An einem Freitagabend nach der Vorstellung saß Noelle in ihrer Garderobe im Theater und war gerade beim Abschminken, als an die Tür geklopft wurde und Marius, der ältliche, verkrüppelte Bühnenportier, hereinkam.
»Pardon, Mademoiselle Page, ein Herr bat mich, Ihnen das zu bringen.«
Noelle blickte in den Spiegel und sah, dass er einen riesigen Strauß roter Rosen in einer kostbaren Vase trug.
»Stell ihn dorthin, Marius«, sagte Noelle und sah zu, wie er die Vase mit den Rosen behutsam auf einen Tisch stellte.
Es war Ende November, und niemand in Paris hatte seit über drei Monaten Rosen gesehen. Es waren bestimmt vier Dutzend, rubinrot, langstielig, taufrisch. Neugierig ging Noelle hinüber und nahm die Karte in die Hand. Darauf stand: »Dem reizenden Fräulein Page. Würden Sie mit mir soupieren? General Hans Scheider.«
Die Vase war aus Delfter Porzellan, hatte ein kostbares Dekor und war sehr wertvoll. General Scheider hatte sich gewaltig angestrengt.
»Er wartet auf Antwort«, sagte der Bühnenportier.
»Sag ihm, dass ich niemals soupiere, und nimm diese Blumen deiner Frau mit.«
Er starrte sie erstaunt an. »Aber der General ...«
»Das ist alles.«
Marius nickte, nahm die Vase und eilte hinaus. Noelle wusste, dass er sofort herumerzählen würde, sie habe einen deutschen General abgewiesen. Dasselbe war vorher mit anderen deutschen Beamten geschehen, und die Franzosen sahen deshalb in ihr eine Art Heldin. Es war lächerlich. Die Wahrheit war ganz einfach, dass Noelle nichts gegen die Nazis hatte, sie waren ihr bloß gleichgültig, hatten nichts mit ihrem Leben und mit ihren Plänen zu tun; sie duldete sie einfach und wartete auf den Tag, an dem sie in ihr Land zurückkehren würden. Sie wusste, es wäre für sie schädlich, sich mit den Deutschen einzulassen. Nicht jetzt vielleicht, aber es war nicht die Gegenwart, die Noelle am Herzen lag; es war die Zukunft. Sie hielt die Idee der tausendjährigen Herrschaft des Dritten Reiches für merde. Jeder Geschichtsstudent wusste, dass letzten Endes alle Eroberer ihrerseits wieder besiegt werden. In der Zwischenzeit würde sie ihren französischen Landsleuten keinen Vorwand liefern, gegen sie vorzugehen, wenn die Deutschen einmal aus dem Lande getrieben wären. Die NaziOkkupation berührte sie überhaupt nicht, und wenn das Gespräch darauf kam – was ununterbrochen der Fall war -, so vermied Noelle jede Diskussion darüber.
Fasziniert von ihrer Haltung, versuchte Armand Gautier oft, sie über dieses Thema auszuhorchen.
»Macht es dir denn nichts aus, dass die Nazis Frankreich erobert haben?« fragte er sie.
»Würde es eine Rolle spielen, wenn es mir etwas ausmachte?«
»Darum handelt es sich nicht. Wenn jedermann so dächte wie du, wären wir verloren.«
»Wir sind trotz allem verloren, oder nicht?«
»Nicht, wenn wir an den freien Willen glauben. Meinst du, unser Leben sei von Geburt an festgelegt?«
»Bis zu einem gewissen Grad. Unser Körper, unser Geburtsort und unser Platz im Leben werden uns gegeben, was aber nicht bedeutet, dass wir uns nicht ändern können. Wir können alles werden, was wir wollen.«
»Genau das meine ich. Daher müssen wir gegen die Nazis kämpfen.«
Sie blickte ihn an. »Weil Gott auf unserer Seite ist?«
»Ja«, erwiderte er.
