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[2 ausgedruckte Blätter, mit Heftklammer zusammengehalten]
Es ist eine eigentümliche Einrichtung. Eine Art Tank, in dem die schwitzenden Männer sitzen. Viele mit Augenklappe, manche auch mit Schnorchel im Mund, wohl eine Art Insiderwitz. Ich nehme Platz zwischen einem Mann mit Backenbart und einem rumpelstilzchenartigen Geschöpf, das einen scharfen Geruch nach Styropor verbreitet, wie Kühlschränke oder andere Küchengeräte es tun, kurz nachdem man sie aus dem Karton gehoben hat, in dem sie geliefert wurden. Die Geometrie der Leiber in der Schwitzkur ist beeindruckend. Alle möglichen Kopfformen sind darunter, am häufigsten findet sich die Glühbirnenform.
Seit meiner Kindheit spielen in meinen Träumen rhomboide Gestalten aller Art eine wiederkehrende und zentrale Rolle. Das Gesicht des verschrumpelten Geschöpfs, neben dem ich Platz nehme, wirkt deshalb sehr anziehend auf mich, geradezu unwiderstehlich. Am liebsten würde ich es vermessen, ihm mit Zirkel und Lineal zu Leibe rücken oder es verschiedenen elementargeometrischen Transformationen unterwerfen wie Spiegelung, Rotation und Parallelverschiebung. Es würde hervorragend in das Logo der UFA Film GmbH passen. Ich mache mir einen Spaß daraus, die Berufe der im Tank sitzenden Männer und ihre Positionen in der Hierarchie von Wirtschafts- und Industrieunternehmen zu erraten, mache den Mann mit dem auffälligen Backenbart zum Oberhaupt eines weitverzweigten Familienclans und das Schrumpfgeschöpf zu einem einflussreichen Kunstsammler.
Nach einiger Zeit leuchtet eine rote Birne über uns auf, und es kommt Bewegung in die sitzenden Männer. Diejenigen, die bis jetzt noch ein Buch in der Hand gehalten haben, legen es nun weg. Einige ziehen ihre Oberbekleidung aus.
Die Wirkung setzt nach einiger Zeit ein. Heftiger Schwindel, verbunden mit dem Gefühl, der einzige Mensch auf der Welt zu sein. Dann der Wunsch, meine Stelle am Gymnasium zu kündigen und Schriftsteller zu werden, der bedeutendste der Welt …
Nach einer Weile wird mein Gehirn völlig leer.
Hinterher unterhalte ich mich mit dem verschrumpelten Alten. Er entpuppt sich als Hotelbesitzer. Er gehe jedes Jahr mindestens einmal ins Getuige X-1. Man gönne sich ja sonst nichts.
Ich stimme ihm vorsichtig zu.
Ich bilde mir ein, eine Lockerung in meinem Gedankenfluss feststellen zu können. Es fallen mir Bilder aus meiner Kindheit ein, ein Fahrrad, das in seine Einzelteile zerlegt wird, aber vielleicht verwechsle ich es auch. Verwechseln ist immer ein gutes Zeichen. Die Zeitebenen durcheinanderbringen.
Er habe lang gebraucht, um die Prozedur ganz durchzustehen, sagt der Alte. Er habe mehrere Anläufe gebraucht, sozusagen. Aber es habe sich gelohnt, natürlich.
Natürlich, bestätige ich.
Später Rundgang über die Anlage. Der Hof mit den identischen Türen und Gegensprechanlagen. An den Türen zu den Kammern kleben kleine Sticker mit Smileygesichtern. Gefühl einer anderen Zeit, einer anderen Epoche. Am Ende der Behandlung bekommt jeder einen Lutscher. F. verweigert ihn mit dem Hinweis auf seinen Diabetes. Der verschrumpelte Mann schenkt mir seinen. Ihm tue dieses Zuckerzeug auch nicht gut, meint er. Aber er will wissen, wie es schmeckt.
Wie eine Koch’sche Schneeflocke, antworte ich.
