Er nickte. »Ja«, sagte er. »Ich glaube, wir werden bald Krieg haben.«
»Wie schrecklich.«
»Es wird noch schrecklicher sein, wenn wir nicht eingreifen«, sagte er ruhig. »England ist wie durch ein Wunder bei Dünkirchen noch einmal davongekommen. Wenn Hitler jetzt beschließt, den Kanal zu überqueren, glaube ich nicht, dass die Briten ihn aufhalten können.« Sie tranken ihren Kaffee schweigend zu Ende, und er bezahlte.
»Möchtest du nach Hause kommen und die Nacht mit mir verbringen?« fragte Fräser.
»Nicht heute Abend«, sagte Catherine. »Du musst früh aufstehen und ich auch.«
»Gut.«
Nachdem er sie an ihrer Wohnung abgesetzt und sie sich zum Schlafengehen fertig gemacht hatte, fragte sich Catherine, warum sie nicht am Vorabend seiner Abreise zu Bill gegangen war.
Sie wusste keine Antwort darauf.
Catherine war in Hollywood aufgewachsen, obgleich sie niemals dort gewesen war. Sie hatte unzählige Stunden in dunklen Kinos verbracht, verloren in den zauberhaften, von der Filmhauptstadt der Welt fabrizierten Träumen, und sie würde stets für die Freude dankbar sein, die ihr diese glücklichen Stunden bereitet hatten.
Als Catherines Flugzeug auf dem Flughafen Burbank landete, war sie ganz aufgeregt. Eine Limousine erwartete sie, um sie zu ihrem Hotel zu bringen. Als sie durch die sonnigen, breiten Straßen fuhren, waren die Palmen das erste, was Catherine auffiel. Sie hatte über sie gelesen und Bilder davon gesehen, aber die Wirklichkeit war einfach überwältigend. Überall ragten sie hoch in den Himmel, der untere Teil ihrer schlanken Stämme nackt und der obere Teil üppig und grün. In der Mitte jedes Baumes hing ein zerfranster Ring von Blattwerk, wie ein schmutziger Unterrock unter einem grünen Ballettröckchen, dachte Catherine.
Sie kamen an einem riesigen Gebäude vorbei, das wie eine Fabrik aussah. Ein großes Schild über der Tür trug die Aufschrift: »Warner Bros.« und darunter: »Gute Filme für gute Bürger.« Als der Wagen an dem Tor vorbeifuhr, dachte Catherine an James Cagney in Yankee Doodle Dandy und an Bette Davis in Dark Victory, und sie lächelte glücklich.
Sie kamen an der Hollywood Bowl vorbei, die von außen enorm wirkte, bogen auf die Highland Avenue ab und fuhren auf dem Hollywood Boulevard nach Westen. Sie passierten das Egyptian Theatre und zwei Häuserblocks weiter westlich das Grauman's Chinese Theatre, und Catherines Stimmung stieg zusehends. Es war, als ob sie zwei alte Freunde wieder sähe. Der Chauffeur schwenkte in den Sunset Boulevard ein und fuhr Richtung Beverly Hills Hotel. »Das Hotel wird Ihnen gefallen, Miss. Es ist eines der besten in der Welt.«
Bestimmt war es eines der schönsten Hotels, die Catherine je gesehen hatte. Es lag nördlich vom Sunset in einem Halbkreis
von schützenden Palmen und war von großen Gärten umgeben. Eine anmutige Auffahrt wand sich hinauf zum Vordereingang des Hotels, das in zartem Rosa gehalten war. Ein eifriger junger Manager geleitete Catherine auf ihr Zimmer, das sich als ein luxuriöser Bungalow auf dem Gelände hinter dem Hauptgebäude des Hotels entpuppte. Auf dem Tisch befand sich ein Blumenbouquet mit den Empfehlungen des Hotels und ein noch größerer, noch schönerer Strauß mit einer Karte, auf der stand: »Ich wünschte, Du wärst hier oder ich wäre dort, Dein Bill.« Der Manager hatte Catherine drei telefonische Nachrichten übergeben. Sie waren von Allan Benjamin, der, wie man ihr gesagt hatte, der Produzent des Lehrfilms war. Während Catherine Bills Kärtchen las, klingelte das Telefon. Sie rannte darauf zu, nahm den Hörer ab und sagte eifrig: »Bill?« Aber es stellte sich heraus, dass es Allan Benjamin war.
»Willkommen in Kalifornien, Miss Alexander«, kam seine Stimme schrill durch den Hörer. »Hier Korporal Allan Benjamin, Produzent dieses kleinen Reinfalls.«
Ein Korporal. Sie hätte eher gedacht, man würde einen Hauptmann oder Oberst damit betrauen.
