An einem regnerischen Nachmittag im Dezember besuchte Noelle die Eröffnung der Ausstellung eines jungen Künstlers, den sie und Armand kannten. Die Ausstellung fand in einer Galerie im Faubourg St. Honore statt. Der Raum war überfüllt. Viele Berühmtheiten waren anwesend, und die Fotografen waren überall. Noelle wanderte von einem Bild zum ändern und fühlte plötzlich, wie jemand sie am Arm berührte. Sie drehte sich um und blickte in das Gesicht von Madame Rose. Noelle erkannte sie nicht sofort. Das vertraute hässliche Gesicht war das gleiche, und doch schien es um zwanzig Jahre gealtert, als ob sie mit der Zeit durch irgendeine Alchimie in ihre eigene Mutter verwandelt worden wäre. Sie war in ein großes schwarzes Cape gehüllt, und Noelles Unterbewusstsein
sagte ihr, dass sie nicht den vorgeschriebenen gelben Judenstern trug.
Noelle wollte etwas sagen, wurde jedoch von der ältlichen Frau unterbrochen, die ihren Arm drückte.
»Könnten wir uns treffen?« fragte sie mit kaum vernehmlicher Stimme. »Les Deux Magots.«
Bevor Noelle antworten konnte, verschwand Madame Rose in der Menge, und Noelle fand sich von Fotografen umgeben. Während sie für sie posierte und ihr übliches Lächeln aufsetzte, dachte sie an Madame Rose und ihren Neffen, Israel Katz. Beide hatten ihr in Zeiten der Not geholfen. Israel hatte ihr zweimal das Leben gerettet. Noelle fragte sich, was Madame Rose wollte. Wahrscheinlich Geld.
Zwanzig Minuten später schlich sich Noelle davon und nahm ein Taxi zur Place St. Germain des Pres. Es hatte mit gelegentlichen Unterbrechungen den ganzen Tag geregnet, und jetzt hatte sich der Regen in einen kalten Graupelschauer verwandelt. Als ihr Taxi bei den Deux Magots vorfuhr und Noelle in die beißende Kälte hinausstieg, tauchte plötzlich aus dem Nichts ein Mann in einem Regenmantel und einem breitkrempigen Hut neben ihr auf. Noelle brauchte einen Augenblick, um ihn zu erkennen. Wie seine Tante sah auch er älter aus, aber die Verwandlung bestand nicht nur darin. Er strahlte eine Persönlichkeit, eine Stärke aus, die er vorher nicht gehabt hatte. Israel Katz war dünner als das letzte Mal, da sie ihn gesehen hatte, und seine Augen lagen in tiefen Höhlen, als ob er tagelang nicht geschlafen hätte. Noelle bemerkte, dass er nicht den gelben sechszackigen Judenstern trug.
»Gehen wir hinein«, sagte Israel Katz.
Er nahm Noelles Arm. Im Cafe war ein halbes Dutzend Gäste, alles Franzosen. Israel führte Noelle an einen Tisch in einer hinteren Ecke.
»Wollen Sie etwas trinken?« fragte er.
»Nein, danke.«
Er nahm seinen durchnässten Hut ab, und Noelle betrachtete prüfend sein Gesicht. Sie wusste sofort, dass er sie nicht herbestellt hatte, um Geld von ihr zu erbitten. Er beobachtete sie.
»Sie sind immer noch schön, Noelle«, sagte er ruhig. »Ich habe alle Ihre Filme und Stücke gesehen. Sie sind eine große Schauspielerin.«
»Warum sind Sie niemals zu mir hinter die Bühne gekommen?« Israel zögerte und lächelte gezwungen. »Ich wollte Ihnen keine Ungelegenheiten bereiten.«
Noelle starrte ihn einen Augenblick an, bevor sie begriff, was er meinte. Für sie war »Jude« nur ein Wort, das ab und zu in den Zeitungen auftauchte, und es bedeutete nichts in ihrem Leben, aber was musste es heißen, mit diesem Wort zu leben, Jude in einem Land zu sein, das darauf aus war, einen vom Erdboden zu tilgen, einen auszurotten, besonders, wenn es das eigene Vaterland war.
»Ich suche mir meine Freunde aus«, erwiderte Noelle. »Niemand befiehlt mir, mit wem ich zu verkehren habe.«
Israel lächelte gezwungen. »Verschwenden Sie Ihren Mut nicht«, riet er. »Gebrauchen Sie ihn, wo er von Nutzen sein kann.«
»Erzählen Sie mir von sich«, sagte sie.
