Larry zuckte die Achseln. »Wer will mich schon haben?«
Du Aas, dachte Catherine. Sie blickte sich im Raum um. Ein halbes Dutzend Frauen starrten Larry an, manche versteckt, manche ganz offen. Er war wie ein sexueller Magnet. »Wie waren die englischen Mädchen?« fragte Catherine beiläufig.
»In Ordnung«, sagte er höflich. »Natürlich hatte ich nicht viel Zeit für diese Dinge. Ich war zu sehr mit dem Fliegen beschäftigt.« So siehst du aus, dachte Catherine. Ich möchte wetten, dass im Umkreis von hundert Meilen von dir nicht eine Jungfrau übrig geblieben ist. Laut sagte sie: »Diese armen Mädchen tun mir leid. Was die alles versäumt haben.« Ihr Ton war schärfer, als sie beabsichtigt hatte.
Fräser blickte sie an, verblüfft über ihre Unhöflichkeit. »Cathy«, sagte er.
»Trinken wir noch etwas«, fiel ihm Larry schnell in die Rede.
»Ich glaube, Catherine hat vielleicht genug getrunken«, antwortete Fräser.
»N-ein«, lallte Catherine und gewahrte mit Schrecken, dass sie ihre Worte undeutlich aussprach. »Ich – ich möchte nach Hause gehen«, sagte sie.
»Gut.« Fräser wandte sich Larry zu: »Catherine trinkt normalerweise nichts«, sagte er entschuldigend.
»Ich nehme an, es ist die Aufregung des Wiedersehens mit dir«, sagte Larry Catherine wollte ein Glas Wasser ergreifen und es ihm ins Gesicht schütten. Sie hatte ihn weniger gehasst, als sie ihn noch für einen Windhund hielt. Jetzt hasste sie ihn viel mehr. Und sie wusste nicht, warum.
Am nächsten Morgen erwachte Catherine mit einem solchen Kater, dass sie überzeugt war, er würde in der Medizin Geschichte machen. Sie hatte mindestens drei Köpfe auf ihren Schultern, von denen jeder in einem anderen Rhythmus hämmerte. Still im Bett zu liegen, war eine Qual, aber der Versuch, sich zu bewegen, war schlimmer. Als sie dalag und gegen die Übelkeit kämpfte, strömte der ganze Abend in ihre Erinnerung zurück, und der Schmerz wurde noch unerträglicher. Unvernünftigerweise gab sie Larry Douglas die Schuld an ihrem Katzenjammer, denn nur seinetwegen hatte sie getrunken. Mühsam drehte Catherine den Kopf und blickte auf die Uhr neben ihrem Bett. Sie hatte verschlafen. Sie kämpfte mit sich, ob sie im Bett bleiben oder die Ambulanz bestellen sollte. Mühsam erhob sie sich von ihrem Totenbett und schleppte sich ins Badezimmer. Sie taumelte unter die Dusche, drehte das kalte Wasser an und ließ den eisigen Strahl auf ihren Körper rauschen. Sie schrie laut auf, als das Wasser auf sie prallte, aber als sie aus der Dusche kam, fühlte sie sich besser. Nicht gut, stellte sie fest, nur besser.
Fünfundvierzig Minuten später saß sie an ihrem Schreibtisch. Ihre Sekretärin Annie kam ganz aufgeregt herein. »Raten Sie mal«, sagte sie.
»Nicht heute morgen«, wimmerte Catherine. »Seien Sie nett und sprechen Sie leise.«
»Schauen Sie sich das an!« Annie schob ihr die Morgenzeitung hin. »Das ist er.«
Auf der Titelseite befand sich eine Fotografie von Larry Douglas in Uniform, der sie frech angrinste. Die Unterschrift lautete:
AMERIKANISCHER RAF-HELD KEHRT NACH WASHINGTON ZURÜCK, UM NEUE KAMPFEINHEIT AUSZUBILDEN.
Dem folgte ein Bericht über zwei Spalten.
»Ist das nicht aufregend?« schrie Annie.
»Schrecklich«, sagte Catherine. Sie knallte die Zeitung in den Papierkorb. »Können wir mit unserer Arbeit weitermachen?«
Annie blickte sie erstaunt an. »Es tut mir leid«, sagte sie. »Ich dachte, da er ein Freund von Ihnen ist, würde es Sie interessieren.«
»Er ist kein Freund von mir«, verbesserte Catherine. »Er ist eher ein Feind.« Sie sah den Ausdruck auf Annies Gesicht. »Könnten wir einfach an was anderes als an Mr. Douglas denken?«
»Gewiss«, sagte Annie bestürzt. »Ich sagte ihm, Sie würden sich sicherlich freuen.«
Catherine starrte sie an. »Wann?«
»Als er heute morgen anrief. Er hat dreimal angerufen.«
Catherine wappnete sich und versuchte, ihrer Stimme einen gleichgültigen Klang zu geben. »Warum haben Sie mir das nicht gesagt?«
»Sie hatten mir die Anweisung gegeben, es Ihnen nicht zu sagen, wenn er anriefe.« Sie beobachtete Catherine verwirrt.
