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»Was ich damit meine, meine Süße, ist, dass du dich wie die Jungfrau Maria benimmst. Wahrscheinlich hat er Angst gehabt, wenn er dich auch nur anrühre, würdest du >Vergewaltigung< schreien und sofort in Ohnmacht fallen.«

Catherine spürte, dass sie rot wurde. »So bin ich nicht an ihm interessiert«, sagte sie scharf. »Und ich benehme mich auch nicht wie die Jungfrau Maria.« Ich benehme mich wie die Jungfrau Catherine. Die liebe alte heilige Katharina. Sie hatte bloß ihr heiliges Hauptquartier nach Washington verlegt. Sonst hatte sich nichts geändert. Sie war immer noch in derselben alten Kirche.

In den nächsten sechs Monaten war Fräser ziemlich viel verreist. Er fuhr nach Chicago und San Francisco und nach Europa. Für Catherine gab es immer genug Arbeit, und doch schien das Büro einsam und leer, wenn Fräser nicht da war.

Unaufhörlich fanden sich interessante Besucher ein, die meisten von ihnen Männer, und Catherine wurde mit Einladungen überhäuft. Sie konnte wählen zwischen Lunches, Dinners, Reisen nach Europa und dem Bett. Sie nahm keine dieser Einladungen an, teilweise, weil sie an keinem der Männer interessiert war, aber hauptsächlich, weil sie der Meinung war, Fräser würde es nicht billigen, wenn sie das Geschäftliche mit dem Privatvergnügen vermischte. Falls Fräser sich der dauernden Chancen, die sie ausschlug, bewusst war – er sagte nichts. Am Tag nach dem Abendessen in seinem Haus hatte er ihr Gehalt um zehn Dollar pro Woche aufgebessert.

Catherine schien es, dass in dem Tempo der Stadt ein Wandel eingetreten war. Die Menschen bewegten sich schneller, wurden angespannter, nervöser. Die Schlagzeilen berichteten von einer unaufhörlichen Folge von Invasionen und Krisen in Europa. Der Fall Frankreichs hatte die Amerikaner tiefer berührt als die anderen sich schnell entwickelnden Ereignisse in Europa, denn sie fühlten sich persönlich verletzt und vergewaltigt; sie empfanden ihn als einen Verlust der Freiheit in einem Land, das eine der Wiegen der Freiheit war.

Norwegen war gefallen, England kämpfte um sein Leben in der Schlacht von Britannien, und ein Pakt zwischen Deutschland, Italien und Japan war geschlossen worden. Das Gefühl der Unvermeidbarkeit eines Kriegseintritts Amerikas wuchs ständig. Eines Tages fragte Catherine Fräser nach seiner Ansicht.

»Ich glaube, es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir hineingezogen werden«, sagte er nachdenklich. »Wenn England Hitler nicht aufhalten kann, werden wir es tun müssen.«

»Aber Senator Borah sagt...«

»Das Symbol von Amerikas Oberen müsste ein Vogel Strauß sein«, bemerkte Fräser böse.

»Was werden Sie tun, wenn's Krieg gibt?«

»Ein Held werden«, entgegnete er.

Catherine stellte ihn sich in der Uniform eines in den Krieg ziehenden Offiziers sehr schmuck vor, und sie hasste den Gedanken. Es schien ihr einfach stupide, dass die Menschen in diesem aufgeklärten Zeitalter immer noch glaubten, sie könnten ihre Meinungsverschiedenheiten lösen, indem sie sich gegenseitig umbrachten.

»Keine Sorge, Catherine«, sagte Fräser. »Es wird noch eine Weile nichts passieren. Und wenn, werden wir darauf vorbereitet sein.«

»Und was ist mit England?« fragte sie. »Wenn Hitler beschließt es anzugreifen, kann es sich gegen ihn zur Wehr setzen? Er hat so viele Panzer und Flugzeuge, und England hat nichts.«

»Die wird es haben«, versicherte Fräser ihr. »Sehr bald.«

Dann hatte er das Thema gewechselt, und sie waren wieder an die Arbeit gegangen.

Eine Woche später kündigten die Balkenüberschriften der Zeitungen Roosevelts neuen Gedanken von dem Leih-Pacht-Verfahren an. Fräser hatte also davon gewusst und hatte versucht, sie zu beruhigen, ohne irgendwelche Informationen zu enthüllen.

Die Wochen verstrichen schnell. Gelegentlich nahm Catherine eine Einladung an, aber jedes Mal stellte sie fest, dass sie ihren Begleiter mit William Fräser verglich, und sie fragte sich, warum sie überhaupt noch mit jemandem ausging. Sie war sich im klaren, dass sie sich in eine schlechte Gefühlslage manövriert hatte, wusste aber nicht, wie sie wieder herauskommen sollte. Sie sagte sich, sie sei von Fräser nur betört und würde es überwinden. Inzwischen jedoch hinderten ihre Gefühle sie, an der Gesellschaft anderer Männer Gefallen zu finden, weil sie alle so weit hinter ihm zurückblieben.

Eines Abends arbeitete Catherine noch im Büro. Unerwartet kam Fräser nach einem Theaterbesuch ins Büro zurück. Sie blickte verblüfft auf, als er eintrat.

