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»Ja, bitte«, sagte Noelle.

Er bestellte zwei Cognacs Napoleon. »Wie lange leben Sie schon mit Armand Gautier zusammen?«

»Bestimmt kennen Sie bereits die Antwort«, erwiderte Noelle.

General Scheider lächelte. »Ja, in der Tat, ich weiß es. Was ich Sie wirklich fragen wollte, ist, warum Sie sich immer geweigert haben, mit mir zu soupieren. War es Gautiers wegen?«

Noelle schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Ach so«, sagte er steif. Es war ein Klang in seiner Stimme, der sie erstaunte.

»Paris ist voll von Frauen«, sagte Noelle. »Ich bin sicher, Sie könnten leicht jemanden finden.«

»Sie kennen mich nicht«, sagte der General ruhig, »sonst

hätten Sie das nicht gesagt.« Er schien verlegen. »Ich habe eine Frau und Kinder in Berlin. Ich liebe sie sehr, aber ich habe sie jetzt über ein Jahr nicht gesehen und habe keine Ahnung, wann ich sie wieder sehen werde.«

»Wer hat Sie dazu gezwungen, nach Paris zu kommen?« fragte Noelle unbarmherzig.

»Ich habe nicht um Ihre Sympathie gebeten. Ich wollte Ihnen nur einiges von mir erklären. Ich bin kein polygamer Typ. Als ich Sie zum ersten Mal auf der Bühne sah«, sagte er, »ging etwas in mir vor. Ich fühlte, dass ich Sie unbedingt kennen lernen musste. Ich möchte, dass wir gute Freunde sind.«

Es lag eine ruhige Würde in der Art, wie er sprach.

»Ich kann nichts versprechen«, sagte Noelle.

Er nickte. »Ich verstehe.«

Aber natürlich verstand er nichts. Denn Noelle beabsichtigte nicht, ihn je wieder zu sehen. General Scheider wechselte taktvoll das Thema, und sie sprachen über Schauspielerei und Theater. Noelle fand, dass er eine erstaunliche Bildung besaß. Er war sehr vielseitig und hochintelligent. Mit Leichtigkeit sprang er von einem Thema zum anderen, wobei er ihre gemeinsamen Interessen unterstrich. Er zog eine Schau ab, die Noelle amüsierte. Er hatte sich große Mühe gegeben, alles über ihre Herkunft und ihre Vergangenheit in Erfahrung zu bringen. Er war durch und durch der deutsche General in seiner feldgrauen Uniform, kräftig und autoritär, aber er besaß auch eine Feinheit, die von einer ganz anderen Seite seiner Persönlichkeit zeugte, etwas Intellektuelles, das mehr zu einem Gelehrten als zu einem Soldaten passte. Und trotzdem war da diese Narbe auf seinem Gesicht.

»Wie sind Sie zu dieser Narbe gekommen?« fragte Noelle.

Er tastete mit dem Finger über die tiefe Kerbe und zuckte die Schultern. »Ich habe mich vor vielen Jahren duelliert; in Deutschland nennen wir das >Schmiss<.«

Sie diskutierten über die Nazi-Philosophie.

»Wir sind keine Ungeheuer«, erklärte General Scheider. »Und wir haben nicht den Wunsch, die Welt zu beherrschen. Aber wir beabsichtigen auch nicht, stillzusitzen und weiterhin für einen Krieg bestraft zu werden, den wir vor mehr als zwanzig Jahren verloren haben. Der Vertrag von Versailles war eine Fessel, die das deutsche Volk endlich abgeworfen hat.«

Sie sprachen über die Besetzung von Paris. »Es war nicht die Schuld Ihrer französischen Soldaten, dass es so leicht für uns war«, sagte General Scheider. »Ein großer Teil der Verantwortung liegt bei Napoleon dem Dritten.«

»Sie scherzen«, antwortete Noelle.

»Ich spreche vollkommen im Ernst«, versicherte er ihr. »Zu Napoleons Zeit benützte der Mob ununterbrochen die krummen, winkligen Straßen von Paris für Barrikaden und Hinterhalte gegen die Soldaten. Um sie daran zu hindern, gab er Baron Haussmann den Auftrag, die Straßen zu begradigen und schöne, breite Boulevards anzulegen.« Er lächelte. »Die Boulevards, über die unsere Truppen marschierten. Ich fürchte, die Nachwelt wird mit dem Stadtplaner Haussmann nicht glimpflich verfahren.«

Nach dem Abendessen, auf der Heimfahrt nach Paris, fragte er: »Sind Sie in Armand Gautier verliebt?«

Es klang beiläufig, aber Noelle spürte, dass ihre Antwort für ihn wichtig war.

»Nein«, sagte sie langsam.

Er nickte befriedigt. »Ich wusste es. Ich glaube, dass ich Sie sehr glücklich machen könnte.«

»So glücklich, wie Sie Ihre Frau machen?«

General Scheider erstarrte für einen Moment, als ob er einen Schlag erhalten hätte, und wandte sich dann zu Noelle um.

