Tür öffnete sich, und der Concierge stand mit erschrockenem Gesicht auf der Schwelle. »Was -?« Oberst Müller schob ihn in seine kleine Wohnung zurück.
»Mademoiselle Page!« fuhr er ihn an. »Wo ist sie?«
Der Concierge starrte ihn an, von panischer Angst erfüllt.
»Sie – sie ist verreist«, sagte er.
»Das weiß ich, Sie Idiot! Ich habe Sie gefragt, wohin sie gefahren ist!«
Der Concierge schüttelte hilflos den Kopf. »Ich habe keine Ahnung, Monsieur. Ich weiß nur, dass sie mit einem Offizier weggefahren ist.«
»Hat sie Ihnen nicht gesagt, wo man sie erreichen kann?«
»N-nein, Monsieur. Mademoiselle Page zieht mich nicht ins Vertrauen.«
Oberst Müller blickte den alten Mann einen Augenblick lang wütend an, dann drehte er sich auf dem Absatz um.
»Sie können noch nicht weit gekommen sein«, sagte er zu seinen Leuten. »Nehmen Sie so schnell wie möglich mit allen Straßensperren Verbindung auf. Sagen Sie ihnen, wenn General Scheiders Wagen bei ihnen vorbeikommt, haben sie ihn anzuhalten und mich sofort zu verständigen.«
Der späten Stunde wegen war der militärische Verkehr gering, was bedeutete, dass es praktisch gar keinen Verkehr gab. General Scheiders Wagen bog in die Westroute ein, die aus Paris über Versailles hinausführte. Sie fuhren durch Mantes, Vernon und Gaillon, und in fünfundzwanzig Minuten näherten sie sich bereits der großen Kreuzung, von der aus man nach Vichy, Le Havre und der Cóte d'Azur abzweigte.
Es kam Noelle wie ein Wunder vor. Sie würden aus Paris herauskommen, ohne angehalten zu werden. Sie hätte wissen müssen, dass die Deutschen trotz ihrer Tüchtigkeit nicht jede einzelne aus der Stadt führende Straße überwachen konnten. Und kaum hatte sie das gedacht, da ragte vor ihnen eine Straßensperre aus der Dunkelheit. Rote Lichter blinkten von der Straßenmitte, und hinter den Lichtern versperrte ein deutscher Militärlastwagen die Landstraße. Am Straßenrand befanden sich ein halbes Dutzend deutsche Soldaten und zwei französische Polizeiwagen. Ein deutscher Leutnant brachte die Limousine durch Winken zum Halten, und als der Wagen stand, trat er an den Fahrer heran.
»Steigen Sie aus und zeigen Sie Ihre Papiere!«
General Scheider öffnete das rückwärtige Fenster, streckte den Kopf hinaus und sagte gereizt: »General Scheider. Was zum Teufel geht hier vor?«
Der Leutnant nahm Haltung an.
»Entschuldigen Sie, Herr General. Ich wusste nicht, dass es Ihr Wagen war.«
Die Augen des Generals streiften die Straßensperre. »Wozu das alles?«
»Wir haben Befehl, jedes Paris verlassende Fahrzeug zu inspizieren, Herr General. Alle Ausgänge aus der Stadt sind gesperrt.«
Der General wandte sich Noelle zu. »Die verdammte Gestapo. Es tut mir leid, Liebchen.«
Noelle spürte, wie das Blut aus ihrem Gesicht wich, und sie war froh, dass es im Wageninnern dunkel war. Als sie sprach, klang ihre Stimme beherrscht.
»Es macht nichts«, sagte sie.
Sie dachte an die Fracht im Kofferraum. Wenn ihr Plan geklappt hatte, lag Israel Katz darin, und gleich würde man ihn und auch sie fassen.
Der deutsche Leutnant wandte sich an den Chauffeur.
»Öffnen Sie bitte den Kofferraum.«
»Er enthält nur Gepäck«, wandte der Hauptmann ein. »Ich habe es selbst hineingetan.«
»Ich bedauere, Herr Hauptmann. Ich habe klaren Befehl. Jedes Fahrzeug, das Paris verlässt muss untersucht werden. Öffnen Sie.«
Etwas in sich hineinmurmelnd, öffnete der Chauffeur die Tür und schickte sich an auszusteigen. Noelles Gehirn raste fieberhaft. Sie musste etwas erfinden, um das zu verhindern, ohne Verdacht zu erwecken. Der Chauffeur hatte den Wagen verlassen. Die Zeit war um. Noelle blickte verstohlen auf General Scheiders Gesicht. Seine Augen hatten sich verengt, und seine Lippen waren vor Zorn zusammengepresst. Sie drehte sich zu ihm und sagte arglos: »Sollen wir aussteigen, Hans? Werden sie uns durchsuchen?« Sie konnte spüren, wie sich sein Körper vor Wut straffte.
