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Robert ertappte sich dabei, dass er nickte. Er wandte sich ab und bohrte einen Finger in den körnigen Verputz der Mauer. Raue Oberfläche, Fingernägel, Gänsehautgefühl.

— Woher haben Sie denn das alles? fragte Dr. Rudolph. Schreibt dieser Mörder jetzt wieder seine elenden Artikel?

— Ich habe ihn besucht, sagte Robert.

— Was?

— Ich habe ihn besucht. Er hat sich sogar noch an mich erinnert.

— Um Gottes willen, Robert, das ist doch … Entschuldigung, Herr Tätzel.

— Schon okay, Sie können mich gern –

— Aber das ist doch gefährlich! Dieser Mensch, der ist … der ist nicht normal. Der … ach, Sie müssen verstehen, wie das damals war. Wir wussten noch so wenig darüber. Und Ihre Zahl ist stetig größer geworden. Solche Veränderungen haben uns damals einfach … kalt erwischt, verstehen Sie?

Robert schloss die Augen. So stand er eine Weile da, dann machte er die Augen wieder auf und nahm eine kleine Figur aus einem Buchregal. Ein kleines Plastikreh. Er blickte Dr. Rudolph an, lächelte und steckte sich die Figur in den Mund. Er ließ zwei Sekunden verstreichen, dann nahm er sie wieder heraus, wischte sie an seinem Ärmel ab und stellte sie zurück.

— Das alles ist ganz wunderbar, sagte er und ging auf Dr. Rudolph zu.

— Wie? Also, ich –

Die Hand des Direktors wanderte an seinen Hals.

— Wunderbar, alles großartig, sagte Robert. Ich muss Ihnen die Hand schütteln. Sie haben meine Zweifel zerstreut.

— Freut mich, aber … Was genau meinten Sie damit, dass Sie ihn besucht haben? Er empfängt doch keine Besuche, soviel ich weiß, oder …

— Er war eigentlich ganz nett.

— Du liebe Zeit. Na ja, dann haben Sie wahrscheinlich Glück gehabt. Aber Sie müssen vorsichtig sein. Er hat bestimmt immer noch Kontakte.

— Nur das Lesen hat ihm Schwierigkeiten bereitet.

— Das Lesen, ach so, ja, sagte der Direktor verwirrt.

Robert wusste nicht, warum er das gesagt hatte. Das Lesen. Wie war er darauf gekommen? Am liebsten hätte er sich die Stiefel ausgezogen und sie durch den Raum geschleudert. Oder in Dr. Rudolphs Kopf gebissen, in diesen runden, im Alter noch glühbirnenartiger gewordenen Menschenkopf, nur ein kleiner Biss in die Stirn, dort, wo die alternde Haut so ein gehirnartiges Gekröse-Dings bildete.

Er schüttelte sich, um die Vorstellung loszuwerden.

— Wie geht es Ihren Eltern? fragte Dr. Rudolph.

— Fantastisch, sagte Robert und streckte die Arme aus, als wollte er den ehemaligen Direktor umarmen.

Dieser wich einen Schritt zurück, kam aber gleich wieder näher, als korrigiere er damit eine äußerst unhöfliche Geste. Robert griff sich an die Stirn:

— Ich habe ziemliche Kopfschmerzen, sagte er. Kennen Sie das?

— Ja, ich schätze schon. Und Sie sind ja auch ganz nass, Herr Tätzel, Sie hat wohl der Regen erwischt.

— Ach ja, der Regen.

— Sie hätten einen Schirm nehmen sollen.

— Einen Schirm. Das ist eine fantastische Idee, Herr Direktor.

Das Gesicht von Dr. Rudolph sah aus wie ein Schnappschuss. Die Augenlider hingen herab, der Mund war halb offen. Hätte er sich jetzt im Spiegel gesehen, wäre er wahrscheinlich erschrocken und hätte sofort seinen Gesichtsausdruck korrigiert.

Robert schwieg.

Gegen die Fensterscheiben prasselten die Regentropfen, unregelmäßig und dicht wie die Signalzeichen eines Geigerzählers. Mal erinnerten sie an einen Trommelwirbel, mal lockerten sie sich zu dem nervösen Geklapper von Fingernägeln auf einer Tischplatte.

11 Der Spaziergang

[Grüne Mappe]

Das Licht an diesem Frühsommertag war diesig, feucht und vibrierend. Wie ein Nystagmus des Sonnenballs. Die ganze Gegend, der ganze Bezirk war erfüllt von dem alles in sanften Schwindel versetzenden Van-Gogh-Brausen in den Sträuchern und Büschen, die Wolken zogen schwer und satt über den Himmel, wie Schablonen, die durch das Bild eines Overheadprojektors geschoben wurden, der Wind erwachte alle paar Minuten aus unruhigen Träumen und fegte über alles hin, als wolle er reinen Tisch machen, alles vergessen, von ihren Besitzern zurückgelassene Fußbälle und Plastiksäcke lagen auf einer Wiese, und über die kahlen Wände der parknahen Hochhäuser zogen Wolkenschatten, die sich abwechselten mit einer sekundenlang aufglühenden Sonnenlichtglasur.

