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»Es klingt wundervoll, Noelle. Es ist nicht leicht für mich, gerade jetzt die Stadt zu verlassen«, fügte er bedauernd hinzu. »Ich bin mitten in«

»Ich verstehe«, unterbrach ihn Noelle eisig, »vielleicht ein andermal.«

»Warten Sie!« Es folgte eine lange Pause. »Wann könnten Sie sich freimachen?«

»Samstag Abend nach der Vorstellung.«

»Ich werde es arrangieren«, sagte er. »Wir können hinfliegen«

»Warum fahren wir nicht mit dem Auto?« fragte Noelle. »Es ist so viel hübsche r.«

»Wie Sie wollen. Ich werde Sie vom Theater abholen.«

Noelle dachte schnell nach. »Ich muss zuerst nach Hause und mich umziehen. Könnten Sie mich in meinem Appartement abholen?«

»Wie Sie wünschen, mein Liebchen. Bis Samstag Abend.«

Fünfzehn Minuten später sprach Noelle mit ihrem Concierge. Er hörte ihr zu, schüttelte jedoch heftig protestierend den Kopf.

»Nein, nein, nein! Ich werde es unserem Freund sagen, Mademoiselle, aber er wird es nicht tun. Er müsste ein Narr sein! Sie könnten ihn ebenso gut bitten, sich im Gestapohauptquartier um eine Stelle zu bewerben.«

»Es kann nicht misslingen«, versicherte Noelle. »Das beste

Gehirn in Frankreich hat es sich ausgedacht.«

Am gleichen Nachmittag sah sie beim Verlassen ihres Hauses einen Mann, der, an die Wand gelehnt, sich den Anschein gab, als wäre er in eine Zeitung vertieft. Als Noelle in die klare Winterluft hinaustrat, richtete sich der Mann auf und folgte ihr in diskretem Abstand. Noelle schlenderte langsam und gemächlich die Straße entlang und blieb vor allen Schaufenstern stehen.

Fünf Minuten nachdem Noelle das Haus verlassen hatte, kam der Concierge heraus, schaute nach allen Seiten, um sicher zu sein, dass er nicht beobachtet wurde, rief ein Taxi und gab dem Fahrer die Adresse eines Sportgeschäfts in Montmartre.

Zwei Stunden später berichtete der Concierge Noelle: »Er wird Samstag Abend zu Ihnen gebracht.«

Samstag Abend, als Noelle ihre Vorstellung beendet hatte, erwartete sie hinter der Bühne Oberst Müller von der Gestapo. Ein Schauer der Angst lief Noelle über den Rücken. Der Fluchtplan war bis auf den Bruchteil einer Sekunde ausgetüftelt, und Verzögerungen hatten darin keinen Platz.

»Ich habe Ihre Vorstellung gesehen, Mademoiselle Page«, sagte Oberst Müller. »Sie werden jedes Mal besser.«

Der Klang seiner leisen, hohen Stimme rief Noelle ihren Traum ins Gedächtnis zurück.

»Ich danke Ihnen, Herr Oberst. Wenn Sie mich entschuldigen wollen, ich muss mich jetzt umziehen.«

Noelle ging auf ihre Garderobe zu, er ging neben ihr her.

»Ich komme mit«, sagte Oberst Müller.

Sie betrat ihre Garderobe, den haarlosen Albino dicht auf den Fersen. Er machte es sich in einem Lehnstuhl bequem. Noelle zögerte einen Augenblick und begann sich dann auszuziehen, während er ihr gleichgültig zusah. Sie wusste, dass er homosexuell war, und das beraubte sie einer wertvollen Waffe – ihrer sexuellen Anziehungskraft.

»Ein kleiner Spatz flüsterte mir etwas ins Ohr«, sagte Oberst

Müller. »Er wird heute Abend einen Fluchtversuch machen.«

Noelles Herz setzte einen Augenblick aus, aber ihr Gesicht verriet nichts. Sie begann sich abzuschminken und versuchte Zeit zu gewinnen, indem sie fragte: »Wer wird heute Abend einen Fluchtversuch machen?«

»Ihr Freund Israel Katz.«

Noelle drehte sich jäh um, und diese Bewegung brachte ihr plötzlich zum Bewusstsein, dass sie ohne Büstenhalter war. »Ich kenne keinen —« Sie sah das schnelle, triumphierende Aufleuchten in seinen rosa Augen und bemerkte die Falle gerade noch rechtzeitig. »Warten Sie«, sagte sie, »sprechen Sie von einem jungen Assistenzarzt?«

»Ah, Sie erinnern sich also an ihn!«

»Kaum. Er behandelte mich vor einiger Zeit wegen einer Lungenentzündung.«

»Und wegen einer selbst herbeigeführten Abtreibung«, sagte Oberst Müller mit seiner leisen, hohen Stimme. Furcht erfüllte sie wieder. Die Gestapo hätte sich nicht solche Mühe gegeben, wenn sie nicht mit Sicherheit wüsste, dass sie in die Sache verwickelt war. Sie war eine Närrin, sich in so etwas eingelassen zu haben; aber bei diesem Gedanken war ihr klar, dass es zu spät zum Rückzug war. Die Räder hatten sich bereits in Bewegung gesetzt, und in ein paar Stunden würde Israel Katz entweder frei... oder tot sein. Und sie ?

