Als Catherine nicht antwortete, hob Fräser sich auf einen Ellbogen, sah sie besorgt an und fragte: »Wie fühlst du dich?«
»Großartig«, sagte sie schnell. »Du bist der beste Liebhaber, den ich je hatte.«
Sie küsste ihn und hielt ihn an sich, fühlte sich warm und sicher, bis sich endlich der harte Knoten in ihr aufzulösen begann und ein Gefühl der Entspannung sie erfüllte, und sie war zufrieden.
»Möchtest du einen Brandy haben?« fragte er.
»Nein, danke.«
»Ich glaube, ich schenke mir einen ein. Nicht jede Nacht geht ein Mann mit einer Jungfrau ins Bett.«
»Hat es dir etwas ausgemacht?« fragte sie.
Er sah sie mit jenem seltsamen, wissenden Blick an, wollte etwas sagen, ließ es aber dann. »Nein«, sagte er. In seiner Stimme lag ein Unterton, den sie nicht verstand.
»War ich -?« Sie schluckte. »Du weißt schon – in Ordnung?«
»Du warst reizend«, sagte er.
»Ehrlich?«
»Ehrlich.«
»Weißt du, warum ich beinahe nicht mit dir ins Bett ging?« fragte sie.
»Nun?«
»Ich fürchtete, du würdest mich danach nicht mehr sehen wollen.«
Er lachte laut. »Das ist eine alte, von nervösen Müttern, die ihre Töchter rein erhalten wollen, genährte Ehefrauengeschichte. Sex treibt die Menschen nicht auseinander, Catherine. Es bringt sie im Gegenteil enger zusammen.« Und es stimmte. Sie hatte sich noch nie jemandem so nahe gefühlt. Äußerlich mochte sie noch gleich aussehen, aber Catherine wusste, dass sie sich verändert hatte.
Das junge Mädchen, das am Abend in sein Haus gekommen war, war für immer verschwunden, und an seiner Stelle war eine Frau. William Fräsers Frau. Sie hatte endlich den geheimnisvollen heiligen Gral gefunden, den sie gesucht hatte. Die Suche war vorbei.
Jetzt wäre sogar das FBI zufrieden.
Noelle
Paris 1941
Für manche war das Paris von 1941 ein Füllhorn von Reichtümern und günstigen Gelegenheiten; für andere war es eine wahre Hölle. Der Name Gestapo war zu einem gefürchteten Wort geworden, und die Berichte über ihre Tätigkeit wurden zu einem – wenn auch geflüsterten – Hauptthema der Unterhaltung. Die Angriffe auf die französischen Juden, die mit dem fast übermütigen Einschlagen von ein paar Schaufenstern begonnen hatten, waren von der tüchtigen Gestapo zu einem System von Plünderungen, Rassentrennung und Ausrottung ausgebaut worden.
Am 29. Mai war eine neue Verordnung erlassen worden: »... ein sechszackiger Stern von den Ausmaßen einer Handfläche, mit einem schwarzen Rand versehen. Er muss aus gelbem Tuch sein und in schwarzen Buchstaben die Aufschrift JUDE haben. Er ist vom Alter von sechs Jahren an sichtbar auf der linken Brustseite zu tragen und muss fest am Kleidungsstück angebracht sein.«
Nicht alle Franzosen waren gewillt, den deutschen Stiefel auf sich herumtrampeln zu lassen. Der Maquis, die französische Widerstandsbewegung, kämpfte mit Klugheit und Härte, und wenn man ihre Mitglieder gefangen nahm, wurden sie auf erfinderische Weise zu Tode gebracht.
Eine junge Gräfin, deren Familie ein schloss außerhalb von Chartres besaß, wurde gezwungen, sechs Monate lang die Offiziere des deutschen Ortskommandos in den Räumen ihres Erdgeschosses unterzubringen, während sie gleichzeitig fünf von der Gestapo gesuchte Mitglieder des Marquis in den oberen Stockwerken des Schlosses versteckt hielt.
Die zwei Gruppen trafen einander nie, aber nach drei Monaten waren die Haare der Gräfin völlig weiß geworden.
