Gautier war sicher, dass jeder Mann, der sie kennen lernte, sie dazu bringen wollte, mit ihm zu schlafen. Er wusste auch von seinen neidischen Freunden, dass es keinem von ihnen gelungen war.
»Du glücklicher Hurensohn«, hatte einer seiner Freunde gesagt. »Du musst ja ein richtiger Bulle sein. Ich bot ihr eine Jacht, ein eigenes schloss und einen Stab von Dienstboten in Cap d'Antibes an, und sie lachte mich nur aus.«
Ein anderer Freund, ein Bankier, sagte zu ihm: »Endlich habe ich etwas gefunden, was man nicht für Geld kaufen kann.«
»Noelle?«
Der Bankier nickte. »Erraten. Ich bat sie, ihren Preis zu nennen. Sie war nicht interessiert. Was fesselt sie an dich, mein Freund?«
Armand Gautier hätte es auch gerne gewusst.
Gautier erinnerte sich an das erste Stück, das er für sie gefunden hatte. Schon nach der Lektüre von einem Dutzend Seiten wusste er, dass es genau das war, was er gesucht hatte. Es war ein Drama über eine Frau, deren Mann im Krieg war. Eines Tages erscheint ein Soldat in ihrem Heim und erzählt ihr, er sei ein Kamerad ihres Mannes, mit dem er an der russischen Front gekämpft hätte. Im weiteren Verlauf des Stückes verliebt sich die Frau in den Soldaten, nicht ahnend, dass er ein psychopathischer Mörder ist und sie in Lebensgefahr schwebt. Es war eine großartige Rolle, und Gautier willigte sofort ein, die Regie zu übernehmen, unter der Bedingung, dass Noelle Page die Hauptrolle spiele. Den Geldgebern widerstrebte es, einer Unbekannten eine solche Rolle anzuvertrauen, sie erklärten sich aber trotzdem bereit, sie vorsprechen zu lassen. Gautier eilte nach Hause, um Noelle die Nachricht zu überbringen. Sie war zu ihm gekommen, weil sie ein Star werden wollte, und jetzt würde er ihren Wunsch erfüllen. Er sagte sich, das würde sie enger verbinden und sie dazu bringen, ihn wirklich zu lieben. Sie würden heiraten, und sie gehörte ihm dann für immer.
Aber als Gautier ihr die Neuigkeit überbrachte, blickte sie nur auf und sagte: »Das ist wunderbar, Armand, ich danke dir.« In demselben Tonfall, in dem sie ihm gedankt hätte, wenn er ihr die genaue Zeit gesagt oder Feuer für ihre Zigarette gegeben hätte.
Gautier beobachtete sie lange und erkannte, dass Noelle auf eine seltsame Weise krank war; irgendein Gefühl war in ihr erstorben oder war niemals vorhanden gewesen, niemand würde sie je besitzen. Er wusste es, und trotzdem konnte er nicht wirklich daran glauben, denn was er sah, war ein schönes, zärtliches Geschöpf, das bereitwillig allen seinen Launen nachgab und nichts dafür forderte. Und weil Gautier sie liebte, schob er seine Zweifel beiseite, und sie begannen mit der Arbeit an dem Stück.
Noelle war phantastisch beim Vorsprechen und bekam ohne weiteres die Rolle, wie Gautier schon vorher gewusst hatte. Als das Stück zwei Monate später in Paris Premiere hatte, wurde Noelle über Nacht zum beliebtesten Star Frankreichs. Die Kritiker hatten sich vorgenommen, das Stück und Noelle zu verreißen, weil sie wussten, dass Gautier seiner Geliebten, einer unerfahrenen Schauspielerin, die Hauptrolle zugeschoben hatte, und das war für sie eine überaus verlockende Gelegenheit, die sie sich nicht entgehen lassen wollten. Aber Noelle hatte sie völlig in Bann geschlagen. Sie suchten nach neuen Superlativen, um ihre Darstellung und ihre Schönheit zu beschreiben. Das Stück war ein Kassenschlager.
Jeden Abend nach der Vorstellung war Noelles Garderobe voller Besucher. Sie empfing alle: Schuhverkäufer, Soldaten, Millionäre, Ladenmädchen und behandelte jedermann mit der gleichen geduldigen Höflichkeit. Gautier war immer von neuem erstaunt. Sie benimmt sich fast wie eine Prinzessin, die ihre Untertanen empfängt, dachte er.
Innerhalb eines Jahres erhielt Noelle drei Briefe aus Marseille. Sie zerriss sie ungeöffnet, und schließlich kamen keine mehr.
Im Frühling spielte Noelle die Hauptrolle in einem Film unter der Regie von Armand Gautier, und als der Film herauskam, verbreitete sich ihr Ruhm noch mehr. Gautier wunderte sich über Noelles Geduld bei Interviews und Fotoaufnahmen. Die meisten Stars hassten das und taten es nur, um ihren Kassenwert zu erhöhen oder um ihre Eitelkeit zu befriedigen. In Noelles Fall trafen beide Motive nicht zu. Sie wechselte einfach das Thema, wenn sie von Gautier gefragt wurde, warum sie bereitwillig auf eine Gelegenheit, sich im Süden Frankreichs auszuruhen, verzichtete und statt dessen im kalten, regnerischen Paris blieb, um ermüdende Aufnahmen für Le Matin, La Petite Parisienne oder L'Illustration zu machen. Und es war besser so, denn Gautier wäre sehr verblüfft gewesen, wenn er die wahre Ursache gewusst hätte.
