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— Wissen Sie, ich hab mal einen Hahn gekannt, begann Robert. Dem hab ich auch einen Namen gegeben. Max.

— Max, der Hahn, wiederholte Herr Setz, als wäre es eine tiefsinnige philosophische Aussage.

Er neigte den Kopf zur Seite und wiederholte den Namen leise. Robert war zwar schon seit längerer Zeit davon überzeugt, dass dieser Mann nicht mehr bei Trost war, aber trotzdem sprach er weiter:

— Ich hab ihn rausgeholt, eines Abends.

— Ja, sagte der Lehrer. Vielleicht haben Sie das wirklich.

Er nickte, als erinnerte er sich. Robert stieß genervt die Luft aus, ein aggressiver Seufzer, und beschloss, nichts mehr zu sagen. Sein früherer Mathematiklehrer war zu nichts mehr zu gebrauchen, das musste man leider so sagen. Auch wenn seine Frau so tat, als fiele es ihr nicht auf. Aber gut, wer weiß, vielleicht war jede noch so leise gemurmelte bizarre Bemerkung des Mannes für sie vollkommen sinnvoll. Frauen waren, was das betraf, mit mysteriösen Talenten ausgestattet. Schleusenwärterinnen ihrer sich allmählich in den Unsinn zurückziehenden und in Auflösung begriffenen Männer.

— Max. Das ist ein schöner Name.

Robert nickte.

— Ich habe einmal in Wien einen Desensibilisierungskurs gemacht, sagte der Lehrer. Mit dem Geld, das ich mit meinem zweiten Roman verdient habe. Wegen der Tiere und so. Diese schrecklichen Dinge, die mit ihnen passieren. Aber es hat nichts genützt. Wir saßen alle im Kreis … und sollten auf Stofftiere einprügeln. Lächerlich. Und dann ein paar Videos. Von Schlangen, Rhesusäffchen, von Meerschweinchen, nackten Labormäusen. Ich bin einfach mit geschlossenen Augen dagesessen. Na ja. Rausgeworfenes Geld. Wirklich schade drum.

Robert wartete, aber der Mathematiklehrer sprach nicht weiter. Wie ein Auto, das nur wenige Tropfen Benzin zur Verfügung hatte. Es fuhr ein paar Meter weit und blieb stehen. Nach einer Weile trat der Kellner an ihren Tisch und fragte, ob er den Herrschaften noch etwas bringen dürfe.

~ ~ ~

13 Der Brief

[Grüne Mappe]

Am Horizont hing das schwere Dunkelblau eines Vorgewitterhimmels. Die wandernden Wolken hatten sich vorläufig verzogen und sich wie American-Football-Spieler am Beginn des Spiels in einem Round-up-Besprechungskreis zusammengerottet, pläneschmiedend jenseits des Horizonts, von wo aus sie bald über das ganze Land ausschwärmen würden, um alles nass zu machen. Als wir vor unserer Haustür standen, zitterte eine Lichtreflexion darauf hin und her, ein Fenster auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurde von der schwer gewordenen Sonne des späten Tages angestrahlt. Eine auf eine Wand projizierte Qualle.

Seit meiner Rückkehr aus Brüssel konnte ich keine Türklinken mehr anfassen. Sie ließen mich an die verbreitete Theorie denken, dass jeder Mensch nicht mehr als sechs oder sieben Mal Händeschütteln von praktisch jedem anderen Menschen auf der Erde entfernt ist. Ein weiterer Grund, die Hände in den Hosentaschen zu behalten.

— Die Sekretärin vom Oeversee-Gymnasium hat angerufen und gefragt, ob du am Montag wieder zur Arbeit erscheinen wirst, sagte Julia.

— Was hast du geantwortet?

— Ich hab gesagt, dass es dir schon bessergeht.

— Hm.

— Brüssel hat dir nicht gutgetan.

— Nein. Ich hätte mich am letzten Tag einfach im Hotelzimmer einsperren sollen.

— Wahrscheinlich.

— Diese Leute sind vollkommen besessen. Einen haben sie als Endprodukt bezeichnet. Sie waren alle richtig ehrfürchtig ihm gegenüber. So ein alter, vertrockneter Mensch, der schon weiß Gott wie viele Hollereith-Behandlungen hinter sich hat.

Wir gingen durchs Treppenhaus hinauf in den zweiten Stock. Julia sperrte die Tür auf.