Die Deutschen lebten, wie es sich für Eroberer ziemt, aber dem Durchschnittsfranzosen mangelte es an allem, außer an Kälte und Elend. Das Gas zum Kochen war rationiert, und es gab nichts zum Heizen. Die Pariser überlebten die Winter, indem sie tonnenweise Sägemehl kauften, das sie in der einen Hälfte ihrer Wohnungen aufspeicherten, während sie die andere Hälfte mittels besonderer Sägemehlöfen warm hielten.
Alles war Ersatz, von den Zigaretten und dem Kaffee bis zum Leder. Die Franzosen machten Witze darüber, dass es vollkommen egal sei, was man esse; alles schmecke gleich. Die französischen Frauen – traditionsgemäß die elegantesten der Welt – trugen schäbige Lammfellmäntel statt Wolle und Holzschuhe mit Keilabsätzen, so dass es sich wie das Klappern von Pferdehufen anhörte, wenn sie durch die Straßen von Paris gingen.
Sogar Taufen waren davon betroffen, denn es gab keine kandierten Mandeln, die traditionelle Süßigkeit bei der Taufzeremonie, und Süßwarengeschäfte forderten in ihren Schaufenstern die Kunden auf, sich in die Vormerkliste für Mandeln einzutragen. Es gab ein paar Renault-Taxis auf der Straße, aber die gebräuchlichste Art von Beförderung war das zweisitzige Tandem-Fahrrad.
Das Theater, wie immer in Zeiten anhaltender Krisen, blühte. Die Leute fanden in den Kinos und auf den Bühnen eine Möglichkeit, der niederdrückenden Realität ihres Alltagslebens zu entfliehen. Über Nacht war Noelle Page zum Star geworden. Eifersüchtige Kollegen im Theater sagten, dies sei einzig und allein der Macht und der Begabung Armand Gautiers zuzuschreiben, und wenn es auch stimmte, dass Gautier ihre Karriere gefördert hatte, ist es doch im Theatermilieu eine anerkannte Tatsache, dass niemand einen Star machen kann außer dem Publikum, diesem gesichtslosen, launischen, anbetenden, wankelmütigen Richter über das Schicksal eines
Schauspielers. Das Publikum vergötterte Noelle.
Was Armand Gautier betraf, so bereute er aufs bitterste, zu Noelles Karriere beigetragen zu haben. Sie brauchte ihn jetzt nicht mehr; nur eine Laune band sie an ihn, und er lebte in dauernder Furcht vor dem Tag, an dem sie ihn verlassen würde. Gautier hatte den größten Teil seines Lebens im Theater verbracht, aber er war nie jemandem wie Noelle begegnet. Sie war aufnahmefähig wie ein Schwamm, lernte alles, was er sie zu lehren hatte, und verlangte immer noch mehr. Es war phantastisch gewesen, die Metamorphose zu beobachten, die in ihr vorging, wenn sie vom anfänglichen unsicheren Abtasten einer Rolle zu deren selbstsicherer Beherrschung fortschritt. Gautier hatte von Anfang an gewusst, dass aus Noelle ein Star würde – dessen war er immer völlig sicher gewesen -, aber als er sie besser kennen lernte, fand er mit Erstaunen, dass es nicht ihr Ziel war, ein Star zu sein. In Wahrheit war Noelle nicht einmal an der Schauspielerei interessiert.
Zuerst konnte Gautier das einfach nicht glauben. Star – das war die oberste Stufe der Leiter, das sine qua non. Aber für Noelle war das Schauspielern einfach ein Sprungbrett, und Gautier hatte nicht den geringsten Anhaltspunkt für ihr wahres Ziel. Sie war ein Geheimnis, ein Rätsel, und je tiefer Gautier sondierte, desto mysteriöser wurde alles, wie die chinesischen Schachteln, die beim Öffnen stets weitere Schachteln in ihrem Inneren enthüllen. Gautier hielt sich etwas auf seine Menschenkenntnis zugute, speziell auf seine Frauenkenntnis, und die Tatsache, dass er absolut nichts von der Frau wusste, mit der er lebte, machte ihn verrückt. Er bat Noelle, ihn zu heiraten, und sie sagte: »Ja, Armand«, und er wusste genau, dass damit nichts gesagt war, dass es für sie nicht mehr bedeutete als ihre Verlobung mit Philippe Sorel oder Gott weiß wie viel anderen Männern in ihrer Vergangenheit. Er begriff, dass die Heirat niemals stattfinden würde. Sobald es Noelle passte, würde sie weiterziehen.