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schwand wortlos in der Nacht.

Am selben Abend um sieben Uhr, als Noelle in ihre Garderobe trat, warteten zwei Männer auf sie. Einer von ihnen war der junge deutsche Unteroffizier vom Nachmittag aus dem Cafe. Der andere war in Zivil. Er war ein Albino, vollkommen ohne Haare, mit rosa Augen, und erinnerte Noelle irgendwie an einen Fötus. Er war in den Dreißigern und hatte ein Mondgesicht. Seine Stimme war hoch und auf fast lächerliche Weise einer Frauenstimme ähnlich, aber es war etwas Undefinierbares, fast Todbringendes an ihm, das einen erstarren ließ. »Mademoiselle Noelle Page?«

»Ja.«

»Ich bin Oberst Kurt Müller von der Gestapo. Ich glaube, Sie kennen Unteroffizier Schultz bereits.«

Noelle wandte sich gleichgültig dem Unteroffizier zu. »Nein, ich glaube nicht.«

»Im Kaffeehaus, heute Nachmittag«, sagte der Unteroffizier hilfreich.

Noelle wandte sich wieder Müller zu. »Ich lerne so viele Leute kennen.«

Der Oberst nickte. »Es muss schwierig sein, sich an alle zu erinnern, wenn man so viele Freunde hat wie Sie, Mademoisel-le.« Sie nickte. »Allerdings.«

»Nehmen wir zum Beispiel den Freund, mit dem Sie heute Nachmittag zusammen waren.« Er machte eine Pause und beobachtete Noelles Augen. »Sie erzählten Unteroffizier Schultz, dass er in dem Stück als Ihr Partner auftrete?«

Noelle blickte den Gestapomann erstaunt an. »Der Unteroffizier muss mich falsch verstanden haben.«

»Nein, Fräulein«, erwiderte der Unteroffizier unwillig. »Sie sagten ...«

Der Oberst wandte sich zu ihm um, warf ihm einen eiskalten Blick zu, und der Mund des Unteroffiziers schnappte mitten im Satz zu.

»Vielleicht«, sagte Kurt Müller liebenswürdig. »So etwas kann sehr leicht vorkommen, wenn man versucht, sich in einer fremden Sprache zu verständigen.«

»Das stimmt«, erwiderte Noelle prompt.

Aus dem Augenwinkel sah sie, wie das Gesicht des Unteroffiziers vor Zorn rot anlief, aber er hielt den Mund.

»Es tut mir leid, Sie einer solchen Kleinigkeit wegen belästigt zu haben«, sagte Kurt Müller.

Noelle spürte, wie ihre Schultern herunter sanken, und plötzlich wurde ihr bewusst, in welcher Spannung sie sich befunden hatte.

»Ist schon in Ordnung«, sagte sie. »Vielleicht kann ich Ihnen Karten für das Stück verschaffen.«

»Ich habe es schon gesehen«, sagte der Gestapomann, »und Unteroffizier Schultz hat sich eine Karte gekauft. Aber ich danke Ihnen.«

Er ging auf die Tür zu und blieb dann stehen. »Nachdem Sie Unteroffizier Schultz einen Barbaren nannten, beschloss er, für heute Abend eine Karte zu kaufen, um Ihre Vorstellung zu sehen. Als er die Fotos der Schauspieler im Foyer betrachtete, sah er das Bild Ihres Freundes aus dem Kaffeehaus nicht. Deshalb rief er mich.«

Noelles Herz begann schneller zu schlagen.

»Nur für unsere Akten, Mademoiselle. Wenn er nicht Ihr Partner war, wer war er wirklich?«

»Ein – ein Freund.«

»Sein Name?« Die hohe Stimme war immer noch sanft, aber es schwang etwas Gefährliches darin mit.

»Spielt das eine Rolle?« fragte Noelle.

»Auf Ihren Freund passt die Beschreibung eines Verbrechers, den wir suchen. Man hat uns berichtet, er sei heute Nachmittag in der Nähe der Place St. Germain des Pres gesehen worden.«

Noelle stand da und beobachtete ihn, ihr Kopf arbeitete fieberhaft.

»Wie heißt Ihr Freund?« fragte Oberst Müller hartnäckig.

»Ich – ich weiß es nicht.«

»Ah, er war also ein Unbekannter?«

»Ja.«

Er starrte sie an, und seine kalten rosa Augen bohrten sich in die ihren. »Sie saßen mit ihm zusammen. Sie hielten die Soldaten davon ab, seinen Ausweis einzusehen. Weshalb?«

»Er tat mir leid«, sagte Noelle. »Er kam auf mich zu ...«

»Wo?«

Noelle dachte schnell nach. Möglicherweise hatte sie jemand zusammen das Kaffeehaus betreten sehen. »Vor dem Cafe. Er erzählte mir, dass die Soldaten hinter ihm her wären, weil er ein paar Lebensmittel für seine Frau und Kinder gestohlen hätte. Es schien mir ein solch geringfügiges Vergehen, dass ich ...« Sie blickte Müller flehentlich an. »Ich half ihm.«