»Wir beginnen morgen mit der Dreharbeit. Hat man Ihnen gesagt, dass wir Schauspieler statt Soldaten verwenden werden?«
»Ich habe es schon gehört«, erwiderte Catherine.
»Wir beginnen um neun Uhr morgens zu drehen. Wenn Sie um acht Uhr hier sein könnten, hätte ich gerne, dass Sie sich die Burschen einmal ansehen. Sie wissen, was die Luftwaffe haben will.«
»Ist recht«, sagte Catherine schnell. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, was die Luftwaffe wollte, aber sie nahm an, es würde genügen, seinen gesunden Menschenverstand zu gebrauchen und Typen auszuwählen, die wie Piloten aussahen.
»Ich schicke Ihnen einen Wagen um halb acht Uhr«, sagte die
Stimme. »Man braucht nur eine halbe Stunde zu den MetroStudios. Sie sind in Culver City. Wir treffen uns im Tonstudio 13.«
Es war fast schon vier Uhr morgens, ehe Catherine einschlief, und es schien ihr, dass im selben Moment, in dem sie die Augen schloss, das Telefon läutete und die Zentrale ihr mitteilte, dass eine Limousine auf sie wartete.
Eine halbe Stunde später befand sich Catherine auf dem Weg zu Metro-Goldwyn-Mayer.
Es war das größte Filmstudio der Welt. Da war das Hauptfilmgelände, das aus zweiunddreißig Tonstudios und dem riesigen Thalberg-Verwaltungsgebäude bestand, in dem Louis B. Mayer, fünfundzwanzig leitende Angestellte und einige der berühmtesten Regisseure, Produzenten und Schriftsteller des Showgeschäfts untergebracht waren. Gelände zwei enthielt die enormen Kulissen für Außenaufnahmen, die fortwährend für die jeweiligen Dreharbeiten umgearbeitet wurden. Innerhalb von drei Minuten konnte man an den Schweizer Alpen, einer Stadt im Wilden Westen, einem Wohnblock in Manhattan und einem Strand von Hawaii vorbeifahren. Gelände drei, auf der anderen Seite vom Washington Boulevard gelegen, beherbergte Requisiten und Hintergrundkulissen im Wert von Millionen Dollar, die zum Drehen von Freilichtszenen verwendet wurden.
All dies wurde Catherine von ihrer Begleiterin erklärt, einem jungen Mädchen, deren Aufgabe es war, sie zum Studio 13 zu bringen. »Es ist eine Stadt für sich«, sagte sie stolz, »wir erzeugen unsere eigene Elektrizität, verpflegen in unseren Kantinen sechstausend Leute pro Tag und bauen alle unsere Kulissen selbst hinten auf dem Gelände. Wir sind völlig autark. Wir sind auf niemanden angewiesen.«
»Außer aufs Publikum.«
Als sie die Straße entlanggingen, kamen sie an einem schloss vorbei, das aus einer von Pfosten gestützten Fassade bestand. Gegenüber war ein See, und ein Stück weiter unten konnte man das Foyer eines Theaters von San Francisco sehen. Nicht das Theater, nur das Foyer.
Catherine lachte laut auf, und das Mädchen starrte sie an.
»Stimmt etwas nicht?« fragte sie.
»O doch«, sagte Catherine. »Ich finde alles wunderbar.«
Dutzende von Komparsen gingen die Straße entlang, Cowboys und Indianer plauderten auf ihrem Weg zu den Tonstudios freundlich miteinander. Ein Mann tauchte unerwartet hinter einer Ecke auf, und als Catherine einen Schritt zurücktrat, um ihm auszuweichen, sah sie, dass es ein Ritter in Rüstung war. Nach ihm kam eine Gruppe von Mädchen in Badeanzügen. Catherine stellte fest, dass der kurze Ausflug ins Showgeschäft ihr zu gefallen begann. Sie wünschte, ihr Vater hätte das sehen können.
»Hier sind wir«, sagte ihre Begleiterin. Sie standen vor einem riesigen grauen Gebäude. Ein Schild daneben trug die Aufschrift: Studio 13.
»Ich werde Sie hier verlassen. Finden Sie sich zurecht?«
»Sehr gut«, sagte Catherine. »Danke.«
Ihre Begleiterin nickte und ging. Catherine musterte das Tonstudio. Ein Schild über der Tür gebot: BEI ROTEM LICHT NICHT EINTRETEN. Das Licht war aus, Catherine drückte daher die Klinke herunter und öffnete die Tür. Oder versuchte es zumindest. Die Tür war über Erwarten schwer, und sie brauchte ihre ganze Kraft, um sie aufzukriegen.
Als es ihr endlich gelang, befand sich Catherine einer zweiten Tür gegenüber, genauso schwer und massiv wie die erste. Es war, als ob man eine Unterdruckkammer beträte.