Im Inneren des höhlenartigen Tonstudios rannten Dutzende von Menschen herum, jeder von ihnen schien mit einem geheimnisvollen Botengang beschäftigt. Eine Gruppe von Männern war in Luftwaffenuniform, und Catherine begriff, dass es die Schauspieler waren, die in dem Film auftreten sollten. In einer entfernten Ecke des Tonstudios war ein komplettes Büro eingerichtet, mit einem Schreibtisch, Stühlen und einer großen militärischen Karte an der Wand. Die Techniker leuchteten die Szene aus.
»Entschuldigung«, sagte sie zu einem Vorübergehenden. »Ist Mr. Allan Benjamin hier?«
»Der kleine Korporal?« Er zeigte hinüber. »Dort.« Catherine drehte sich um und sah einen schmächtigen, gebrechlich wirkenden Mann in einer schlecht sitzenden Uniform mit Korporalsstreifen. Er brüllte gerade einen Mann an, der die Sterne eines Generals trug.
»Zum Teufel mit dem Besetzungschef«, schrie er. »Ich stecke bis zum Arsch in Generalen. Ich brauche Korporale.« Er hob verzweifelt die Hände. »Alle wollen Häuptling spielen, niemand will Indianer sein.«
»Entschuldigen Sie«, sagte Catherine. »Ich bin Catherine Alexander.«
»Gott sei Dank!« sagte der kleine Mann. Er wandte sich den anderen zu, und seine Stimme klang erbittert. »Das Herumalbern ist jetzt vorbei, ihr Taugenichtse. Washington ist da.«
Catherine zwinkerte mit den Augen. Bevor sie den Mund auftun konnte, sagte der kleine Korporaclass="underline" »Ich weiß wirklich nicht, warum ich hier bin. Ich hatte einen Job für 3500 Dollar im Jahr in Dearborn als Redakteur einer Zeitschrift für Möbelhandel und wurde zur Nachrichtentruppe eingezogen, um Lehrfilme zu schreiben. Was verstehe ich vom Filmemachen oder Regieführen? Das ist der größte Sauhaufen, den ich je gesehen habe.« Er rülpste und griff sich an den Magen. »Ich kriege noch ein Magengeschwür«, stöhnte er, »und dabei bin ich nicht mal im Showgeschäft. Entschuldigen Sie.«
Er drehte sich um und eilte dem Ausgang zu, Catherine einfach stehen lassend. Sie blickte hilflos um sich. Alle schienen sie anzustarren, in der Erwartung, dass sie etwas täte.
Ein hagerer grauhaariger Mann in einem Pullover kam auf sie zu und lächelte amüsiert. »Brauchen Sie Hilfe?« fragte er ruhig.
»Ich brauche ein Wunder«, sagte Catherine ganz offen. »Ich habe die Aufsicht über das hier und weiß nicht, was ich überhaupt tun soll.«
Er grinste sie an. »Willkommen in Hollywood. Ich bin Tom O'Brien, der R. A.«
Sie blickte ihn fragend an.
»Der Regie-Assistent. Ihr Freund, der Korporal, sollte die Regie führen, aber ich habe das Gefühl, dass er nicht wiederkommt.« Der Mann strahlte eine ruhige Sicherheit aus, die Catherine gefiel.
»Wie lange arbeiten Sie schon bei der Metro-Goldwyn-Mayer?« fragte sie.
»Fünfundzwanzig Jahre.«
»Glauben Sie, dass Sie die Regie dieses Films übernehmen könnten?«
Sie sah, wie seine Mundwinkel zuckten. »Ich könnte es versuchen«, sagte er nachdenklich. »Ich habe sechs Filme mit Willie Wyler zusammen gemacht.« Seine Augen wurden ernst. »Die Lage ist nicht so schlimm, wie sie aussieht«, sagte er. »Alles, was wir benötigen, ist ein bisschen Organisation. Das Drehbuch ist geschrieben, und die Kulissen sind fertig.«
»Das ist schon ein Anfang«, sagte Catherine. Sie warf einen Blick auf die Uniformen. Die meisten von ihnen saßen schlecht, und die Männer, die sie trugen, schienen sich darin nicht wohl zu fühlen.
»Sie sehen wie eine Reklame für die Marine aus«, bemerkte Catherine.
O'Brien lachte anerkennend.
»Woher stammen diese Uniformen?«
»Wildwestkostüme. Unserer Garderobenabteilung sind die Uniformen ausgegangen. Wir drehen gleichzeitig drei Kriegsfilme.« Catherine musterte die Männer mit kritischem Blick. »Nur sechs der Uniformen sehen wirklich schlecht aus«, entschied sie. »Geben wir sie zurück und versuchen wir, bessere zu bekommen.«
O'Brien nickte zustimmend. »In Ordnung.«
Catherine und O'Brien gingen zu der Gruppe der Komparsen hinüber. Der Lärm des Stimmengewirrs in dem riesigen Studio war ohrenbetäubend.