Oberst Müller sagte gerade: »Sie behaupteten, Sie hätten Katz zum letzten Mal vor ein paar Wochen in dem Cafe gesehen.«

Noelle schüttelte den Kopf. »Ich habe nie so etwas gesagt, Oberst.«

Oberst Müller blickte ihr fest in die Augen und ließ den Blick dann unverschämt über ihre nackten Brüste und an ihrem Körper hinunter bis zu ihrem durchsichtigen Höschen gleiten. »Ich liebe schöne Dinge«, sagte er sanft. »Es wäre eine Schande, eine Schönheit wie die Ihre zerstört zu sehen. Und all das für einen Mann, der Ihnen nichts bedeutet. Auf welche Weise beabsichtigt Ihr Freund zu entkommen, Mademoiselle?«

Seine Stimme war von einer Ruhe, die ihr das Blut in den Adern erstarren ließ. Sie wurde zu Annette, der unschuldigen, hilflosen Person in ihrem Stück.

»Ich weiß wirklich nicht, wovon Sie sprechen, Oberst. Ich würde Ihnen gerne helfen, aber ich weiß nicht, wie.«

Oberst Müller blickte Noelle lange an, dann erhob er sich förmlich. »Ich werde es Ihnen beibringen, Mademoiselle«, versprach er ihr sanft, »und es wird mir Spaß machen.«

An der Tür drehte er sich um und spielte seinen letzten Trumpf aus. »A propos, ich habe General Scheider geraten, nicht mit Ihnen übers Wochenende wegzufahren.«

Noelle fühlte, wie ihr Herz bleischwer wurde. Es war zu spät, Israel Katz zu erreichen. »Stecken Obersten immer ihre Nase in das Privatleben von Generalen?«

»In diesem Falle nicht«, sagte Oberst Müller bedauernd. »General Scheider beabsichtigt, sein Rendezvous einzuhalten.« Er drehte sich um und ging hinaus.

Noelle starrte ihm nach, ihr Herz klopfte wie wild. Sie blickte auf die goldene Uhr auf ihrem Frisiertisch und begann, sich schnell anzukleiden.

Um elf Uhr fünfundvierzig rief der Concierge an und sagte Noelle, General Scheider sei gerade im Aufzug auf dem Weg zu ihrem Appartement. Seine Stimme zitterte.

»Ist sein Chauffeur im Wagen geblieben?« fragte Noelle.

»Nein, Mademoiselle«, erwiderte der Concierge mit Nachdruck. »Er fährt zusammen mit dem General hinauf.«

»Danke.«

Noelle legte den Hörer des Haustelefons auf und eilte ins Schlafzimmer, um ihr Gepäck noch einmal zu überprüfen. Sie durfte keinen Fehler machen. Die Türglocke läutete, Noelle ging ins Wohnzimmer und öffnete die Tür.

General Scheider stand im Flur, sein Chauffeur, ein junger

Hauptmann, hinter ihm. General Scheider war in Zivil und wirkte sehr distinguiert in seinem tadellos geschnittenen dunkelgrauen Anzug, einem weichen blauen Hemd und einer schwarzen Krawatte. »Guten Abend«, sagte er förmlich. Er trat ein und gab seinem Chauffeur einen Wink.

»Mein Gepäck ist im Schlafzimmer«, sagte Noelle. Sie zeigte auf die Tür.

»Danke, Mademoiselle.« Der Hauptmann ging ins Schlafzimmer. General Scheider ging auf Noelle zu und nahm ihre Hände. »Wissen Sie, dass ich den ganzen Tag an Sie gedacht habe?« fragte er. »Ich dachte, Sie würden vielleicht nicht da sein, hätten es sich anders überlegt. Jedes Mal, wenn das Telefon klingelte, bekam ich Angst.«

»Ich pflege meine Versprechen zu halten«, sagte Noelle. Sie sah zu, wie der Hauptmann aus dem Schlafzimmer kam, ihr Schminkköfferchen und ihren Stadtkoffer trug. »Ist das alles?« fragte er.

»Ja«, sagte Noelle. »Das ist alles.«

Der Hauptmann trug die Koffer hinaus.

»Fertig?« fragte General Scheider.

»Wollen wir noch etwas trinken, bevor wir gehen«, erwiderte Noelle schnell. Sie ging auf die Bar zu, auf der eine Flasche Champagner in einem Eiskübel stand.