— Xenopathische Menschen? fragte Julia.

— Ja, so haben sie das genannt, bei dieser Schwitzkur, das war auf dem Dach, und einer hat gesagt: Ich bin zur Hälfte xenopathisch! Wow, toll… Spüren wir etwas? Nein. Sag Indigo, du Idiot! Xenopathisch, verdammtes Scheißwort! Du bist ein Indigo, ein Digger! Und dann lachten sie alle.

— Ich versteh dich nicht, sagte Julia, du redest so wirr. Und so schnell. Komm, gehen wir hier lang.

Wir bogen in einen Weg ein, der den Teich entlangführte. Auf einer Wiese spielten ein paar Jugendliche mit einem alten schwarzen Hut Fußball.

— Aber es ist doch falsch, oder?

— Was?

— Das Wort xenopathisch, sagte ich. Das heißt nicht, dass ich andere Leute krank mache. Das heißt, dass ich von Fremdem krank werde.

Julia nahm meine Hand und steckte sie zu sich in die Manteltasche. Meine Finger stießen gegen ihren Seifenblasenspender und ein zusammengeknülltes Taschentuch.

— Du schweifst so leicht ab, sagte sie.

— Ja, sagte ich. Ich hab vermutlich einen Ohrwurm von den Leuten in Brüssel. Ich meine, wir waren in dieser Bar, oder nein, es war ein Club, mit einem komischen flämischen Namen, keine Ahnung, X-1 oder so, und dort reden die alle so schnell, das Plappern…

— Es ist schlimmer als sonst, sagte Julia.

Sie hatte recht. Am Abend zuvor hatte ich mich hingesetzt und nach langer Abstinenz wieder einmal versucht, etwas Mathematik zu machen, aber ständig rutschte mein Blick ab von der geschwungenen Mengenklammer, das Papier voll Gruppentheorie verschwamm vor meinen Augen, und die Symbole führten einen merkwürdigen Mummenschanz auf, einen Tanz im luftleeren Raum.

— Hast du eigentlich dem Residenz Verlag schon etwas geschickt?

— Wie?

— Na, dem freundlichen Lektor, der angerufen hat. Ich hab’s dir doch gesagt. Seinen Namen hab ich dir auch aufgeschrieben. Er hat gesagt, er würde sich freuen…

– Äh, ich weiß nicht, sagte ich, aber… weißt du, diese Jugendlichen haben kein Recht, sich so aufzuführen, ich meine, schau, welches T-Shirt der dort trägt.

Die Jugendlichen waren einige Meter entfernt, und Julia schaute gar nicht erst hin, sondern neigte ihren Kopf etwas zur Seite, damit ich ihr die Antwort sagen konnte:

— Dingo Rat.

— Hm, komisch, sagte Julia.

Ich blickte kurz in den Himmel, und die Sonne war ein sich flirrend drehendes Windrad über den Hochhäusern. Ein weißer, temperaturloser Schmerz fuhr in meinen Kopf.

Die Bezeichnung sei doppelt und dreifach unfair, sagte ich zu Julia, denn es sei doch erwiesen, dass Ratten die bemerkenswertesten Kreaturen überhaupt auf diesem Planeten seien, sogar noch faszinierender als die unsterbliche Quallenart Turritopsis nutricula oder jene mysteriöse Seegurkenart, deren Zellen ab einem gewissen Zeitpunkt in ihrer Entwicklung nicht mehr altern. Die Ratten, sagte ich, seien nach einer unendlich komplexen sozialen Hierarchie organisiert, so vielschichtig und nuancenreich, dass es uns, den menschlichen Beobachtern, in den meisten Fällen naturgemäß wie chaotisches Gewusel, wie sinnloses Übereinanderrennen und Aneinandervorbeiquetschen erscheinen müsse. Das Gegenteil sei der Fall, jede Ratte habe ein genaues Abbild der gesamten Rattenpopulation im Kopf, der sie angehöre, und wenn eine stirbt, verändert sich ihr Platz im großen Ganzen um eine mikroskopische Einheit nach unten oder oben, nach links oder nach rechts, je nachdem, die Rattenpopulation in den Untergrundwelten der Großstädte, etwa in der Kanalisation oder in den U-Bahn-Schächten, sei mit einem durch rätselhafte, wahrscheinlich uralte Kommunikationsfäden zusammengehaltenen Fischschwarm zu vergleichen, die Enge und das verbindende Element des Wassers werde bei ihnen lediglich ersetzt durch etwas, das uns noch nicht bekannt sei, möglicherweise eines dieser morphischen Feld-Dinger, sagte ich, an die man aber, da sie ein reiner Glaubensartikel seien, natürlich nicht glauben könne.