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Noelle unterschätzte das Problem nicht. Oberst Müller verdächtigte sie bereits. Sie dachte an ihren Traum und schauderte. Sie musste dafür sorgen, dass Müller niemals einen Beweis gegen sie erbringen könnte. Israel Katz musste aus Paris hinausgeschmuggelt werden, aber wie? Noelle wusste mit Bestimmtheit, dass alle Ausfahrten scharf bewacht waren. Sie würden die Straßen und den Fluss überwachen. Die Nazis mochten cochons sein, aber sie waren tüchtige cochons. Es war ein Risiko, und es konnte ein tödliches sein, aber sie war entschlossen, es zu versuchen. Das Problem war, dass sie sich an niemanden um Hilfe wenden konnte. Die Nazis hatten Armand Gautier zu einem Wackelpudding gemacht. Nein, sie musste es allein tun. Sie dachte an Oberst Müller und General Scheider: Wer von den beiden würde den Sieg davontragen, wenn es je zu einem Zusammenstoß zwischen ihnen käme?

Am Abend nach Noelles Traum war sie mit Armand Gautier zu einer Dinnerparty eingeladen. Der Gastgeber war Leslie Rocas, ein reicher Mäzen der Kunstwelt. Es war eine bunt gemischte Gesellschaft – Bankiers, Künstler, führende Politiker und eine Menge schöner Frauen, die Noelles Meinung nach vorwiegend wegen der anwesenden Deutschen eingeladen waren. Gautier hatte Noelles Unruhe bemerkt, aber als er sie fragte, ob etwas nicht stimme, sagte sie, es sei alles in Ordnung.

Fünfzehn Minuten bevor das Abendessen serviert wurde, polterte ein verspäteter Gast durch die Tür. Als Noelle ihn sah, wusste sie sogleich, dass ihr Problem der Lösung nahe war. Sie ging auf die Dame des Hauses zu und sagte: »Meine Liebe, seien Sie ein Engel und setzen Sie mich neben Albert Heller.«

Albert Heller war Frankreichs führender Bühnenautor. Er war ein riesiger watschelnder Bär von einem Mann, um die Sechzig, mit einem weißen Haarschopf und breiten, abfallenden Schultern. Für einen Franzosen war er ungewöhnlich groß, aber auf jeden Fall wäre er in der Menge aufgefallen, denn er hatte ein bemerkenswert hässliches Gesicht und durchdringende grüne Augen, denen nichts entging. Heller besaß eine lebhafte Erfindungsgabe und hatte über zwanzig Erfolgsstücke und Drehbücher geschrieben. Er hatte Noelle dazu bewegen wollen, die Hauptrolle in einem seiner neuen Stücke zu übernehmen, und hatte ihr eine Abschrift des Manuskripts gesandt. Als sie jetzt beim Essen neben ihm saß, sagte Noelle: »Ich habe gerade Ihr neues Stück zu Ende gelesen, Albert. Ich finde es wunderbar.«

Sein Gesicht strahlte auf. »Werden Sie die Rolle spielen?«

Noelle legte ihre Hand auf die seine. »Wenn ich nur könnte, mein Lieber. Armand hat mich für ein anderes Stück verpflichtet.«

Er runzelte die Stirn und seufzte dann resigniert. »Merde! Gut, eines Tages werden wir doch zusammen arbeiten.«

»Das würde mich sehr freuen«, sagte Noelle. »Ich liebe Ihre Art zu schreiben. Es fasziniert mich, wie die Schriftsteller Handlungen erfinden. Ich weiß nicht, wie Sie das anstellen.«

Er zuckte die Schultern. »Auf dieselbe Weise, wie Sie spielen. Es ist unser Handwerk, mit dem wir unser Brot verdienen.«

»Nein«, erwiderte sie. »Die Fähigkeit, Ihre Phantasie auf diese Weise anzuwenden, erscheint mir wie ein Wunder.« Sie lachte verlegen. »Ich weiß es. Ich habe zu schreiben versucht.«

»Oh?« sagte er höflich.

