie Lust, ihn zu treten?

— Warum sollte ich das tun?

Herr Ferenc stieg eine Stufe nach unten und berührte den Mann sanft am Kopf. Der Mann zuckte zusammen und wand sich, als hätte man ihm einen brutalen Schlag verpasst. Dann holte Herr Ferenc aus und boxte ihm mit ganzer Kraft gegen die Schulter. Der andere schien den zweiten Schlag gar nicht zu bemerken, sondern hielt sich weiter jammernd die Stelle am Kopf, die ihm augenscheinlich sehr weh tat.

— Das ist die neue Lieferung. Da hinter der Wand. Ist gestern Morgen angekommen. Morgenstund’ hat Gold im Mund. Und ich hab mir das für ihn überlegt. Hier.

Herr Ferenc zeigte mir das kleine Spielzeugmodell einer Seilbahn, noch originalverpackt.

— Kommen Sie morgen wieder, sagte er. Dann gehen wir rein. In den Tank.

Im Hotel lag ich in der Badewanne und goss mir mit der hohlen Hand warmes Wasser über den Kopf. Eine Kelle nach der anderen. Nach einer Weile rief mich Julia an und fragte, was denn los sei. Ohne mir die Mühe zu machen, nachzufragen, warum und woher sie wisse, dass etwas nicht stimmte, erzählte ich ihr von dem grauenvollen Gespräch mit Ferenc, dem bizarren Treppenhaus, der originalverpackten Modellseilbahn, dem Video und schloss mit der Beschreibung der eindrucksvollen Stahlkonstruktion mit den Raben gestern im Park, als mich Julia unterbrach und sagte, zu Hause habe vor einer Stunde oder so eine etwas verstört wirkende Frau angerufen, die sie zuerst gar nicht verstanden habe. Gudrun Stennitzer.

— Okay, ich rufe sie gleich zurück.

— Ja, tu das.