»Kann ich dir irgendwie helfen, mein Sohn?« Er hob den Kopf und blickte einen hageren Alten an, der hinter ihm wie aus dem Nichts aufgetaucht war, und schüttelte den Kopf.
»Nein danke, Padre. Ich habe nur ein wenig gebetet.«
»Ein wenig?« versetzte der andere belustigt. »Ich habe dich schon vor geraumer Zeit eintreten sehen, und ein Junge deines Alters verbringt gewöhnlich im Haus des Herrn nicht so viel Zeit.« Wie ein Spürhund schnupperte er an Sebastians Kleidung: »Jetzt verstehe ich: Du bist ein Seemann und hast nicht viele Gelegenheiten, eine Kirche zu besuchen, stimmt’s?«
»Woher wollt Ihr wissen, daß ich ein Seemann bin?«
»Weil du nach Algen riechst. In meiner Jugend war ich Kaplan der Armada, und in dieser Zeit konnte ich am Geruch erkennen, welchen Posten einer auf dem Schiff hatte. Von den Algen abgesehen riechen die Marsgaste nach Leinen, die Zimmerleute nach Harz, die Köche nach Fisch und die Schiffsjungen nach Bilge.«
»Und die Pfarrer?«
»Die schlechten nach Wein, die guten nach Brot.« Der runzelige Alte grinste von einem Ohr zum anderen. »Wie ich diese Zeiten vermisse! Heute stinken die meisten Leute nur noch nach Mist.« Er betrachtete ihn mit neuerlicher Aufmerksamkeit. »Möchtest du beichten? Oft wird der Kopf dadurch klarer.«
»Danke, Padre«, lautete die ehrliche Antwort. »Aber ich glaube, meine Gedanken sind niemals klarer gewesen als heute, und wahrscheinlich würde ich nur die Euren verdüstern.«
Ausholend deutete der Alte auf die groben Mauern, die sie umgaben.
»Hat dir das alles geholfen?«
»Eine Menge«, gab der Margariteno zu.
»Gott sei gelobt!« rief der andere sichtlich verblüfft aus. »Der Herr möge mir verzeihen, aber ich muß ein schlechter Pfarrer sein, daß sich mein Geist um so höher erhebt, je größer die Kirche ist, in der er sich aufhält. In der Kathedrale von Burgos schwang sich meine Seele hinauf bis zum Glockenturm, doch an einem Ort wie diesem bleibt sie am Boden.«
Der verblüffte Jacare Jack musterte ihn von Kopf bis Fuß, um mit neuerlichem Interesse ungläubig zu fragen:
»Seid Ihr wirklich ein Priester?«
»Wenn auch du daran zweifelst, sind wir schon zwei«, lautete die belustigte Antwort. Doch unmittelbar darauf fuhr der gute Mann in einem anderen Ton fort: »Ja doch, mein Sohn! Ich bin schon Priester, seit ich denken kann, und es reut mich nicht. Mich hat einfach die Wehmut ergriffen, als ich dich roch. Wenn du auf einer Galeone mit neunzig Kanonen die Messe gesungen hast, kommt dir selbst die Kathedrale von Burgos lächerlich vor.«
Im ersten Tageslicht verließ die Kutsche Seiner Exzellenz Don Hernando Pedrárias das stille Herrenhaus, passierte das große Tor der hohen Mauer und fuhr auf die noch schlafende Stadt La Asuncion zu. Doch noch ehe sie den dichten Wald hinter sich gelassen hatte und auf die freien Felder des fruchtbaren Tals hinausgefahren war, sprangen plötzlich drei bewaffnete Männer zwischen den Bäumen hervor und richteten ihre schweren Pistolen auf den alten Kutscher, der beinahe vom Kutschbock gefallen wäre und sich den Hals gebrochen hätte.
Man zwang ihn, die schimmernde Uniform auszuziehen, und band ihn so fest an einen Baum, daß er sich erst Stunden später würde befreien können, und als die Räuber aufbrachen, gab ihm Celeste mit ehrlicher Zuneigung einen Kuß auf die Wange.
»Tut mir leid, Gervasio. Doch so ist es besser für alle.« Mit humorvoller Geste steckte sie ihm eine Geldbörse in die großen, schmutzigen roten Unterhosen und fügte hinzu: »Für den Ärger.«
»Wißt Ihr eigentlich, was Ihr da tut, Senorita?« fragte der Alte mit Bedauern in der Stimme. »Don Hernando wird Euch bis ans Ende der Welt verfolgen.«
»Die Welt ist sehr groß!« entgegnete sie und strich ihm liebevoll übers Haar. »Sehr groß! Macht Euch keine Sorgen. Jetzt habe ich Menschen, die mich beschützen.«
Nachdem sie ihn geknebelt hatten, setzten sie ihre Fahrt fort: Justo Figueroa in Uniform auf dem Kutschbock, Sebastián, Miguel Heredia in der Kutsche, und ihnen gegenüber nahm das lächelnde Mädchen Platz, das so aufgeregt und glücklich schien, als wolle man sie an diesem Tag in die Gesellschaft einführen.
