— Erfahrung damit haben?
— Ach, das ist wirklich dumm, entschuldigen Sie.
— Nein, Herr Setz, gar nicht. Ist gar nicht dumm. Ich hab tatsächlich schon einiges ausprobiert. Welche Art von Kopfschmerz ist es denn? Mit Schwindel?
— Ja. Ein bisschen.
— Und wie ist der Schwindel? Mehr drehend oder einfach nur ein Gefühl von fehlender Orientierung… oder sitzt der Schwindel tiefer, weniger im Gleichgewichtssinn, sondern sozusagen im Kern. Sie wissen bestimmt, was ich meine.
— Eher das erste.
— Einfach nur Drehung?
— Ja, wenn ich mich zurücklehne. Und dazu diese rasenden Kopfschmerzen.
— Und Sie sind allein?
Eine Pause entstand. Sie hatte diese Frage nicht anders betont als alle anderen. Sachlich interessiert. Eine Frau, die wusste, wovon sie sprach.
— Also dagegen, Herr Setz… Nun ja, dagegen… gibt es nichts. Nichts, was mir auf die Schnelle einfallen würde. Außer Schmerzmittel. Massenweise Schmerzmittel. Aber davon gehen die Symptome meist nicht weg.
— Okay, sagte ich.
— Massenweise Schmerzmittel. Eins über dem anderen, zu einer Pyramide gestapelt. Aber achten Sie auf ausreichend Abstand zwischen den einzelnen Tabletten. Sonst könnte es zu einem Missverständnis in Ihrem Körper kommen.
— Danke. Ich werde versuchen –
— Mir fällt noch etwas ein. Ein Ortswechsel, vielleicht? Das tut auch manchmal gut. Fahren Sie in den Norden. Da sind die Nächte angenehmer. Ich kann das leider nicht. Ich muss immer hierbleiben.
— Residenz Verlag, sagte ich leise.
— Wie bitte? fragte Frau Stennitzer.
— Ich hab gesagt, Re… Ach, bitte entschuldigen Sie, mir ist nur gerade etwas durch den Kopf gegangen. Ein kleines Störsignal sozusagen, eine Interf… äh, Sie verstehen bestimmt, was ich…
— Ja, Sie machen einen verwirrten Eindruck, Herr Setz, sagte sie und legte grußlos auf.
10 Eine eigentümliche Einrichtung
Robert hatte das Gefühl, dickflüssigen Sirup durch die Augen getrunken zu haben. Um sich abzukühlen, starrte er auf einen ungefährlichen Fleck an der Wand. Ein Mal, das nichts mit ihm und dem Rest der Menschenwelt zu tun hatte.
Er hatte den Inhalt der Mappen fast komplett durchgelesen.
Magda T., friedliche Anwendung von Indigo-Potenzial, Oliver Baumherr, Ferenc.
Selbst wenn er die Augen schloss, standen die Begriffe vor ihm — derselbe Effekt, der sich einstellte, wenn man vor dem prächtigen leeren iSocket in der Annenstraße stand, mitten in der Nacht, wenn oben im Himmel nur wenige Sterne und unten auf der Erde nur wenige Lichter unterwegs waren.
Das Telefonbuch schien angenehm überrascht, dass er es, nach so vielen Jahren totaler Missachtung, innerhalb weniger Tage ein zweites Mal konsultierte. Es zirpte leise und kontinuierlich, während er den Namen suchte.
Hofrat Prim. Univ-Prof. Dr. Otto Rudolph.
Robert musste lachen. Er stellte sich vor, die über den Namen des Mannes hinausragenden Titel abzubeißen wie eine überstehende Zellophanhülle. Wie bei einer Zuckerstange, die man aus der Verpackung nimmt und wegknabbert bis auf einen kleinen Stummel, und den Stummel legt man dann zurück in die Hülle. Oder wie eine viel zu lange Vorhaut.
Robert schlug mit der Faust auf den Boden. Das Telefonbuch zirpte und wich ein wenig zurück.
In seinem Zimmer suchte er sich den Matrix-mäßigsten Mantel aus dem Schrank, den er finden konnte. Dazu eine Sonnenbrille. Es war ein wolkenverhangener Tag, aber egal.It’s 106 miles to Chicago, Robin, we got a full tank of gas, half a pack of cigarettes, it’s dark, and we’re wearing sunglasses. Kurz dachte er daran, seinen Darth-Vader-Helm mitzunehmen, aber er ließ ihn im Schrank liegen.
Als er auf die Straße ging, fing es gerade zu regnen an.