Er zuckte die Schultern. »Ich führe kein sehr glanzvolles Leben. Ich wurde Chirurg, studierte bei Dr. Angibouste. Haben Sie mal von ihm gehört?«
»Nein.«
»Er ist ein großer Herzchirurg. Er protegierte mich. Dann haben mir die Nazis die ärztliche Lizenz entzogen.« Er hielt seine schön geformten Hände hoch und betrachtete sie, als ob sie jemand anderem gehörten. »So wurde ich Zimmermann.«
Sie sah ihn lange an. »Ist das alles?« fragte sie.
Israel musterte sie erstaunt. »Natürlich«, sagte er. »Warum?«
Noelle schob einen Hintergedanken beiseite.
»Nichts. Warum wollten Sie mich sehen?«
Er beugte sich näher zu ihr und senkte seine Stimme. »Sie müssen mir einen Gefallen tun. Ein Freund«
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und vier deutsche Soldaten in feldgrauen Uniformen, angeführt von einem Unteroffizier, marschierten ins Cafe. Der Unteroffizier rief mit lauter Stimme: »Achtung! Ausweiskontrolle!«
Israel Katz erstarrte, und sein Gesicht schien sich in eine Maske zu verwandeln. Noelle sah, wie seine rechte Hand in die Manteltasche glitt. Seine Augen schweiften zu dem engen Korridor, der zum hinteren Ausgang führte, aber einer der Soldaten ging bereits darauf zu und versperrte ihn. Israel sagte mit leiser, eindringlicher Stimme: »Lassen Sie mich allein. Gehen Sie durch die Vordertür hinaus. Jetzt gleich.«
»Warum?« fragte Noelle.
Die Deutschen prüften die Ausweise einiger Gäste an einem Tisch in der Nähe des Eingangs.
»Keine Fragen«, befahl er. »Gehen Sie.«
Noelle zögerte einen Augenblick, erhob sich dann und ging auf die Tür zu. Die Soldaten wechselten bereits zum nächsten Tisch über. Israel hatte seinen Stuhl zurückgeschoben, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben. Dadurch lenkte er die Aufmerksamkeit von zwei Soldaten auf sich. Sie gingen auf ihn zu.
»Ausweis!«
Irgendwie wusste Noelle, dass es Israel war, den die Soldaten suchten, und dass er versuchen würde zu flüchten und sie ihn dabei töten würden. Er hatte keine Chance.
Sie drehte sich um und rief ihm laut zu: »Francois! Wir werden zu spät ins Theater kommen. Zahle und lass uns gehen.«
Die Soldaten blickten sie erstaunt an. Noelle wandte sich zum Tisch.
Unteroffizier Schultz ging ihr entgegen. Er war ein blonder,
pausbäckiger Junge, Anfang Zwanzig. »Sind Sie in Begleitung dieses Mannes, Fräulein?« fragte er.
»Natürlich. Haben Sie nichts Besseres zu tun, als ehrliche französische Bürger zu belästigen?« fragte Noelle erbost.
»Mein liebes Fräulein, es tut mir leid, aber ...«
»Ich bin nicht Ihr liebes Fräulein!« erwiderte Noelle scharf. »Ich bin Noelle Page, Schauspielerin im Varietetheater, und dieser Herr ist mein Partner. Heute Abend werde ich mit meinem Freund, General Scheider, soupieren und ihm von Ihrem Benehmen heute Nachmittag berichten; er wird empört sein.«
Noelle sah einen Blick des Erkennens in den Augen des Unteroffiziers auftauchen, aber ob ihm ihr Name oder der des Generals Scheider bekannt war, das wusste sie nicht.
»Es – es tut mir leid, Fräulein«, stammelte er. »Natürlich kenne ich Sie.« Er wandte sich Israel Katz zu, der schweigend, die Hände in den Manteltaschen, dasaß. »Diesen Herrn aber kenne ich nicht.«
»Sie würden ihn kennen, wenn ihr Barbaren je ins Theater gingt«, sagte Noelle mit schneidender Verachtung. »Sind wir verhaftet, oder können wir gehen?«
Der junge Unteroffizier spürte, dass alle Augen auf ihn gerichtet waren. Er hatte eine sofortige Entscheidung zu treffen. »Selbstverständlich sind das Fräulein und ihr Freund nicht verhaftet«, sagte er. »Bitte entschuldigen Sie, dass ich Ihnen Ungelegenheiten bereitet habe.«
Israel Katz blickte zu dem Soldaten auf und sagte kühclass="underline" »Es regnet, Herr Unteroffizier. Könnte einer Ihrer Leute uns ein Taxi besorgen?«
»Natürlich. Sofort.«
Israel stieg mit Noelle in das Taxi, und der deutsche Unteroffizier stand im Regen und sah zu, wie sie abfuhren. Als das Taxi drei Häuserblocks weiter vor einer Verkehrsampel hielt, öffnete Israel die Tür, drückte kurz Noelles Hand und ver-