— Ja, beschreib sie mir noch einmal, sagte sie.
12 Das Unerträglichste
auf der Welt
— Vergiss sie! Das Unerträglichste auf der Welt sind hübsche Frauen, sagte der Lehrer und fuchtelte mit seinen Händen in der Luft, als wollte er einen unangenehmen Geruch vertreiben. Ich sage Ihnen, das Unerträglichste auf der ganzen weiten Welt sind Frauen, die so hübsch sind, dass alle Männer sich in sabbernde, zappelnde, unwürdige Idioten verwandeln, die die Frauen ständig mit ihren dümmlichen Faxen zum Lachen bringen wollen und Sonette oder Rockballaden auf sie dichten. Nein, das muss einmal ein Ende haben! Wenn Sie mich fragen.
Der Mathelehrer fasste Robert an den Schultern und schüttelte ihn sanft.
— Wenn Sie mich fragen, fuhr er fort, dann sollten sich die Männer mehrere Jahre lang überhaupt nicht mehr um all die hübschen Mädchen dieser Welt kümmern. Jawohl, hübsche junge Frauen sollten mehrere Jahre lang vollkommen tabu sein und konsequent ignoriert werden. Das wäre das einzig Richtige, der einzig realistische Ausweg aus der ganzen Misere. Aber leider, leider, ich weiß natürlich so gut wie du, dass das nicht so ohne Weiteres geht, denn die jungen Kerle mit ihrer Energie können ja gar nicht anders, sie sind nun mal von Natur aus so programmiert, und selbstverständlich kann man daran auch gar nichts ändern, sonst würde ja die ganze Menschheit aussterben. Was bleibt also übrig? Nun, nicht viel, aber vielleicht lässt sich doch eine gewisse Verschiebung bewerkstelligen — halt, protestieren können Sie später, lass mich zuerst erklären, was ich mit Verschiebung meine. Also. Ich meine damit, man sollte sich als energiegeladener, lebendiger, sexuell aktiver junger Mann — so wie Sie — in erster Linie auf Frauen konzentrieren, die als nicht so hübsch oder als mittelmäßig gelten, denn — halt, warte, Sie kommen ja gleich dran — , denn so würden all die bildhübschen, von allen einflussreichen Männern völlig zu Unrecht bevorzugten Frauen endlich einsehen, wie unverdient ihre Macht, wie durchscheinend und brüchig ihre Würde und wie leer und langweilig ihr ach so interessantes Leben in Wirklichkeit ist. Versteh mich bitte nicht falsch, ich will nicht, dass Menschen anderen Menschen, egal ob männlich oder weiblich, in irgendeiner Weise das Leben schwermachen, sie quälen oder gar herablassend behandeln, nein, mir geht es lediglich darum, dass die Frauen, die immer nur aufgrund ihres Aussehens als interessant und geistreich angesehen werden, nicht mehr — halt, halt, na gut, na gut, ich habe lange genug gesprochen, jetzt dürfen Sie. Also bitte.
— Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie das hier noch essen?
— Wie bitte?
— Ob ich den Rest von dem Reis haben kann. Oder essen Sie ihn noch?
— Nein, nein. Natürlich, junger Mann, bitte bedienen Sie sich. Haben Sie denn so großen Hunger?
— Ja. Ich hab seit gestern Mittag nichts mehr gegessen.
— Ach ja, die Qualen der Liebe … Man sieht es Ihnen an, wahrscheinlich … Diese dunklen Ringe unter den Augen. Und Sie sind so blass, dass Sie im Fasching ohne Weiteres als Gletscher gehen könnten.
Robert, der nicht wusste, wie er auf diesen dämlichen Scherz reagieren sollte, begann, den inzwischen kalt gewordenen Reis in sich hineinzuschaufeln. Der Lehrer wartete, bis er damit fertig war. Dann steckte er sich einen Löffel in den Mund und klopfte seine Jacke nach einem Feuerzeug ab. Die Geste wirkte lächerlich, wie immer, wenn ältere Menschen die Gewohnheiten junger Menschen imitierten. Im Lokal war es sehr still, sie waren allein in dem großen Raum. Die meisten Gäste saßen infolge der milden Temperaturen draußen im Garten, und ihre aufgeregten Stimmen drangen nur gedämpft herein wie die zarte Abendmusik tropischer Insekten.
Robert bedauerte, überhaupt von Cordula erzählt zu haben. Eigentlich wollte er mit Herrn Setz über die beiden Mappen reden. Aber in einem Nebensatz hatte er erwähnt, dass seine Freundin ihn verlassen hatte.
— Liebe ist Unfug, sagte der Lehrer.
