Nachher zogen sie sich an, stiegen in sein Auto und fuhren nach Maryland, wo sie ein kleines Restaurant fanden, das noch offen war, und sie aßen Hummer und tranken Champagner.
Um fünf Uhr morgens wählte Catherine William Fräsers Privatnummer, stand da und horchte auf das aus achtzig Meilen Entfernung kommende Klingelzeichen, bis endlich Fräsers schläfrige Stimme am Telefon zu vernehmen war: »Hallo ...«
»Hallo, Bill. Hier ist Catherine.«
»Catherine! Ich habe den ganzen Abend versucht, dich zu erreichen. Wo steckst du? Ist alles in Ordnung?«
»Mir geht es gut. Ich bin in Maryland mit Larry Douglas. Wir haben gerade geheiratet.«
Noelle
Paris 1941
Christian Barbet war ein unglücklicher Mann. Der kahlköpfige kleine Detektiv saß an seinem Schreibtisch, eine Zigarette zwischen seinen fleckigen, schadhaften Zähnen, und betrachtete trübselig die vor ihm liegende Mappe. Die Information, die sie enthielt, würde ihn eine Klientin kosten. Er hatte Noelle Page unverschämte Honorare für seine Dienste berechnet, aber es war nicht nur der Verlust dieser Einkünfte, was ihn traurig machte: Er würde die Klientin selbst vermissen. Er hasste Noelle Page, und trotzdem war sie die faszinierendste Frau, die ihm je vorgekommen war. Barbet dachte sich aufregende Geschichten mit Noelle Page aus, die immer damit endeten, dass sie in seiner Macht war. Jetzt würde der Auftrag enden, nie würde er sie wieder sehen. Er hatte sie im Empfangsraum warten lassen und währenddessen versucht sich auszudenken, wie er wohl den Fall hinausziehen könnte, um zusätzliches Geld aus ihr herauszupressen. Aber er kam widerwillig zu der Erkenntnis, dass es keinen Weg gab. Barbet seufzte, drückte seine Zigarette aus, ging auf die Tür zu und öffnete sie. Noelle saß auf dem schwarzen Sofa aus Kunstleder, und als er sie prüfend ansah, stockte sein Herz einen Augenblick. Es war unfair von einer Frau, so schön zu sein. »Guten Tag, Mademoiselle«, sagte er. »Kommen Sie herein.«
Sie betrat sein Büro mit der Grazie eines Mannequins. Es war gut für Barbet, eine so berühmte Klientin wie Noelle Page zu haben, und er ließ es sich nicht entgehen, ihren Namen häufig zu erwähnen. Das zog andere Klienten an, und Christian Barbet war nicht der Mann, der moralischer Grundsätze wegen schlaflose Nächte verbrachte. »Bitte, nehmen Sie Platz«, sagte er und wies auf einen Stuhl. »Wollen Sie einen Brandy, einen
Aperitif?«
Eine seiner phantastischen Vorstellungen war, Noelle so betrunken zu machen, dass sie ihn anflehte, sie zu verführen.
»Nein«, erwiderte sie. »Ich kam wegen des Berichtes.«
Das Luder hätte wenigstens einen letzten Drink mit ihm nehmen können! »Ja«, sagte Barbet. »Ich habe tatsächlich einige Neuigkeiten.« Er griff zum Schreibtisch hinüber und tat, als ob er die Akte studierte, obwohl er sie bereits auswendig kannte.
»Erstens«, informierte er sie, »wurde Ihr Freund zum Hauptmann befördert und in die Staffel 133 versetzt, deren Kommando ihm übertragen wurde. Das Flugfeld befindet sich in Coltisall, Duxtford, in Cambridgeshire. Sie flogen« – er sprach absichtlich langsam, da er wusste, dass sie an den technischen Details nicht interessiert war -»Hurricanes und Spitfires II und wechselten dann zu Marks V über. Dann flogen sie«
»Schon gut«, unterbrach ihn Noelle ungeduldig. »Wo ist er jetzt?«
Barbet hatte auf diese Frage gewartet. »In den Vereinigten Staaten.« Er sah ihre Reaktion, bevor sie sich wieder in der Gewalt hatte, und verspürte eine wilde Genugtuung darüber. »In Washington, D. C«, fuhr er fort.
»Auf Urlaub?«
Barbet schüttelte den Kopf. »Nein. Er ist nicht mehr in der RAF. Er ist jetzt Hauptmann in der Luftwaffe der Vereinigten Staaten.«
Er beobachtete, wie Noelle die Information aufnahm, wobei ihrem Ausdruck nicht zu entnehmen war, was sie dachte. Aber Barbet war noch nicht fertig. Er nahm einen Zeitungsausschnitt zwischen seine fleckigen Wurstfinger und überreichte ihn ihr.
»Ich glaube, das wird Sie interessieren«, sagte er.