»Ja, aber ich bin festgefahren.« Noelle holte tief Atem und blickte dann um sich. Die anderen Gäste waren ganz in ihre Unterhaltung vertieft. Sie neigte sich zu Albert Heller und senkte die Stimme. »Ich habe da eine Situation, in der meine

Heldin versucht, ihren Liebhaber aus Paris hinauszu-schmuggeln. Die Nazis sind hinter ihm her.«

»Ah.« Der schwerfällige Mann saß da, spielte mit seiner Salatgabel und trommelte mit ihr auf den Teller. Dann sagte er: »Ich hab's. Lassen Sie ihn eine deutsche Uniform anziehen und einfach an ihnen vorbeimarschieren.«

Noelle seufzte und sagte: »Es gibt da eine Komplikation. Er ist verwundet und kann nicht gehen. Er hat ein Bein verloren.«

Das Trommeln hörte plötzlich auf. Es kam eine lange Pause, dann sagte Heller: »Ein Boot auf der Seine?«

»Überwacht.«

»Und wird jedes Transportmittel, das Paris verlässt, durchsucht?«

»Ja.«

»Dann müssen Sie schon die Nazis diese Arbeit für Sie tun lassen.«

»Wie?«

»Ist Ihre Heldin«, fragte er, ohne Noelle anzublicken, »attraktiv?«

»Ja.«

»Nehmen wir an«, sagte er, »Ihre Heldin steht mit einem deutschen Offizier auf freundschaftlichem Fuß. Jemand von hohem Rang. Ist das möglich?« Noelle wandte sich um und sah ihn an, aber er wich ihrem Blick aus.

»Ja.«

»Gut. Dann soll sie sich mit dem deutschen Offizier verabreden. Sie fahren weg, um ein Wochenende irgendwo außerhalb von Paris zu verbringen. Freunde könnten es einrichten, dass Ihr Held im Kofferraum des Autos versteckt wird. Der Offizier muss von so hohem Rang sein, dass sein Auto nicht durchsucht würde.«

»Wenn der Kofferraum abgeschlossen ist«, fragte Noelle, »wird er nicht ersticken?«

Albert Heller trank einen Schluck Wein, still und in Gedanken versunken. Endlich sagte er: »Nicht unbedingt.« Er sprach fünf Minuten mit gesenkter Stimme auf Noelle ein, und als er fertig war, sagte er: »Viel Glück!« Und blickte sie immer noch nicht an.

Früh am nächsten Morgen rief Noelle General Scheider an. Eine Telefonistin bediente die Zentrale, und ein paar Minuten später war Noelle mit einem Adjutanten und schließlich mit dem Sekretär des Generals verbunden.

»Bitte, wer wünscht General Scheider zu sprechen?«

»Noelle Page«, sagte sie zum dritten Mal.

»Ich bedauere, aber der General ist in einer Besprechung. Er darf nicht gestört werden.«

Sie zögerte. »Kann ich ihn später noch einmal anrufen?«

»Er wird den ganzen Tag Sitzungen haben. Ich rate Ihnen, dem General einen Brief zu schreiben, in dem Sie ihm Ihre Angelegenheit darlegen.«

Noelle saß einen Moment da und überlegte, und ein ironisches Lächeln spielte um ihre Lippen.

»Schon gut«, sagte sie. »Richten Sie ihm nur aus, dass ich angerufen habe.«

Eine Stunde später klingelte ihr Telefon, es war General Hans Scheider. »Verzeihen Sie«, entschuldigte er sich. »Der Idiot hat mir erst jetzt Ihren Anruf ausgerichtet. Ich hätte Anweisung gegeben, Sie sofort mit mir zu verbinden, aber es kam mir nicht in den Sinn, dass Sie anrufen würden.«

»Ich muss mich entschuldigen«, sagte Noelle. »Ich weiß doch, wie beschäftigt Sie sind.«

»Bitte. Was kann ich für Sie tun?«

Noelle zögerte und wählte sorgfältig ihre Worte. »Erinnern Sie sich, was Sie über uns beide beim Abendessen sagten?«

Es folgte eine kurze Pause, dann: »Ja.«

»Ich habe sehr viel über Sie nachgedacht, Hans. Ich würde Sie sehr gerne wieder sehen.«

»Wollen Sie heute mit mir soupieren?« Seine Stimme war plötzlich voll Ungeduld.

»Nicht in Paris«, antwortete Noelle. »Wenn wir zusammen sein wollen, dann lieber außerhalb von Paris.«

»Wo?« fragte General Scheider.

»Ich denke da an einen ganz besonderen Ort. Kennen Sie Etretat?«

»Nein.«

»Es ist ein wunderhübsches kleines Dorf, ungefähr hundert-fünfundachtzig Kilometer von Paris entfernt, in der Nähe von Le Havre. Es gibt einen ruhigen alten Gasthof da.«