»Warten Sie!« Die Stimme des Generals war wie ein Peitschenhieb. »Steigen Sie wieder ein«, befahl er seinem Chauffeur. Er wandte sich an den Leutnant, und seine Stimme bebte vor Zorn. »Sagen Sie Ihrem Vorgesetzten, dass Ihre Befehle nicht für Generale des Deutschen Heeres gelten. Ich nehme keine Befehle von Leutnanten entgegen. Räumen Sie die Straßensperre aus dem Weg.« Der unglückselige Leutnant starrte in das wütende Gesicht des Generals, schlug die Hacken zusammen und sagte: »Jawohl, Herr General.« Er gab dem Fahrer des Lastwagens, der die Straße versperrte, ein Zeichen, und der Wagen rumpelte zur Seite.
»Weiterfahren«, befahl General Scheider.
Langsam sank Noelle in ihren Sitz zurück. Die Spannung ließ nach, die Krise war überstanden. Wenn sie nur wüsste, ob Israel Katz im Kofferraum des Wagens war. Und ob er am Leben war.
General Scheider drehte sich zu Noelle um; sie spürte, dass er vor Zorn noch ganz außer sich war.
»Ich bitte um Entschuldigung«, sagte er müde. »Das ist ein seltsamer Krieg. Manchmal ist es nötig, die Gestapo daran zu erinnern, dass Kriege von Armeen geführt werden.«
Noelle lächelte ihn an und hakte sich bei ihm ein. »Und Armeen werden von Generalen angeführt.«
»So ist es«, stimmte er zu. »Armeen werden von Generalen
angeführt. Ich werde Oberst Müller eine Lektion erteilen müssen.«
Zehn Minuten nachdem General Scheiders Wagen die Straßensperre passiert hatte, kam ein Anruf vom GestapoHauptquartier mit dem Befehl, nach dem Wagen Ausschau zu halten.
»Er ist bereits hier durchgekommen«, berichtete der Leutnant, und eine böse Ahnung stieg in ihm auf. Einen Augenblick später war Oberst Müller am Apparat.
»Wie lange ist das her?« fragte der Gestapo-Offizier sanft.
»Zehn Minuten.«
»Haben Sie den Wagen durchsucht?«
Der Leutnant fühlte, wie ihm das Herz in die Hosen fiel. »Nein, Herr Oberst. Der General wollte es nicht zulassen«
»Scheiße! Welche Richtung hat er eingeschlagen?« Der Leutnant schluckte. Als er wieder sprach, war es mit der hoffnungslosen Stimme eines Mannes, der weiß, dass seine Karriere beendet ist.
»Ich bin nicht sicher«, antwortete er. »Hier ist eine große Kreuzung. Er könnte entweder landeinwärts nach Rouen oder zum Meer, nach Le Havre, gefahren sein.«
»Sie melden sich morgen Vormittag um 9 Uhr im GestapoHauptquartier bei mir.«
»Jawohl, Herr Oberst«, antwortete der Leutnant.
Wütend legte Oberst Müller den Hörer auf. Er wandte sich an die beiden Männer an seiner Seite und sagte: »Le Havre. Lassen Sie vorfahren. Wir gehen auf die Schabenjagd!«
Die Straße nach Le Havre führt die Seine entlang, durch das schöne Seine-Tal mit seinen fruchtbaren Hügeln und reichen Bauernhöfen. Es war eine klare, sternhelle Nacht, und die Bauernhäuser in der Ferne waren kleine Lichtpunkte, Oasen in der Dunkelheit.
Noelle und General Scheider unterhielten sich auf dem bequemen Rücksitz der Limousine. Er sprach von seiner Frau und seinen Kindern und wie schwierig es für einen Offizier sei, verheiratet zu sein. Noelle hörte mitfühlend zu und erklärte ihm, wie schwierig es für eine Schauspielerin sei, ein Privatleben zu haben. Jeder von ihnen wusste genau, dass die Unterhaltung ein Spiel war, beide hielten die Konversation auf einem oberflächlichen Niveau, das keinerlei wirkliche Einblicke zuließ. Noelle unterschätzte nicht einen Augenblick lang die Intelligenz des Mannes an ihrer Seite, und sie täuschte sich nicht darüber, wie gefährlich das Abenteuer war, auf das sie sich eingelassen hatte. Sie hielt General Scheider für zu klug, zu glauben, dass sie ihn plötzlich unwiderstehlich fände; er musste den Verdacht haben, dass sie etwas im Schilde führte. Aber Noelle rechnete fest damit, ihn in dem Spiel, das sie spielten, überlisten zu können. Der General berührte nur flüchtig den Krieg, aber er sagte etwas, woran sie sich lange danach erinnerte.