[Handschriftlicher Zettel, lose, mit eingerissenem gelochtem Rand]
Abend des letzten Tages. Mit F. zusammen bei einem sog. Endprodukt. Dieses Endprodukt ist ein Mann schwer bestimmbaren Alters. Ein wenig sieht er aus wie eine Schildkröte, seine Bewegungen sind schwerfällig und tapsig. Er geht am Stock. Gleichzeitig wohnt ihm eine gewisse Energie inne, die sich vor allem in seinem Blick und seiner Stimme mitteilt. Er hat mehr als eintausend Sitzungen hinter sich und verbreitet inzwischen selbst so etwas wie Indigo-Wirkung. Jedenfalls spüre ich nach einigen Minuten einen sanften Schwindel. Als ich ihm das mitteile, scheint er sich sehr zu freuen, er beginnt förmlich zu glühen. Wie stark der Schwindel sei, will er von mir wissen. Ich sage ihm (und übertreibe dabei ein bisschen), dass der Raum sich um mich dreht. Ah, sagt er und nickt. Er schließt zufrieden die Augen und scheint die von mir beschriebene Wirkung zu genießen wie den Nachgeschmack eines guten Weins. Um welche Art von Schwindel handle es sich denn genau, fragt er nach, mehr um einen Drehschwindel oder mehr um das Fehlen eines Orientierungspunktes, das heißt mehr ankerloses Schwanken, oder eher das Gefühl, bodenlos zu fallen, oder vielleicht mehr eine Art Höhenangst, ein schrecklicher, diabolischer Sog von unten. Ich antworte, um ihn zu testen, dass es sich um einen Drehschwindel handle. Das scheint ihn in der Tat ein wenig zu enttäuschen. Er sitzt da und rührt in seiner Tasse. Der Stock steht zwischen seinen Knien. Er erzählt von seiner Kindheit auf dem Land. Es habe da einen Hahn auf einem Nachbargehöft gegeben, der häufig gekräht habe, mehrere Male am Tag, immer wieder habe der Hahn laut gekräht. Und eines Tages habe er plötzlich nicht mehr gekräht. Und an diesem Tag sei er selber krank geworden, ein schweres Fieber unbekannter Herkunft. Er sei damals fast gestorben, sagt der Mann und zeigt uns eine Kerbe an seinem Stock, als gehöre das mit zur Geschichte. Da, sagt er, und auch da. Er zeigt auf eine zweite Einkerbung, einige Zentimeter unterhalb der ersten. F. wechselt das Thema und will wissen, ob er sich der Schwitzkur immer noch täglich aussetze. Und wie es mit den Hüftgelenken ausschaue. Insgesamt ganz gut, lautet die Antwort des Mannes. Er habe die Energie von zehn Jazzmusikern, sagt er. Free Jazz, setzt er präzisierend hinzu und lacht. Sein Lachen wird vom Klopfen des Stocks auf den Boden begleitet. Diese Tasse, sagt er plötzlich und zeigt auf seinen halb ausgetrunkenen Milchkaffee. Diese Tasse sei jahrelang vor ihm sicher gewesen, aber jetzt seien diese Zeiten vorbei. F. und ich sehen uns an. Schauen Sie, sagt der Mann und streckt seine Hand nach der Tasse aus. Nichts tut sich. Wir achten genau auf die Tasse. Aber sie rührt sich nicht. Wenn Sie den Kaffee jetzt probieren würden, sagt der Mann, werden Sie feststellen, dass er kalt ist. Vorher war er heiß, ich habe mir mehrere Male schon die Lippen daran verbrannt. Immer wird mir der Kaffee hier im Pflegeheim zu heiß serviert, die Leute haben einfach kein Fingerspitzengefühl. Wir nicken. F. nimmt die Kaffeetasse in die Hand und untersucht sie. Seine Bewegungen wirken dabei wie im Traum, und ich muss mich abwenden, um nicht den Verstand zu verlieren.
Als wir das Zimmer des Mannes verlassen, hält mich F. auf, er legt seine Hand auf meine Schulter und übt sanften Druck aus. Das, was Sie gerade gesehen haben, sagt er zu mir, ist ein großer Mann. Ein wirklich großer Mann. Das, was er auf sich zu nehmen bereit war — und immer noch auf sich nimmt —, ist einfach beispiellos. Sie werden so etwas nicht so bald wieder finden, egal, wo Sie danach suchen, Herr Seyss.
[Postkarte, die einen fröhlich lächelnden Hund in einer Raumkapsel zeigt. Blockschrift auf der Rückseite]
Weihnachten, vor den Fenstern dichter, wirbelnder Schnee. Der Versuch, den elenden Plastikbaum aufzustellen. Früher hat mich der Geruch des Holzes und der Tannennadeln noch angeregt, aber diesen geruchlosen Plastikmist möchte ich am liebsten gleich wieder aus dem Fenster werfen. Ich breche einen der künstlichen Zweige ab und verwende ihn als Katzenspielzeug.