— Ich wollte fragen, das heißt, Ihre Fr–
— Liebe! unterbrach ihn Setz. Liebe ist nichts als ein Virus, in die Welt gesetzt von jungen Frauen, die Macht besitzen wollen. Lassen Sie am besten für immer die Finger davon!
Er verschränkte die Arme vor der Brust und stülpte die Lippen auf zürnende Art nach vorne. Er sah aus wie ein finster entschlossener Frosch.
— Hab ich gar nicht vor, sagte Robert. Aber Ihre Frau, wie –
— Am besten die Finger davon lassen! Am besten, Sie warten, bis das Gefühl, das Sie befällt, nicht mehr ganz so amorph ist. Sie müssen warten, bis Sie selbst gereift sind, innerlich gereift … und …
Er blickte auf, legte eine Hand auf die Tischplatte. Er schien vergessen zu haben, warum er sich hier und nicht zu Hause hinter seinem Schreibtisch befand.
— Alles klar, sagte Robert. Aber was ist mit Ihrer Frau? Die ist doch hübsch und –
— Red nicht! Von Dingen, die du nicht verstehst! schrie der Lehrer ihn plötzlich an und sprang auf. Von denen du … Sie absolut keine Ahnung haben! Was glaubst du eigentlich? Meine Frau, das ist doch etwas anderes, also, ich bitte Sie, reden Sie doch keinen solchen Unsinn! Meine Frau, natürlich ist das Liebe, wir sind schon so lange zusammen, viele Jahre, ohne sie, also, ohne sie wäre ich längst –
— Entschuldigen Sie, ich wollte nicht –
— Ohne sie wäre ich gar nicht mehr am Leben! Wie kommen Sie darauf, das vergleichen zu wollen mit … mit …
Er machte eine eigenartige Geste mit der Hand, als würde er Münzen durch den Raum schnippen.
— Tut mir leid.
— Wirkliche Liebe, sagte der Lehrer. Also, ich weiß nicht, wieso Sie jetzt davon anfangen, aber wenn Sie’s wirklich wissen wollen, dann kann ich es Ihnen sagen: Sie haben keine Ahnung, was das ist. Sie sind noch sehr, sehr weit davon entfernt. Mindestens zwei Meter.
Robert blickte verwundert auf.
Der Mathelehrer schüttelte immer noch den Kopf.
— Ich wollte gar nicht davon anfangen, sagte Robert. Ich wollte Sie eigentlich zu Brüssel befragen.
— Wissen Sie, in meiner Bibliothek, begann der Lehrer plötzlich. In meiner Bibliothek, da brennt eine alte Glühbirne, vielleicht die Letzte ihrer Art … jedenfalls ein vom Aussterben bedrohtes Exemplar. Sie sieht aus wie ein durchsichtiges Ei mit einem kleinen, gezwirbelten Draht darin, der zwischen zwei Polen gespannt ist wie ein Seil, über das nur ein räumlich verzerrter Seiltänzer gehen kann.
Er ließ seine Zeigefinger umeinander kreisen.
Robert versuchte sich die Birne vorzustellen.
— Und wenn der Strom eingeschaltet wird, glüht dieser Draht hell auf, die Glühbirne wird sofort brennend heiß, und dieses wunderbare … goldene … staubabweisende Licht ergießt sich in den Raum.
Herr Setz seufzte auf pathetische Weise, als atme er das Licht ein.
— Wir haben, sagte er und deutete mit dem Finger zur Decke der Wirtsstube, wir haben in den letzten Jahren, ja, im Grunde in den letzten Jahrzehnten einem ganz furchtbaren Prozess zusehen müssen, einem Skandal, der furchtbar, wirklich furchtbar ist … nämlich dem allmählichen Wegsterben aller Glühbirnen. Und diese eine, die bei mir zu Hause in der Bibliothek hängt, ist die letzte, die ich besitze. Niemand weiß, wie lange sie noch durchhalten wird. Ich meine, gut, ihr Licht ist immer noch stark und unverfälscht, sie selbst hält sich bestimmt für unsterblich.
Er hustete. Laut und rasselnd. Er hielt sich einen Ärmel vor den Mund. Sein Gesicht lief rot an.
— Einmal, fuhr er fort, an einem Wintertag vor zirka zweieinhalb Jahren, da hat sie ein wenig zu flackern begonnen … und ich hab schon mit dem Schlimmsten gerechnet, mein Gott, ich hab mich gar nicht mehr getraut, das Licht einzuschalten, bin einfach im Dunklen gesessen, mehrere Tage lang. Aber es war nur ein Wackelkontakt, und ich habe den Fehler behoben, indem ich die Birne einfach fester in ihre Fassung geschraubt habe.