Sie begruben ihren Vater auf dem kleinen Friedhof neben der Kirche. An sich hatte Catherine vorgehabt, die Nacht bei ihrer Tante und ihrem Onkel zu verbringen und am anderen Tag den nächsten Zug zurück zu nehmen, aber plötzlich hielt sie es nicht mehr aus, auch nur einen Augenblick länger zu bleiben, rief den Flughafen an und buchte einen Platz im nächsten Flugzeug nach Washington. Bill Fräser holte sie vom Flughafen ab, und es schien für ihn die natürlichste Sache der Welt, da zu sein, auf sie zu warten und sie zu umsorgen, wenn sie ihn brauchte.
Er fuhr mit Catherine in einen alten Landgasthof in Virginia zum Abendessen und hörte aufmerksam zu, als sie ihm von ihrem Vater erzählte. Mitten in der Erzählung einer komischen Geschichte über ihn brach Catherine in Tränen aus, aber seltsamerweise schämte sie sich nicht vor Bill Fräser.
Er schlug vor, dass Catherine einen kurzen Urlaub nähme, aber sie wollte beschäftigt sein, wollte arbeiten, um ihre Gedanken an den Tod ihres Vaters zu verscheuchen. Sie glitt in die Gewohnheit, ein- oder zweimal in der Woche mit Fräser zu Abend zu essen, und Catherine fühlte sich ihm näher als je.
Es geschah ohne Planen oder Vorbedacht. Sie hatten im Büro noch bis spät gearbeitet. Catherine prüfte einige Papiere nach und fühlte, dass Bill Fräser hinter ihr stand. Seine Finger berührten ihren Nacken, langsam und liebkosend.
»Catherine ...«
Sie drehte sich um und blickte zu ihm auf, und einen Augenblick später lag sie in seinen Armen. Es war, als hätten sie sich schon tausendmal vorher geküsst, als wäre dies ihre Vergangenheit und ihre Zukunft, wohin sie immer gehört hatte.
Es ist so einfach, dachte Catherine. Es ist immer so einfach gewesen, ich habe es bloß nicht gewusst.
»Hol deinen Mantel, Liebling«, sagte Fräser. »Wir fahren heim.«
Im Wagen auf der Fahrt nach Georgetown saßen sie eng aneinandergedrückt, Fräser hatte den Arm um Catherine gelegt, sanft und beschützend. Ein solches Glück hatte sie noch nie empfunden. Sie war sicher, dass sie ihn liebte, und es spielte keine Rolle, wenn er sie nicht liebte. Er hatte sie gern, und sie würde sich damit begnügen. Wenn sie daran dachte, womit sie sich früher begnügt hätte – Ron Peterson -, dann schauderte ihr.
»Ist etwas?« fragte Fräser.
Catherine dachte an das Motelzimmer mit dem schmutzigen, gesprungenen Spiegel. Sie sah das energische, intelligente
Gesicht des Mannes an, dessen Arm sie umfasste. »Jetzt nicht«, sagte sie dankbar. Sie schluckte: »Ich muss dir etwas sagen, ich bin noch Jungfrau.«
Fräser lächelte und schüttelte verwundert den Kopf. »Es ist unglaublich«, sagte er. »Wie kam ich zu der einzigen Jungfrau in der Stadt Washington?«
»Ich versuchte, es zu ändern«, sagte Catherine, »aber es hat einfach nicht geklappt.«
»Das freut mich«, sagte Fräser.
»Meinst du damit, du hast nichts dagegen?«
Er lächelte sie wieder an, ein neckendes Grinsen, das sein Gesicht aufhellte. »Kennst du dein Problem?« fragte er.
»Das kann man wohl sagen!«
»Du hast dir zuviel Sorgen darüber gemacht.«
»Das kann man wohl sagen!«
»Der Kunstgriff ist, sich zu entspannen.«
Sie schüttelte sanft den Kopf.
»Nein, Liebling. Der Kunstgriff ist, man muss lieben.«
Eine halbe Stunde später fuhr der Wagen vor seinem Haus vor. Fräser führte Catherine in die Bibliothek.
»Möchtest du etwas trinken?«
Sie sah zu ihm auf. »Gehen wir nach oben.«
Er nahm sie in die Arme und küsste sie fest. Sie hielt ihn wild an sich gepresst, wollte ihn in sich hineinziehen. Wenn heut' Nacht etwas schief geht, dachte Catherine, bring' ich mich um. Wirklich, ich bring' mich um.