Alles, was Noelle tat, geschah für Larry Douglas.
Wenn sie für Aufnahmen posierte, dann dachte sie dabei an ihren früheren Geliebten, wie er die Zeitschrift in die Hand nehmen und sie auf der Fotografie erkennen würde. Wenn sie eine Szene in einem Film spielte, sah sie Larry Douglas eines Abends im Kino irgendwo in einem fernen Land sitzen und sie betrachten. Ihre Arbeit war eine Mahnung an ihn, eine Botschaft aus der Vergangenheit, ein Signal, das ihn eines Tages zu ihr zurückbringen würde; und das war das einzige, was Noelle wollte, dass er zu ihr zurückkäme, damit sie ihn vernichten könnte.
Dank Christian Barbet besaß Noelle ein stets wachsendes Informationsmaterial über Larry Douglas. Der kleine Detektiv war von seinem schäbigen Büro in eine geräumige luxuriöse Suite in der Rue Richer, in der Nähe der Folies-Bergere, umgezogen. Als Noelle ihn zum ersten Mal in seinem neuen Büro besuchte, hatte Barbet über ihren überraschten Gesichtsausdruck gegrinst und gesagt: »Ich habe es billig bekommen. Der frühere Inhaber dieser Räume war ein Jude.«
»Sie sagten, Sie hätten Neuigkeiten für mich«, meinte Noelle.
Barbet hörte auf zu grinsen. »Ach, ja.« Er hatte wirklich Neuigkeiten. Es war schwierig, sich unter den Augen ^er Nazis Informationen aus England zu verschaffen, aber Barbet hatte Wege gefunden. Er bestach Matrosen auf neutralen Schiffen, für ihn Briefe von einer Agentur in London herein zu schmuggeln. Aber das war nur eine seiner Quellen. Er nutzte den Patriotismus der französischen Untergrundbewegung, die Humanität des Internationalen Roten Kreuzes und die Habgier der Schwarzmarkthändler mit ausländischen Verbindungen für seine Zwecke. Jedem von ihnen erzählte er eine andere Geschichte, und der Informationsfluss versiegte nie.
Er nahm einen Bericht von seinem Schreibtisch. »Ihr Freund wurde über dem Kanal abgeschossen«, sagte er ohne Einleitung. Er beobachtete Noelles Gesicht aus dem Augenwinkel, in der Erwartung, dass ihre unbeteiligte Fassade zu bröckeln begänne, und genoss den Schmerz, den er ihr zufügte. Aber Noelles Ausdruck veränderte sich nicht im geringsten. Sie blickte ihn an und sagte zuversichtlich: »Er wurde gerettet.« Barbet starrte sie an, schluckte und antwortete widerwillig: »Nun ja. Er wurde von einem britischen Rettungsboot aufgefischt.« Und wunderte sich, wie zum Teufel sie das erraten konnte.
Alles an dieser Frau verblüffte ihn, er hasste sie als Klientin und spielte mit dem Gedanken, sie fallen zu lassen, aber Barbet wusste, dass es dumm von ihm wäre.
Er hatte einmal versucht, ihr Avancen zu machen, hatte ihr zu verstehen gegeben, dass seine Dienste dann billiger wären, aber Noelle hatte ihn so kühl abgewiesen, dass er sich wie ein Tölpel vorkam; das würde er ihr nie verzeihen. Eines Tages – nahm Barbet sich im stillen vor – eines Tages würde dieses eingebildete Luder dafür zahlen.
Als Noelle jetzt in seinem Büro stand, einen Ausdruck von Widerwillen auf ihrem schönen Gesicht, fuhr Barbet eilig mit seinem Bericht fort, um sie so schnell wie möglich loszuwerden.
»Seine Staffel ist nach Kirton in Lincolnshire verlegt worden. Sie fliegen Hurricanes und ...« Noelle war an etwas anderem interessiert.
»Seine Verlobung mit der Tochter des Admirals«, sagte sie, »ist gelöst, nicht wahr?«
Barbet blickte sie erstaunt an und murmelte: »Ja. Sie fand etwas über seine anderen Affären heraus.« Es war fast, als ob Noelle den Bericht bereits gesehen hätte. Natürlich kannte sie ihn noch nicht, aber das spielte keine Rolle. Das Band des Hasses, das sie mit Larry Douglas vereinte, war so stark, dass ihm anscheinend nichts Wichtiges passieren konnte, ohne dass sie es spürte. Noelle nahm den Bericht und ging. Zu Hause angekommen, las sie ihn langsam durch, dann legte sie ihn sorgfältig in die Mappe zu den anderen Berichten und schloss sie weg, so dass niemand sie finden konnte.