Ich ließ mich in der Küche auf einen Stuhl fallen. Während der Tage in Brüssel hatte ich komischerweise immer an die Beschreibung der Ausrottung der Dodos in Thomas Pynchons Gravity’s Rainbow denken müssen, wahrscheinlich, weil sie die Menschheit in ein unüberbietbar aussagekräftiges Bild fasst. Ein niederlän-discher Abenteurer namens Frans van der Groov erreicht Ende des siebzehnten Jahrhunderts die Insel Mauritius und tötet dort mit einem neuartigen Gewehr, einer Arkebuse, Hunderte der flugunfähigen Dodos. Diese sagenhaft zutraulichen und von ihren Entdeckern nach ihrem unverwechselbar melodiösen und — wenn man zeitgenössischen Berichten glauben darf — weit durch die Landschaft tönenden entenartigen Lockruf duu-duu benannten Tiere leisten naturgemäß keinen Widerstand. Bald sind alle tot, und ihre verrottenden Kadaver bedecken weite Flächen des Landes. Van der Groov findet schließlich noch ein letztes Ei, das in einer kleinen Grasmulde auf einem verlassenen Hügel liegt. Er hockt sich vor das Ei und wartet mit angelegtem Gewehr darauf, dass sich der kleine Dodo-Kopf zeigt. There they were, the silent egg and the crazy Dutchman, and the hookgun that linked them forever, framed, brilliantly motionless as any Vermeer. Hin und wieder nickt van der Groov ein, fährt wieder hoch, blickt schnell auf das Ei, ob sich bereits etwas regt. Die ganze Nacht lang. Schließlich geht er unverrichteter Dinge davon, zurück in die Einsamkeit der Jagdgesellschaften, bei denen man sich gemeinsam betrinkt und auf Wolken und Baumwipfel schießt.

— Ich erinnere mich, sagte Julia. Du hast mir die Stelle vorgelesen.

— Mein absoluter Lieblingsroman, sagte ich.

— Ja?

— Absolut. Es gibt kein besseres Bild für die Menschheit als dieses eine…

— Hier, ein Brief für dich, sagte Julia. Mit einem… mmh… ja, da ist ein schwarzer Rand. Oje.

Der Brief war von Frau Stennitzer. Ich riss das Kuvert auf. Christoph Stennitzers Bild fiel heraus. Auf dem Partezettel war ein kleines Teleskop gezeichnet, darüber ein schwarzer, mit traurigem Gesicht und halb offenstehendem Mund auf die Erde herunterblickender Vollmond. Unter dem Mond stand, dass die Beerdigung kommenden Dienstag stattfinden würde. Es war sogar ein kleiner Ausschnitt aus Google Maps abgedruckt, der die Anreise zum Friedhof in Gillingen erleichtern sollte. Eine kleine, grüne 3D-Nadel bezeichnete die Stelle.

TEIL V

Sturla Sighvatsson erzählte seinem Freund, er habe geträumt, er hielte eine Wurst in Händen und hätte sie gerade gebogen, sie mit den Händen durchgebrochen und ihm, seinem Freund, die Hälfte gegeben. Ja noch mehr, er wüsste, dass der Traum eben in diesem Augenblick stattfände, zur selben Zeit, da er seinem Freund den Traum erzähle und eine Wurst in der Hand hielte.

Eliot Weinberger

1 Zettelwerk. Rotkarierte Mappe

[Handschriftlicher Zettel, Rückseite einer Kaufhausrechnung]

Letzter Tag. Wieder im Getuige X-1. Ein junger Mann namens Wilhelm ist da. Spricht Deutsch mit österreichischer Färbung. Er trägt ein kleines silbernes Ding auf der Brust. Schlägt er mit der Handfläche darauf, ertönt ein merkwürdiges hohes Geräusch, als würde einem winzig kleinen Roboter das Genick gebrochen. Ferenc ist vollkommen begeistert von dem kleinen Gimmick, am Ende schenkt es ihm W. Als wir für einen Augenblick allein sind, fragt mich W., woher ich komme. Ich schüttle nur den Kopf.

Später unterhalten sich F. und W. über Highspeed-Cam-Art. Es dauert eine Weile, bis ich verstehe, was damit gemeint ist. Man filmt einen in einem Raum gefangenen Menschen von oben mit einer Webcam, die nur alle paar Sekunden oder sogar Minuten ein Bild schießt, aus diesen Bildern wird dann eine Zeitrafferaufnahme seiner Bewegungen gemacht. Vorbild für diese Kunstform ist, wie sie mir erklären, das Video eines Mannes, der mehr als vierundzwanzig Stunden in einem Lift feststeckte. Das Video selbst ist nur ein paar Minuten lang und im Internet frei verfügbar. Die Bewegungen des Mannes im Fahrstuhl sind hektisch und schnell, er rast durchs Bild, lehnt eine Sekunde (in Wirklichkeit wohl eine halbe Stunde) an der Wand, legt sich hin, ruht sich für ein paar Sekunden aus, steht wieder auf, rast weiter durch den eng begrenzten Raum. Schließlich rettet man ihn, die Türen gehen auf, und er verschwindet aus dem Bild. Ich frage nach, wie lange man für so eine Aufnahme braucht. Im Allgemeinen zwei bis drei Tage, lautet die Antwort. Es hängt ganz von der Person ab. Manche halten länger durch als andere. W. und F. lachen.