»Komm«, sagte er. Er nahm Catherine an der Hand.
Bill Fräsers Schlafzimmer war ein großer, männlich aussehender Raum mit einer hohen spanischen Kommode an einer Wand. Am anderen Ende des Zimmers war ein Alkoven mit einem Kamin, und davor stand ein Frühstückstisch. An einer anderen Wand stand ein großes Doppelbett. Links ging es in ein Ankleidezimmer, von dem aus man ein Badezimmer betrat.
»Bist du sicher, dass du nichts trinken willst?« fragte Fräser.
»Ich brauche es nicht.«
Er schloss sie wieder in die Arme und küsste sie. Sie spürte seine männliche Härte, und eine köstliche Erregtheit lief durch ihren Körper.
»Bin gleich wieder da«, sagte er.
Catherine sah ihn ins Ankleidezimmer verschwinden. Das war der netteste, wundervollste Mann, den sie je kennen gelernt hatte. Sie stand nachdenklich da, begriff aber dann plötzlich, warum er das Zimmer verlassen hatte. Er wollte ihr die Möglichkeit geben, sich allein auszuziehen, damit sie nicht verlegen wäre. Schnell zog Catherine ihre Kleider aus. Eine Minute später stand sie nackt da, blickte an ihrem Körper hinunter und dachte: Leb wohl, heilige Katharina. Sie ging zum Bett hinüber, zog die Decke zurück und kroch zwischen die Laken.
Fräser kam herein. Er trug einen rötlichen MoireDressinggown. Er trat ans Bett und blickte auf sie. Ihr schwarzes Haar war fächerförmig über das weiße Kopfkissen gebreitet, umrahmte ihr schönes Gesicht. Es war um so erregender, weil er wusste, dass es völlig ungeplant war.
Er schlüpfte aus dem Dressinggown und legte sich neben sie ins Bett. Plötzlich erinnerte sie sich.
»Ich trage nichts«, sagte Catherine. »Glaubst du, ich werde schwanger?«
»Hoffentlich.«
Sie sah ihn verdutzt an und öffnete den Mund, um ihn zu fragen, was er damit meine, aber er drückte die Lippen auf ihren Mund, und seine Hände begannen, über ihren Leib zu streichen, sanft auskundschaftend, und sie vergaß alles, außer, was ihr geschah, ihr ganzes Bewusstsein konzentrierte sich auf nur einen Teil ihres Körpers. Sie spürte, wie er versuchte, in sie einzudringen, hart und zwingend, spürte einen Augenblick einen scharfen, unerwarteten Schmerz, dann glitt er hinein, bewegte sich schneller und immer schneller, ein fremder
Körper in ihrem Körper, der sich tief in sie stürzte und sich in einem immer rasender werdenden Rhythmus bewegte, und er sagte: »Bist du soweit?« Sie war sich nicht sicher, was er damit meinte, aber sie sagte: »Ja«, und plötzlich schrie er: »Oh, Cathy!«, stieß noch einmal zu und blieb still auf ihr liegen.
Und es war alles vorbei, und er sagte: »War es schön für dich?«, und sie sagte: »Ja, es war schön«, und er sagte: »Es wird im Laufe der Zeit besser«, und sie war von Wonne erfüllt, dass sie ihm dieses Glück schenken konnte, und versuchte, sich über die Enttäuschung keine Gedanken zu machen. Vielleicht war es wie bei Oliven. Man musste Geschmack daran gewinnen. Sie lag in seinen Armen, ließ das Geräusch seiner Stimme über sich spülen, die sie tröstete, und sie dachte: Das ist das Wichtige, dass zwei Menschen zusammen sind, sich lieben und sich gegenseitig angehören. Sie hatte zu viele glühende Romane gelesen, hatte zu viele verheißungsvolle Liebeslieder gehört. Mit anderen Worten, sie hatte zuviel erwartet. Oder vielleicht – und wenn es wahr wäre, müsste sie der Tatsache ins Auge sehen – war sie frigide. Als ob er in ihr läse, zog Fräser sie enger an sich und sagte: »Mach dir keine Gedanken, wenn du enttäuscht bist, Liebling. Das erste Mal ist immer traumatisch.«