Kurze Zeit danach zog sie eine schwere Kiste unter ihrem Sitz hervor und öffnete sie feierlich, um zu zeigen, daß sie randvoll mit schönen Perlen in allen nur denkbaren Schattierungen gefüllt war.
»Die besten des Jahres!« rief sie aus und nahm ein riesiges, fast schwarzes Exemplar in Form einer Birne zwischen die Finger. »Schau dir diese Perle an! Ein Königreich würde ich dafür hergeben.«
»Behalt sie!« forderte sie ihr Bruder auf. »Und häng sie dir um den Hals, damit sie dich an den Tag erinnert, an dem du zur Gesetzlosen geworden bist.« Er deutete auf den Wald, den sie gerade hinter sich gelassen hatten. »Dieser Gervasio hat recht«, fügte er besorgt hinzu, »die Casa läßt sich nicht ungestraft berauben.«
»Du raubst doch schon seit Jahren«, gab sie ihm zu bedenken und zog eine sympathische Grimasse, während sie die schwarze Perle in ihren Ausschnitt steckte. »Ich behalte sie!«
»Was können sie denn schon tun?« warf Miguel Heredia skeptisch ein. »Wenn sie es erfahren, sind wir schon über alle Berge.«
»Man kann nie wissen«, orakelte seine Tochter. »Bei Don Hernando kann man nie wissen. Ich hab keine Angst vor ihm, aber wir sollten auf der Hut sein.«
Als die ersten Häuser der Stadt in Sicht kamen, bog die Kutsche an der Kreuzung mit der kleinen Einsiedelei auf den Weg nach Santa Ana ab. Sie fuhren schon durch das Tal, als die Arbeiter auf den Feldern begannen, mit Steinen zu werfen und Beleidigungen auszustoßen, um sofort darauf die Flucht zu ergreifen.
Für die überwältigende Mehrheit der Margaritenos war die schwere Kutsche mit ihren anmaßenden Wappen an den Türen und dicken Brokatvorhängen das Sinnbild der Tyrannei schlechthin, und ihre schmerzliche Erfahrung lehrte sie, daß es nichts Gutes bedeutete, wenn die Karosse die Stadtgrenzen von La Asunción hinter sich ließ.
Gewöhnlich ließen sich die stolzen Rappen von Don Hernando Pedrárias Gotarredona nur selten auf dem Land sehen, und wenn doch, dann ging es meistens darum, die Steuerschraube noch fester anzuziehen.
Wenn die Dörfler die Pferde sahen, dachten sie an Hyänen, die den Gestank eines Kadavers witterten. Manche hätten Jahre ihres Lebens dafür hergegeben, die Rösser einfach abzuknallen, auch wenn sie wußten, daß die Gäule an der ganzen Misere keine Schuld traf.
Am frühen Nachmittag trabten die schwitzenden Pferde müde durch Santa Ana und schlugen schon den Weg nach Aricagua ein, denn keiner hätte es gewagt, die goldene Kalesche des Gesandten der Casa de Contratación von Sevilla aufzuhalten. In diesem Augenblick betrachtete Celeste Heredia die kostbare Tapete und murmelte:
»Ich hätte Lust, sie anzuzünden.«
Ihr Bruder blickte sie sichtlich überrascht an:
»Warte damit bis Manzanillo.«
»Erlaubst du es mir?«
»Natürlich!«
Die restliche Fahrt über sagte das Mädchen kein Wort mehr und schloß die Augen, nicht weil die anstrengende Fahrt sie ermüdet hätte, sondern weil sie sich ganz der Vorfreude hingeben wollte, bald die verhaßte Kutsche in Asche sinken zu sehen.
Für die übrigen Einwohner der Insel mochte die Kutsche ein Symbol der Tyrannei sein, für Celeste war sie darüber hinaus auch das Sinnbild der Perversion.
Zwischen den engen, flammend rot ausgeschlagenen Wänden der Kutsche hatte Celeste, die sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal als Frau fühlte, zum ersten Mal die verstohlenen Blicke des feurigen Liebhabers ihrer Mutter wahrgenommen. Hier hatte Don Hernando Pedrárias, den Blicken der Außenwelt entzogen, mit seinen schleichenden und hinterhältigen sexuellen Nachstellungen begonnen.