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Aus einem merkwürdigen Grund, den Celeste niemals nachvollziehen konnte, schien die stickige intime Atmosphäre im Inneren der Kutsche und deren ständiges Rattern den Gesandten der Casa de Contratación besonders zu erregen. Fast unmerklich wurde aus anzüglichen Blicken kaum verhohlenes Herumscharwenzeln, um schließlich in ein widerwärtiges erotisches Spiel auszuarten, in dem es nicht so sehr darum ging, das Mädchen körperlich zu besitzen, sondern vielmehr um das morbide Vergnügen, es sittlich zu verderben.

Don Hernando Pedrárias Gotarredona wußte nämlich nur zu gut, daß die Heilige Inquisition, die einzige Autorität, die er wirklich fürchtete, ihn trotz seines hohen Rangs mit extremer Strenge richten würde, falls er auf die unselige Idee käme, ein minderjähriges Mündel zu mißbrauchen. Daher hatte er sich für einen Umweg entschieden: Er wollte sie so sehr erregen, daß sie ihm an dem Tag, an dem er sie dafür reif ansah, mit gleicher Leichtigkeit in die Arme fallen würde wie einst ihre Mutter.

»Woran denkst du, wenn du deine Mutter mitten in der Nacht schreien hörst?« hatte er sie an einem schwülen Mittag belästigt, an dem sie gemeinsam nach Porlamar fuhren. »Bist du nicht neugierig?«

»In der Nacht schlafe ich«, hatte die trockene Antwort des charakterfesten Mädchens gelautet.

»Nicht doch!« hatte Don Hernando spöttisch geantwortet. »Ich weiß, daß du nicht schläfst. Ich weiß, daß du lauschst, und ich kann mir vorstellen, daß du dann, wenn du sie hörst, dich da zu streicheln beginnst, wo du es am liebsten hast.« Er blickte ihr direkt in die Augen und senkte die Stimme: »Gefällt dir das?«

Er erhielt nur einen stummen Blick voller Verachtung, worauf er ein gezwungenes Lachen hören ließ.

»Ach komm! Spiel nicht die Unschuldige! Ich weiß doch, daß sich die Mädchen deines Alters gern allein vergnügen, aber ich garantiere dir, es macht dir noch viel mehr Spaß, wenn dir einer dabei zusieht.«

Celeste blieb weiterhin stumm. Nachdem Hernando eine Weile aus dem Fenster gesehen hatte, fuhr er fort:

»Du mußt dich deshalb nicht schämen, denn wenn dich eines Tages ein Mann streichelt, wirst du es um so mehr genießen.« Er blickte ihr anzüglich zwischen die Oberschenkel. »Warum zeigst du mir nicht, wie du es machst?« säuselte er. »Na komm, heb den Rock!«

»Du bist ein Schwein«, gab Celeste knapp zurück.

Don Hernando Pedrárias neigte sich ein wenig vor und verpaßte ihr eine sanfte Ohrfeige.

»Das ist ja die Höhe!« heuchelte er den Beleidigten. »Wie redest du denn mit mir, wo ich doch nur Verständnis aufbringen will. Ich werde dich nicht anrühren. Ich möchte nur, daß du so tust, als wärst du allein.«

Als einzige Antwort zeigte das kecke Mädchen ein spöttisches Lächeln und ließ einen lauten Furz hören.

»Das mache ich, wenn ich allein bin.«

»Unverschämte Närrin!« tobte ihr Gegenüber. »Ohne mich würdest du schon seit Jahren bettelnd durch die Straßen ziehen, und wahrscheinlich würdest du inzwischen schon deinen Körper verkaufen wie alle aus deiner Sippschaft. Wegen mir lebst du in einem Palast, hast Kleider, Diener und sogar einen Lehrer, der dir alles beigebracht hat, was du weißt, und so bezahlst du dafür.«

»Meine Mutter hat schon für mich bezahlt«, kam es trocken zurück.

»Was sie heute bezahlt, ist nicht mehr viel wert. Deshalb wirst du entweder bald dein Verhalten oder deine Lebensweise ändern, denn ich bin es inzwischen leid, Schmarotzer durchzufüttern.« Er deutete aus dem Fenster. »Und ich garantiere dir, das Leben da draußen ist kein Zuckerschlecken.«

Nach dieser unangenehmen Szene wurde Don Hernandos Druck immer stärker und widerwärtiger, so daß Celeste sich gezwungen sah, nicht mehr mit ihm in eine Kutsche zu steigen, nicht einmal für die kurze Fahrt zum nahen Franziskanerkloster in La Asuncion.

Im Haus selbst hielt sich Don Hernando Pedrárias mit seinen Avancen zurück. Vielleicht war Emilianas Anwesenheit daran schuld, vielleicht aber auch die Furcht vor den Bemerkungen einiger Diener, die alle seine Worte und Gesten mit Argusaugen zu verfolgen schienen. Das Mädchen war jedoch davon überzeugt, daß ihre eigene Mutter ihm den Weg ebnen würde.