Müller musterte sie einen Moment und nickte dann bewundernd. »Ich kann verstehen, warum Sie so ein großer Star sind.« Das Lächeln erstarb auf seinem Gesicht, und als er wieder sprach, klang seine Stimme noch sanfter. »Gestatten Sie mir, Ihnen einen Rat zu erteilen, Mademoiselle Page. Wir wünschen mit euch Franzosen auf gutem Fuß zu stehen. Wir wollen euch als Freunde und als Verbündete haben. Aber jeder, der unsere Feinde unterstützt, wird auch unser Feind. Wir werden Ihren Freund fangen, Mademoiselle, und wenn wir ihn haben, werden wir ihn verhören, und ich garantiere Ihnen, er wird reden.«

»Ich habe nichts zu fürchten«, sagte Noelle.

»Sie irren sich.« Seine Stimme war jetzt kaum vernehmbar. »Sie haben mich zu fürchten.« Oberst Müller gab dem Unteroffizier einen Wink und ging wieder auf die Tür zu. Er drehte sich noch einmal um. »Wenn Sie etwas von Ihrem Freund hören, werden Sie mir das sofort melden. Falls Sie das nicht tun ...« Er lächelte ihr zu. Und die beiden Männer waren verschwunden.

Noelle sank völlig erschöpft in einen Stuhl. Sie erkannte, dass sie nicht überzeugend gewirkt hatte, aber sie war total überrumpelt worden. Sie war so sicher gewesen, dass der Zwischenfall vergessen war. Sie erinnerte sich jetzt an einige der Geschichten, die sie über die Gestapo gehört hatte, und ein leichtes Frösteln überkam sie. Angenommen, sie erwischten Israel Katz und er würde reden ... Er könnte ihnen erzählen, dass sie alte Freunde waren, dass Noelle gelogen hatte, als sie vorgab, ihn nicht zu kennen. Aber das würde sicher nicht von Bedeutung sein. Außer ... der Name, an den sie im Cafe gedacht hatte, kam ihr wieder in den Sinn. Le Cafard.

Eine halbe Stunde später, als Noelle sich auf die Bühne begab, gelang es ihr, alles aus ihrem Bewusstsein zu streichen, was nicht zu ihrer Rolle gehörte. Es war ein dankbares Publikum, und als sie vor den Vorhang trat, wurde sie aufs stürmischste gefeiert. Sie konnte noch den Beifall hören, als sie in ihre Garderobe zurückging und die Tür öffnete. In einem Stuhl saß General Scheider. Er erhob sich, als Noelle eintrat, und sagte höflich: »Man hat mich unterrichtet, dass wir heute Abend eine Verabredung zum Souper haben.«

Sie soupierten im Le Fruit Perdu an der Seine, etwa zwanzig Meilen außerhalb von Paris. Der Chauffeur des Generals hatte sie in einer glänzenden schwarzen Limousine hingefahren. Der Regen hatte aufgehört, und die Nacht war kühl und angenehm. Bis zum Ende des Soupers erwähnte der General die Vorfälle des Tages nicht. Noelles erster Impuls war gewesen, nicht mit ihm auszugehen, aber dann kam sie zu dem Schluss, sie müsse erfahren, wie viel die Deutschen wirklich wussten und in wie großer Gefahr sie schwebte.

»Ich erhielt heute Nachmittag einen Anruf vom GestapoHauptquartier«, sagte der General. »Man berichtete mir, Sie hätten einem Unteroffizier Schultz gesagt, dass Sie heute Abend mit mir soupieren würden.« Noelle beobachtete ihn schweigend. Er fuhr fort. »Ich sagte mir, es wäre für Sie äußerst unangenehm, wenn ich nein sagte, und äußerst angenehm für mich, wenn ich ja sagte.« Er lächelte. »Und so sind wir also hier.«

»Das ist alles einfach lächerlich«, protestierte Noelle. »Einem armen Mann zu helfen, der ein paar Lebensmittel gestohlen hat.«

»Nein, nein!« Die Stimme des Generals war schneidend. Noelle blickte ihn überrascht an. »Verfallen Sie nicht in den Fehler zu glauben, dass alle Deutschen Dummköpfe seien. Und unterschätzen Sie die Gestapo nicht.«

Noelle sagte: »Die haben nichts mit mir zu tun, General.«

Er spielte mit dem Stiel seines Weinglases. »Oberst Müller verdächtigt Sie, einem Mann geholfen zu haben, hinter dem er schon seit langem her ist. Und wenn das stimmt, dann sieht die Sache für Sie sehr schlecht aus. Oberst Müller verzeiht nicht und vergisst nicht.« Er sah Noelle an. »Andererseits«, sagte er bedachtsam, »wenn Sie Ihren Freund nicht wieder sehen, könnte diese ganze Geschichte einfach vergessen werden. Möchten Sie einen Cognac?«