Er sah Noelle erstarren, es war fast, als wüsste sie, was sie zu lesen bekommen würde. Der Zeitungsausschnitt stammte aus der New York Daily News. Die Schlagzeile lautete: »Flieger-As heiratet«, und darüber war eine Fotografie von Larry Douglas und seiner Frau. Noelle blickte sie lange an, dann streckte sie die Hand nach der Mappe aus. Christian Barbet zuckte die Schultern, schob alle Papiere in einen Geschäftsumschlag und übergab ihn ihr. Als er den Mund öffnete, um seine Abschiedsrede zu halten, sagte Noelle Page: »Falls Sie keinen Korrespondenten in Washington haben, besorgen Sie sich einen. Ich erwarte von Ihnen wöchentliche Berichte.« Und weg war sie, während ihr Christian Barbet in einem Zustand totaler Verwirrung nachstarrte.
Als sie in ihrer Wohnung angekommen war, ging Noelle ins Schlafzimmer, verschloss die Tür und nahm die Zeitungsausschnitte aus dem Umschlag. Sie breitete sie auf dem Bett vor sich aus und studierte sie. Die Fotografie von Larry war genauso, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Womöglich war das Bild in ihrem Gedächtnis noch klarer als die Abbildung in der Zeitung, denn Larry war lebendiger in ihrer Erinnerung als in der Wirklichkeit.
Es gab keinen Tag, an dem Noelle nicht die Vergangenheit mit ihm wieder durchlebte. Es war, als ob sie vor langer Zeit zusammen in dem gleichen Stück aufgetreten wären, und sie konnte sich nach Belieben bestimmte Szenen ins Gedächtnis rufen, die sie an dem und dem Tag spielte, und andere Szenen für andere Tage aufsparen, so dass jede Erinnerung immer lebendig und frisch war.
Noelle wandte ihre Aufmerksamkeit Larrys Frau zu. Was sie sah, war ein hübsches junges, intelligentes Gesicht mit einem Lächeln auf den Lippen.
Das Gesicht des Feindes. Ein Gesicht, das zu vernichten war, genauso wie Larry vernichtet werden müsste.
Noelle sperrte sich den ganzen Nachmittag mit der Fotografie ein.
Stunden später, als Armand Gautier an ihre Schlafzimmertür trommelte, sagte sie ihm, er solle verschwinden. Er wartete draußen im Salon, besorgt über ihre Stimmung, aber als Noelle endlich auftauchte, schien sie ungewöhnlich strahlend und heiter, als ob sie eine gute Nachricht erhalten hätte. Sie gab Gautier keine Erklärung, und er kannte sie gut genug, um keine von ihr zu erbitten.
Am selben Abend nach dem Theater liebte sie ihn mit einer Leidenschaft, die ihn an die ersten Tage ihrer Beziehungen erinnerte. Später lag Gautier im Bett und versuchte, das schöne Mädchen zu begreifen, das neben ihm lag, aber ihm fehlte der Schlüssel.
In der Nacht träumte Noelle Page von Oberst Müller. Der haarlose Gestapo-Offizier folterte sie mit einem Brandeisen, mit dem er Hakenkreuze in ihr Fleisch brannte. Er stellte ihr dabei unaufhörlich Fragen, aber seine Stimme war so leise, dass Noelle ihn nicht hören konnte; er drückte ihr immerfort das heiße Metall auf, und plötzlich war es Larry, der da auf dem Tisch lag und vor Schmerz schrie. Noelle erwachte schweißgebadet mit Herzklopfen und knipste die Nachttischlampe an. Sie zündete mit zitternden Fingern eine Zigarette an und versuchte, ihre Nerven zu beruhigen. Sie dachte über Israel Katz nach. Sein Bein war mit einer Axt amputiert worden, und obwohl sie ihn seit jenem Nachmittag in der Bäckerei nicht mehr gesehen hatte, wusste sie durch den Concierge, dass er am Leben, aber in sehr schwachem Zustand sei. Es wurde immer schwieriger, ihn zu verstecken, und sich selbst überlassen, war er völlig hilflos. Die Suche nach ihm war noch intensiver geworden. Wenn man ihn aus Paris hinaustransportieren wollte, musste das schnell geschehen. Noelle hatte wirklich nichts getan, wofür die Gestapo sie verhaften könnte – noch nicht. War der Traum eine Vorahnung, eine Warnung, Israel Katz nicht zu helfen? Sie lag im Bett und erinnerte sich, wie er ihr bei ihrer Abtreibung beigestanden hatte. Er hatte ihr geholfen, Larrys Baby umzubringen. Er hatte ihr Geld gegeben und ihr eine Stellung verschafft. Dutzende von Männern hatten viel wichtigere Dinge für sie getan als er, und doch fühlte sie sich ihnen gegenüber nicht verpflichtet. Jeder von ihnen, auch Noelles Vater, hatte etwas von ihr gewollt, und sie hatte für alles bezahlt, was sie je erhalten hatte. Israel Katz hatte nie etwas von ihr gewollt. Sie musste ihm helfen.