In einer Nacht schließlich, in der Emiliana Matamoros offenbar vergeblich versucht hatte, den Mann zu erregen, wegen dem sie ihren Gatten verlassen hatte, weckte sie ihre Tochter auf und eröffnete ihr ein Geheimnis, das im ganzen Haus, ja auf der ganzen Insel bereits die Spatzen von den Dächern pfiffen.

»Das muß aufhören, Tochter«, murmelte sie verzweifelt. »Entweder sorgst du dafür, daß Don Hernando dich heiratet, oder wir tauschen die Schlafzimmer, ansonsten sehe ich uns beide auf der Straße.« Sie betrachtete sich im riesigen Spiegel der Kommode: fett, verschwitzt, mit zerzaustem Haar und verlaufener dicker Schminke, und schüttelte den Kopf, als wolle sie sich ihre unausweichliche Niederlage eingestehen. »Ich bin schon zu alt, um weiterzukämpfen!« sagte sie mit rauher Stimme. »Jetzt bist du dran.«

»Ich hab mir dieses Leben nicht ausgesucht«, gab Celeste ungerührt zurück. »Du weißt, daß ich lieber in Juan Griego geblieben wäre.«

»Du weißt ja nicht, was du sagst!« tadelte sie ihre Mutter mit sichtbarer Bitterkeit. »Du hast ja keine Ahnung, was Armut bedeutet. Den ganzen Tag putzte und knackte ich Austern, bis ich Blasen an den Händen hatte, ich roch nach Fisch und hatte nur ein einziges Kleid, das ich in der Nacht waschen mußte, damit ich am Morgen etwas Sauberes zum Anziehen hatte. Und oft war es bis dahin noch nicht einmal trocken.«

»Das kann nicht viel schlimmer sein, als den Sabber eines Schweins zu ertragen«, widersprach ihre Tochter, ohne die Ruhe zu verlieren. »Er behandelt dich wie Abfall, der nur fürs Bett gut ist, und offensichtlich taugst du nicht einmal dafür.«

»Früher schon«, lautete die resignierte Antwort der Mutter. »Es gab Zeiten, da betete Hernando mich an…«

»Oh ja! Ich weiß noch gut, wie er deine Brüste küßte und schallend lachte, wenn er dir unter den Rock faßte, auch wenn Leute dabei zusahen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Aber das ist lange her.«

»Männer sind nun mal so.«

»Papa nicht.«

»Woher willst du das wissen?« heuchelte die zerzauste dicke Frau Empörung. »Vielleicht damals nicht, aber er hätte so werden können.« Sie beugte sich über ihre Tochter, um fast wütend zu murmeln: »Nütze deine Jugend aus und mach nicht den gleichen Fehler wie ich, einen Hungerleider zu heiraten. Wenn du klug bist, wirst du alles bekommen, was du willst. Ich weiß, wie man Hernando zufriedenstellt.«

»Das ist offensichtlich«, versetzte das Mädchen mit sichtlicher Ironie. »Du weißt, was du tun mußt, aber mich bittest du, mit ihm zu schlafen, damit er uns nicht hinauswirft.« Sie schüttelte bedauernd den Kopf. »Und was, wenn er mich irgendwann auch satt hat? Glaubst du, er wird dann mehr Mitleid haben?«

»Er wird uns nicht vor die Tür setzen, wenn du schwanger bist. Es war ein Fehler von mir, ihm keinen Sohn zu schenken. Allmählich wird er alt und weiß, daß er Nachwuchs braucht, um das zu bewahren, was er angesammelt hat.«

»Jetzt hör mir mal zu!« entgegnete das aufgeweckte Mädchen ungewöhnlich ernst. »Bevor ich vom Liebhaber meiner Mutter ein Kind bekomme, gehe ich lieber in ein Bordell von Porlamar. Das Schlimmste, was mir dort passieren kann, ist, daß mich ein Seemann oder ein Soldat schwängert, aber niemals so ein Mistkerl.«

Trotz ihrer kategorischen Antwort wußte Celeste Heredia, daß in dieser Nacht das letzte Wort in dieser leidigen Angelegenheit noch nicht gesprochen war. Weder ihre Mutter noch Don Hernando Pedrárias würden sich mit ihrer Entscheidung zufriedengeben. Beide wußten nur zu gut, was sie wollten: Emiliana wollte weiterhin die »Senora« in einem luxuriösen Palast mit einem Dutzend Diener spielen, und er wollte der erste Mann sein, der sich mit einem aufregenden Geschöpf vergnügte, das unter seinen Augen zur Frau herangewachsen und inzwischen »reif« war.