»Wenn es einen Gott gibt«, antwortete Noelle vernünftig, »und Er sie geschaffen hat, dann muss Er auch auf ihrer Seite sein.«
Im Oktober, zum Jahresjubiläum von Noelles Stück, veranstalteten die Geldgeber eine Party für die Schauspieler im Tour d'Argent. Die Gesellschaft bestand aus Schauspielern, Bankiers und einflussreichen Geschäftsleuten. Die Gäste waren hauptsächlich Franzosen, aber es war auch ein Dutzend Deutsche dabei, einige in Uniform und alle außer einem von französischen Mädchen begleitet. Dieser eine war ein deutscher Offizier in den Vierzigern, mit langem, hagerem, intelligentem Gesicht, tiefgrünen Augen und straffer, sportlicher Figur. Von seiner Wange bis zum Kinn zog sich eine schmale Narbe. Noelle war sich bewusst, dass er sie den ganzen Abend über beobachtet hatte, obwohl er nicht in ihre Nähe gekommen war.
»Wer ist der Mann?« fragte sie beiläufig einen ihrer Gastgeber.
Er blickte zu dem Offizier hinüber, der allein an einem Tisch saß und an einem Glas Champagner nippte, und wandte sich dann überrascht Noelle zu. »Merkwürdig, dass Sie mich danach fragen. Ich dachte, er sei ein Freund von Ihnen. Das ist General Scheider. Er gehört dem Generalstab an.« Noelle entsann sich der Rosen und der Karte. »Warum hatten Sie geglaubt, er sei ein Freund von mir?« fragte sie.
Der Mann schien verlegen. »Ich nahm natürlich an ... ich meine, jedes Stück und jeder Film, der in Frankreich produziert wird, muss von den Deutschen zugelassen werden. Als der Zensor die Produktion Ihres letzten Films verhindern wollte, griff der General persönlich ein und gab seine Genehmigung.«
In diesem Moment brachte Armand Gautier jemanden an, den er Noelle vorstellen wollte, und das Gespräch nahm eine andere Wendung.
Noelle beachtete General Scheider nicht mehr.
Als sie am nächsten Abend in ihre Garderobe trat, fand sie eine einzige Rose in einer kleinen Vase mit einem Kärtchen vor, auf dem stand: »Vielleicht sollten wir bescheidener anfangen. Kann ich Sie sehen? Hans Scheider.«
Noelle zerriss das Kärtchen und warf die Blume in den Papierkorb.
Nach diesem Abend bemerkte Noelle, dass General Scheider auf fast jeder Gesellschaft war, die sie und Armand besuchten. Er blieb stets im Hintergrund und beobachtete sie. Das war offensichtlich kein Zufall mehr. Noelle begriff, dass er keine Mühe scheute, ihr überall nachzuspüren und sich Einladungen für alle Gesellschaften zu verschaffen, zu denen sie auch gehen würde.
Sie fragte sich, warum er so an ihr interessiert war, aber es war eine müßige Überlegung, und es berührte sie eigentlich nicht. Hin und wieder machte sich Noelle einen Spaß daraus, eine Einladung anzunehmen und nicht zu erscheinen, und wenn sie dann am nächsten Tag die Gastgeberin fragte, ob General Scheider da gewesen sei, lautete die Antwort stets: »Ja.«
Trotz der schnellen und tödlichen Strafe, die die Nazis gegen jeden verhängten, der sich ihnen widersetzte, blühte die
Sabotage in Paris weiter. Neben dem Marquis gab es kleine Gruppen freiheitsliebender Franzosen, die ihr Leben riskierten, um den Feind mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Waffen zu bekämpfen. Sie ermordeten deutsche Soldaten, wo immer sie sie überrumpeln konnten, ließen Versorgungslastwagen in die Luft fliegen und legten Minen unter Brücken und Züge. Ihre Tätigkeit wurde in der zensierten Tagespresse als infam angeprangert, aber für die Patrioten waren diese infamen Taten heldenhaft. Immer wieder tauchte der Name eines Mannes in den Zeitungen auf – er trug den Spitznamen Le Cafard, die Schabe, denn er schien überall sein Wesen zu treiben, und es gelang der Gestapo nie, seiner habhaft zu werden. Manche glaubten, er sei ein in Paris lebender Engländer; eine andere Theorie besagte, dass er ein Agent von General de Gaulle, dem Führer der Freien Französischen Truppen, sei; und manche behaupteten sogar, er sei ein übergelaufener Deutscher. Wer immer er auch war, Zeichnungen von Schaben begannen in ganz Paris aufzutauchen, an Gebäuden, auf dem Trottoir und sogar im deutschen Hauptquartier. Die Gestapo konzentrierte alle ihre Bemühungen darauf, ihn zu fangen. Eines war gewiss: Le Cafard war über Nacht zum Volkshelden geworden.