»Was zum Donnerwetter haben wir denn hier?« brummte er. »Ein Sklavenschiff?«

»Ich wollte diesen Bericht fertig schreiben«, sagte sie, »damit Sie ihn morgen nach San Francisco mitnehmen können.«

»Sie hätten ihn mir mit der Post schicken können«, entgegnete er. Er setzte sich in einen Stuhl Catherine gegenüber und musterte sie. »Haben Sie nichts Besseres mit Ihren Abenden anzufangen, als langweilige Berichte zu schreiben?«

»Zufällig bin ich heute Abend frei.«

Fräser lehnte sich zurück, faltete die Hände, legte sie unters Kinn und starrte sie an. »Erinnern Sie sich, was Sie sagten, als Sie zum ersten Mal in dieses Büro traten?«

»Ach, ich sagte eine Menge Unsinn.«

»Sie sagten, Sie wollten nicht meine Sekretärin, sondern meine Assistentin werden.«

Sie lächelte. »Ich wusste es noch nicht besser.«

»Jetzt wissen Sie's.«

Sie blickte erstaunt auf. »Ich verstehe nicht.«

»Ganz einfach, Catherine«, sagte er ruhig. »In den letzten drei Monaten sind Sie in Wirklichkeit meine Assistentin gewesen. Jetzt werde ich es offiziell bestätigen.«

Sie sah ihn ungläubig an. »Sind Sie sicher, dass Sie ... ?«

»Ich habe Ihnen den Titel oder eine Gehaltserhöhung nicht früher gegeben, weil ich Sie nicht erschrecken wollte. Aber jetzt wissen Sie, dass Sie's können.«

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, stammelte Catherine. »Ich – Sie werden es nicht bereuen, Mr. Fräser.«

»Ich bereue es bereits. Meine Assistentinnen nennen mich immer Bill.«

»Bill.«

Als Catherine später in jener Nacht im Bett lag, erinnerte sie sich, wie er sie angesehen hatte und welche Gefühle er bei ihr erweckt hatte, und es dauerte lange, bis sie endlich einschlafen konnte.

Catherine hatte ihrem Vater mehrere Male geschrieben und angefragt, wann er sie in Washington besuchen werde. Sie wollte ihm die Stadt zeigen und ihn ihren Freunden und Bill Fräser vorstellen. Auf ihre letzten beiden Briefe hatte sie keine Antwort erhalten. Besorgt rief sie ihren Onkel an. Ihr Onkel war am Apparat.

»Cathy! Ich – ich wollte dich gerade anrufen.«

Catherines Herz sank.

»Wie geht es Vater?«

Es entstand eine kurze Pause.

»Er hat einen Schlaganfall gehabt. Ich wollte dich schon früher anrufen, aber dein Vater bat mich zu warten, bis es ihm besser ginge.«

Catherine hielt den Hörer fest.

»Geht es ihm besser?«

»Ich fürchte nein, Cathy«, sagte die Stimme ihres Onkels. »Er ist gelähmt.«

»Ich komme sofort!« sagte Catherine.

Sie ging zu Bill Fräser hinein und teilte ihm die Nachricht mit.

»Es tut mir leid«, sagte Fräser. »Was kann ich für Sie tun?«

»Ich weiß nicht. Ich möchte sofort hinfliegen, Bill.«

»Natürlich.« Er hob den Hörer und tätigte einige Anrufe. Sein Chauffeur fuhr Catherine zu ihrer Wohnung, und sie packte schnell ein paar Kleider in ein Köfferchen. Dann brachte er sie zum Flughafen, wo Fräser ihr einen Platz in einem Flugzeug gebucht hatte.

Als die Maschine auf dem Flughafen Omaha landete, waren Catherines Tante und Onkel da, um sie abzuholen. Ein Blick in ihre Gesichter sagte ihr, dass sie zu spät kam. Sie fuhren schweigend ins Beerdigungsinstitut, und als Catherine in das Haus trat, war sie von einem unbeschreiblichen Gefühl des Verlorenseins, der Einsamkeit erfüllt. Ein Teil von ihr war gestorben und konnte nie mehr zum Leben erweckt werden. Sie wurde in eine kleine Kapelle geführt. Ihr Vater lag in einem einfachen Sarg, in seinen besten Anzug gekleidet. Die Zeit hatte ihn zusammenschrumpfen lassen, als ob die dauernde Abnutzung des Lebens ihn zermürbt und kleiner gemacht hätte. Ihr Onkel hatte Catherine die persönliche Habe ihres Vaters ausgehändigt, was er in seinem Leben gesammelt und sich bewahrt hatte. Sie bestand aus fünfzig Dollar in bar, einigen alten Fotos, einigen quittierten Rechnungen, einer Armbanduhr, einem angelaufenen silbernen Taschenmesser und einer Sammlung ihrer Briefe an ihn, sauber mit einer Schnur zusammengebunden und vom vielen Lesen mit Eselsohren versehen. Es war ein klägliches Erbe, und Catherine brach das Herz. Seine Träume waren so hochfliegend gewesen und seine Erfolge so gering. Sie erinnerte sich, wie lebenslustig und vital er gewesen war, als sie ein kleines Mädchen war, erinnerte sich an die Aufregung, wenn er von seinen Reisen nach Hause kam, die Taschen voll Geld und die Arme voller Geschenke. Sie dachte an seine wundervollen Erfindungen, die sich nie ganz realisieren ließen. Viele Erinnerungen gab es nicht, aber es war alles, was von ihm übrig blieb. Plötzlich wollte Catherine ihm so vieles sagen, so vieles für ihn tun; aber es war zu spät.