»Hat er eine Nummer hinterlassen?«
»Nein.«
»Gut.« Catherine dachte an sein Gesicht, an diese großen dunklen, spöttischen Augen. »Gut«, sagte sie noch einmal, diesmal mit fester Stimme. Sie diktierte einige Briefe zu Ende, und als Annie das Zimmer verlassen hatte, ging Catherine zum Papierkorb und fischte die Zeitung wieder heraus. Sie las den Artikel über Larry Wort für Wort. Er war ein Flieger-As und hatte acht deutsche Maschinen auf seiner Abschussliste. Er war selbst zweimal über dem Kanal abgeschossen worden. Sie drückte auf den Telefonknopf. »Falls Mr. Douglas noch einmal anruft, will ich ihn .sprechen.«
Es gab nur eine winzige Pause. »Ja, Miss Alexander.«
Schließlich war es unsinnig, unhöflich zu dem Mann zu sein. Catherine würde sich einfach für ihr Benehmen im Studio entschuldigen und ihn bitten, sie nicht mehr anzurufen. Sie würde William Fräser heiraten.
Sie wartete den ganzen Nachmittag auf einen weiteren Anruf von ihm. Um sechs Uhr hatte er noch nicht angerufen. Warum sollte er auch? fragte sich Catherine. Er ist aus und legt sechs andere Mädchen aufs Kreuz. Du hast noch Glück. Sich mit ihm einzulassen wäre, als ginge man in einen Fleischerladen. Da bekommt man eine Nummer und wartet, bis man dran ist.
Beim Hinausgehen sagte sie zu Annie: »Wenn Mr. Douglas morgen anruft, sagen Sie ihm, ich bin nicht da.«
Annie zuckte nicht mit der Wimper. »Ja, Miss Alexander. Guten Abend.«
»Guten Abend.«
Catherine fuhr in Gedanken verloren mit dem Lift hinunter. Sie war sicher, dass Bill Fräser sie heiraten wollte. Am besten wäre es, wenn sie ihm sagte, dass sie sofort heiraten wollte. Sie würde es ihm heute Abend sagen. Sie würden ihre Hochzeitsreise machen, und bei ihrer Rückkehr wäre Larry Douglas nicht mehr da.
Die Aufzugstür öffnete sich zur Eingangshalle, und da stand Larry Douglas an die Wand gelehnt. Er hatte seine Orden und Schulterstücke abgenommen und trug die Streifen eines Leutnants. Er ging lächelnd auf sie zu.
»Besser so?« fragte er strahlend.
Catherine starrte ihn mit klopfendem Herzen an. »Ist es nicht – ist es nicht gegen die Vorschriften, falsche Rangabzeichen zu tragen?«
»Das weiß ich nicht«, sagte er ernsthaft. »Ich dachte, Sie hätten das zu bestimmen.«
Er stand da und blickte auf sie nieder, und sie sagte mit schwacher Stimme: »Tun Sie mir das nicht an. Ich will, dass Sie mich in Ruhe lassen. Ich gehöre Bill.«
»Wo ist Ihr Ehering?«
Catherine eilte an ihm vorbei auf den Ausgang zu. Als sie ihn erreichte, war er schon da und hielt ihr die Tür auf.
Draußen nahm er ihren Arm. Es zuckte wie ein Schlag durch ihren ganzen Körper. Es ging von ihm eine Elektrizität aus, die sie versengte. »Cathy«, begann er.
»Um Gottes willen«, sagte sie verzweifelt. »Was wollen Sie von mir?«
»Alles«, sagte er ruhig. »Ich will Sie.«
»Nun, Sie können mich nicht haben«, rief sie klagend. »Quälen Sie eine andere.« Sie wollte gehen, aber er zog sie zurück.
»Was soll das heißen?«
»Ich weiß es nicht«, sagte Catherine, während sich ihre Augen mit Tränen füllten. »Ich weiß nicht, was ich sage. Ich – ich habe einen Katzenjammer. Ich will sterben.«
Er lächelte sie teilnehmend an. »Ich habe eine wunderbare Kur für Katzenjammer.« Er steuerte sie auf die Garage des Gebäudes zu.
»Wo gehen wir hin?« fragte sie in panischer Angst.
»Wir holen meinen Wagen.«
Catherine blickte zu ihm auf und suchte in seinen Zügen nach einem Zeichen von Triumph, aber alles, was sie sah, war sein kraftvolles, unglaublich schönes Gesicht, das von Wärme und Mitgefühl erfüllt war.