»Ein bisschen leiser, Boys«, schrie O'Brien. »Das ist Miss Alexander. Sie wird die Aufnahmen leiten.«
Man hörte ein paar anerkennende Pfiffe und Buh-Rufe.
»Danke«, sagte Catherine lächelnd. »Die meisten von Ihnen sehen gut aus, aber einige werden zur Wildwestabteilung zurückgehen und sich andere Uniformen verpassen lassen müssen. Stellen Sie sich in einer Reihe auf, damit wir uns Sie besser ansehen können.«
»Ich würde mir gerne Sie besser ansehen. Wo essen Sie heute zu Abend?« rief einer der Männer.
»Ich esse mit meinem Mann«, sagte Catherine, »gleich nach seinem Match.«
O'Brien stellte die Männer in eine unordentliche Reihe. Catherine hörte Gelächter und Stimmen in ihrer Nähe und drehte sich unwillig um. Einer der Komparsen stand neben einer Kulisse und sprach mit drei Mädchen, die förmlich an seinem Mund hingen und hysterisch über alles, was er sagte, kicherten. Catherine sah einen Augenblick zu, dann ging sie zu dem Mann hinüber und sagte: »Entschuldigen Sie. Würde es Ihnen etwas ausmachen, sich einzureihen?«
Der Mann drehte sich langsam um. »Sprechen Sie mit mir?« fragte er lässig.
»Ja«, sagte Catherine. »Wir würden gerne mit unserer Arbeit beginnen.« Sie entfernte sich.
Er flüsterte den Mädchen etwas zu, die in lautes Gelächter ausbrachen, und folgte dann langsam Catherine. Er war ein hoch gewachsener Mann mit einem schlanken und kraftvollen Körper, und mit seinem blauschwarzen Haar und seinen leidenschaftlichen Augen sah er sehr gut aus. Als er sprach, klang seine Stimme tief und unverschämt belustigt. »Was kann ich für Sie tun?« fragte er Catherine.
»Wollen Sie arbeiten?« erwiderte Catherine.
»O ja«, versicherte er ihr.
Catherine hatte einmal einen Artikel über Komparsen gelesen: Sie waren eine seltsame Sorte von Menschen, die ihr anonymes Leben in den Tonstudios verbrachten und den Massenszenen, in denen die Stars auftraten, Hintergrundatmosphäre verliehen. Sie waren gesichtslos, stimmlos; ihr angeborener Mangel an Ehrgeiz hinderte sie, sinnvolle Arbeit zu suchen. Der Mann vor ihr war ein perfektes Beispiel dafür. Weil er so unerhört gut aussah, hatte ihm wahrscheinlich jemand in seiner Heimatstadt in den Kopf gesetzt, dass er ein Star werden könnte; er war nach Hollywood gekommen, hatte herausgefunden, dass Talent genauso wichtig war wie gutes Aussehen, und hatte sich damit abgefunden, Komparse zu sein. Der einfachste Ausweg.
»Wir werden einige Uniformen auswechseln müssen«, sagte Catherine geduldig.
»Stimmt irgend etwas mit meiner Uniform nicht?« fragte er.
Catherine musterte seine Uniform. Sie musste zugeben, sie saß perfekt, betonte seine breiten Schultern, übertrieb sie jedoch nicht und verjüngte sich dann zu seiner schmalen Taille hin. Sie sah sich seinen Waffenrock an. Auf den Schultern waren die Rangabzeichen eines Hauptmanns. Quer über seine Brust hatte er mehrere auffallend bunte Bänder gesteckt.
»Macht das genügend Eindruck, Boss?« fragte er.
»Wer hat Ihnen gesagt, dass Sie Hauptmann spielen sollen?«
Er blickte sie ernst an. »Es war meine Idee. Glauben Sie nicht, dass ich einen guten Hauptmann abgeben würde?«
Catherine schüttelte den Kopf. »Nein, glaube ich nicht.«
Er verzog nachdenklich den Mund. »Oberleutnant?«
»Nein.«
»Wie war's mit Leutnant?«
»Ich glaube eigentlich nicht, dass Sie das Zeug zum Offizier haben.«
Seine dunklen Augen betrachteten sie spöttisch. »Ach? Stimmt noch etwas nicht?« fragte er.
»Ja«, sagte sie. »Die Orden. Sie müssen unglaublich tapfer sein.«
Er lachte. »Ich dachte, ich könnte diesem verdammten Film etwas Farbe verleihen.«
»Sie haben nur eins vergessen«, sagte Catherine scharf. »Wir haben noch keinen Krieg. Sie hätten diese Auszeichnungen auf dem Karneval gewonnen haben müssen.«