Auf seinem Weg begegnete er einem fröhlichen Festumzug aus zwanzig bis dreißig Leuten, der sich durch eine schmale Seitengasse schob. Er sah die mit Tröten und bunten Fahnen ausgerüsteten Menschen aus einiger Entfernung. Sie kamen auf ihn zu. Sofort machte er kehrt, lief aus der Seitenstraße und hielt sich für den Rest des Weges an die Hauptverkehrswege.
Der Portier schrieb sich Roberts Namen ganz genau auf, und der iBall über ihm in der kleinen Kabine sah verschreckt und paranoid aus, wie ein zu lange in einem Käfig gehaltenes Tier. Robert winkte ihm zu. Keine Reaktion.
Es wurde telefoniert, in Gegensprechanlagen gesprochen. Sogar ein kleiner Schlüssel wurde in guter James-Bond-Endboss-Manier in ein Schloss mitten auf dem Schreibtisch gesteckt und umgedreht. Dann wurde er durchgelassen.
Dr. Rudolph war sehr alt geworden. Aber er begrüßte Robert herzlich und mit echter Überraschung. Er fragte ihn sofort, was er jetzt mache, korrigierte sich allerdings gleich wieder, er habe natürlich, selbstverständlich, die Ehrung mitbekommen, den Preis für das Gemälde, ach, ganz wunderbar sei das, der späten Früchte seiner Bemühungen immer wieder gewärtig werden zu dürfen. Das Institut gehöre zwar, seit Riegersdorf voll eingeschlagen habe, leider endgültig der Vergangenheit an, aber dennoch, es freue ihn immer wieder, von seinen früheren Schützlingen zu hören.
— Aber bitte, kommen Sie rein, ich bitte Sie.
Robert trat ins Innere des Hauses und schaute sich um. Hätte er AugMentors getragen, wäre der Raum bestimmt explodiert in ein Blütenmeer aus Preisschildern. Wie im Schmetterlingshaus zur Paarungszeit müsste das aussehen.
— Ich hab mir gedacht, ich schaue mal bei Ihnen vorbei.
— Ja, oh, das ist wirklich sehr nett von dir … Ihnen, Entschuldigung, ich bringe die Zeitebenen durcheinander.
Der alte Direktor lachte. Er schien ehrlich bewegt.
— Haben Sie gehört, fragte Robert, ebenfalls lächelnd. Von dem Setz?
Die Freude blieb in Dr. Rudolphs Gesicht stehen, aber sie benötigte einige Stützfalten.
— Ah, sagte er. Ja, ein tragischer Fall. Ich bin froh, dass er nicht bei uns geblieben ist. Aber gut, jetzt ist er frei. Man hat ihm nichts nachweisen können. Aber die Anzeichen waren da. Die Umstände. Die Indizien.
— Er behauptet, dass er in Brüssel jemandem begegnet ist. Einem Mann namens Ferenc. Und ich kann mich erinnern, dass im Institut –
— Möchten Sie einen Kaffee, junger Mann?
— Nein danke. Ich –
— Sicher nicht? Ich kann Adelir bitten, Ihnen einen zu machen.
Der Direktor griff sich an den Hals und drückte zu. Sofort erschien ein kuhäugiger Mann mit dunklem Bart.
— Wir hätten gern einen Kaffee.
Der kuhäugige Mann nickte und verschwand wieder.
— Ich weiß die Details nicht mehr, wie das war, damals, sagte Robert. Deswegen komme ich zu Ihnen.
— Deswegen, aha, wiederholte der Direktor zerstreut.
— Meine Erinnerung ist ein wenig verwischt. Ich habe nie verstanden, warum ich dieses eine Semester zu Hause verbracht habe. Alle waren in einer Art Wartehaltung und … Und plötzlich war wieder alles ganz normal. Zurück in die Schule, Matura …
Robert schüttelte den Kopf und versuchte, verwirrt dreinzublicken.
— Na ja, das … (Dr. Rudolph griff sich wieder an den Hals.) Das weiß ich auch nicht. Es ist schon lang her.
— Und jetzt hab ich diesen Bericht von Setz über seinen Besuch in Brüssel gelesen, und es ist … es erinnert mich an einige Dinge, auch diese Sache mit Magda T., ich weiß nicht, was es ist. Aber Sie können mir bestimmt helfen.
Alle Titel waren vom Direktor abgefallen. Sein Gesicht war käsig. Er sah aus, als wollte er am liebsten mit dem Teppich verschmelzen.
— Der Setz? Der war doch nie in Brüssel. Nicht, dass ich wüsste. Er hatte genug zu tun in Entzugskliniken und so weiter. Sie verstehen.