»Ich kann ein guter Freund sein«, sagte er ruhig. »Wir wollen hoffen, dass wir beide niemals Feinde werden.«

Als Noelle in ihr Appartement zurückkehrte, war es fast drei Uhr morgens, und Armand Gautier erwartete sie besorgt.

»Wo zum Teufel bist du gewesen?« fragte er, als sie zur Tür hereinkam.

»Ich hatte eine Verabredung.« Noelles Augen streiften an ihm vorbei über das Zimmer. Es sah aus, als ob es von einem Wirbelsturm heimgesucht worden sei. Die Schreibtischschubladen waren geöffnet und ihr Inhalt im Zimmer verstreut. Die Schränke waren durchsucht worden, eine Lampe war umgeworfen, und ein kleiner Tisch lag umgekippt da, ein Bein war abgebrochen.

»Was ist passiert?« fragte Noelle.

»Die Gestapo war hier! Mein Gott, Noelle, was hast du angestellt?«

»Nichts.«

»Warum sind sie dann hier gewesen?«

Noelle ging im Zimmer umher und stellte die Möbel wieder an ihren Platz, wobei sie scharf nachdachte. Gautier fasste sie an den Schultern. »Ich möchte wissen, was vorgeht.«

Sie holte tief Atem. »Gut.«

Sie erzählte ihm von ihrem Treffen mit Israel Katz, verschwieg aber dabei seinen Namen und die darauf folgende Unterhaltung mit Oberst Müller. »Ich weiß nicht, ob mein Freund Le Cafard ist, aber es ist möglich.«

Gautier sank wie betäubt in einen Stuhl. »Mein Gott!« rief er aus. »Es ist mir egal, wer er ist. Aber ich will nicht, dass du künftig irgend etwas mit ihm zu tun hast. Diese Angelegenheit könnte uns beide vernichten. Ich hasse die Deutschen genauso wie du ...«

Er hielt inne, da er nicht sicher war, ob Noelle die Deutschen überhaupt hasste. Dann begann er von neuem: »Cherie, solange die Deutschen hier die Herren sind, müssen wir uns nach ihnen richten. Niemand von uns kann es sich leisten, die Gestapo herauszufordern. Dieser Jude – wie, sagtest du, war sein Name?«

»Ich habe ihn nicht genannt.«

Er blickte sie einen Augenblick an. »War er dein Liebhaber?«

»Nein, Armand.«

»Bedeutet er dir etwas?«

»Nein.«

»Dann ist es gut.« Gautier klang erleichtert. »Ich glaube nicht, dass wir irgend etwas zu befürchten haben. Sie können dir nichts vorwerfen, wenn du nur eine zufällige Begegnung mit ihm gehabt hast. Wenn du ihn nie wieder siehst, werden sie die ganze Geschichte vergessen.«

»Natürlich werden sie sie vergessen«, sagte Noelle.

Am nächsten Abend, als Noelle sich zum Theater begab, folgten ihr zwei Gestapomänner.

Von diesem Tag an folgte man Noelle überallhin. Zuerst verspürte sie nur ein leises Unbehagen, ein vages Gefühl, dass jemand die Augen auf sie gerichtet hielt. Noelle drehte sich daraufhin meistens um und erblickte in der Menge einen germanisch aussehenden jungen Mann in Zivil, der sie nicht zu beachten schien. Später im Verlauf des Tages kehrte dieses Unbehagen wieder, und diesmal war es ein anderer Germane. Es war nie der gleiche und obwohl sie in Zivil waren, trugen sie doch eine Uniform, die nur die Thre sein konnte: eine Haltung, gemischt aus Verachtung, Arroganz und Grausamkeit, deren Ausstrahlung unverkennbar war. Noelle erzählte Gautier nichts davon, denn sie hielt es für unnötig, ihn noch mehr in Unruhe zu versetzen. Der Zwischenfall mit der Gestapo in ihrer Wohnung hatte ihn sehr aus der Fassung gebracht. Er sprach die ganze Zeit davon, was die Deutschen seiner und Noelles Karriere antun könnten, wenn sie wollten, und Noelle wusste, dass er recht hatte. Man brauchte nur die Tageszeitungen zu lesen, um zu sehen, dass die Nazis ihren Feinden gegenüber erbarmungslos waren. General Scheider hatte mehrmals telefonische Nachricht hinterlassen, aber Noelle hatte sich nicht darum gekümmert. Auch wenn sie die Nazis nicht zu Feinden wollte, zu Freunden wollte sie sie auch nicht. Sie beschloss, neutral zu bleiben wie die Schweiz. Die Israels Katz der Welt würden sich allein helfen müssen. Noelle war ein wenig neugierig, was er von ihr gewollt haben konnte, hatte aber keinerlei Absicht, in die Sache verwickelt zu werden.