Er berührte nie mehr dieses Thema.
Anfang Februar begann Noelle, ihren Salon einzurichten. Es hatte als einfaches Sonntags-Dinner mit ein paar Freunden aus dem Theater angefangen, aber es sprach sich herum, und der Kreis erweiterte sich schnell und schloss bald Politiker, Wissenschaftler und Schriftsteller ein – wen immer die Gruppe für amüsant oder interessant hielt. Noelle war die ungekrönte Herrscherin des Salons und eine seiner Hauptanziehungspunkte. Jedermann war begierig, sich mit ihr zu unterhalten, denn Noelle stellte scharfsinnige Fragen und hatte ein gutes Gedächtnis für die Antworten. Sie lernte Politik von den Politikern und Finanz von den Bankiers. Ein führender Kunstexperte brachte ihr einiges über bildende Kunst bei, und bald kannte sie alle großen französischen Künstler. Sie erfuhr alles Wissenswerte über Wein vom Oberkellermeister des Barons Rothschild und über Architektur von Le Corbusier. Noelle hatte die besten Hauslehrer der Welt, und diese wiederum hatten eine schöne und faszinierende Schülerin. Sie hatte eine schnelle, gründliche Auffassungsgabe und war eine intelligente Zuhörerin.
Armand Gautier hatte das Gefühl, eine Prinzessin im Umgang mit ihren Ministern vor sich zu sehen, und hätte er sich das völlig klargemacht, wäre er damit Noelles wahrem Charakter am nächsten gekommen.
Mit der Zeit begann sich Gautier ein wenig sicherer zu fühlen. Es schien ihm, dass Noelle alle, die ihm gefährlich werden könnten, kennen gelernt hatte, und sie hatte für keinen von ihnen Interesse gezeigt. Sie hatte noch nicht Constantin Demiris kennen gelernt.
Constantin Demiris herrschte über ein Imperium, das größer und mächtiger als die meisten Staaten war. Er hatte weder einen Titel noch eine offizielle Position, aber er war gewohnt, Premiere, Kardinale, Botschafter und Könige zu kaufen und zu verkaufen. Demiris war einer der zwei oder drei reichsten Männer der Welt, und seine Macht war legendär. Er hatte die größte Frachter-Flotte im Einsatz, besaß eine Fluggesellschaft, Zeitungen, Banken, Stahlwerke, Goldminen – seine Fühler reichten überallhin, unentwirrbar verwoben wie Schuss und Kette mit dem ökonomischen Gewebe von einem Dutzend Ländern.
Ihm gehörte eine der bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt, eine Flotte von Privatflugzeugen und ein Dutzend Appartements und Villen in allen Teilen der Welt.
Constantin Demiris war etwas über mittelgroß, hatte eine breite Brust und breite Schultern. Er war von dunkler Hautfarbe, hatte eine ausgeprägte griechische Nase und Augen wie schwarze Oliven, funkelnd von Intelligenz. Er war nicht an Kleidung interessiert, und doch stand er stets auf der Liste der bestangezogenen Männer der Welt, und es ging das Gerücht, dass er über fünfhundert Anzüge besaß. Er ließ sie machen, wo er sich gerade aufhielt. Seine Anzüge wurden von Hawes und Curtis in London angefertigt, seine Hemden von Brioni in Rom, seine Schuhe von Dali Grande in Paris, und seine Krawatten stammten aus einem Dutzend Ländern.
Demiris hatte eine magnetische Anziehungskraft. Wenn er in ein Zimmer trat, drehten sich die Leute um, auch wenn sie nicht wussten, wer er war, und starrten ihn an. Die Zeitungen und Zeitschriften der ganzen Welt brachten über Constantin Demiris und seine Tätigkeit – die geschäftliche und die gesellschaftliche – eine nicht abreißende Flut an Meldungen und Nachrichten.
Die Presse zitierte ihn gerne. Auf die Frage eines Reporters, ob ihm Freunde geholfen hätten, seinen Erfolg zu erringen, hatte er geantwortet: »Um Erfolg zu haben, braucht man Freunde, um sehr großen Erfolg zu haben, braucht man Feinde.«
Als man ihn fragte, wie viele Angestellte er habe, hatte Demiris geantwortet: »Keinen. Nur Anhänger. Wenn soviel Macht und Geld auf dem Spiel stehen, wird das Geschäft zur
Religion, und die Büros werden zu Tempeln.«
Er war im griechisch-orthodoxen Glauben erzogen, aber er sagte von den offiziellen Religionen: »Tausendmal mehr Verbrechen sind im Namen der Liebe als im Namen des Hasses begangen worden.«
Die Welt wusste, dass er mit der Tochter einer angesehenen griechischen Bankiersfamilie verheiratet war, dass seine Frau eine attraktive, liebenswürdige Frau war, die ihn jedoch, wenn Demiris auf seiner Jacht oder seiner privaten Insel Gäste hatte, selten begleitete. Statt dessen war er in Gesellschaft einer schönen Schauspielerin oder Tänzerin oder wer immer ihm gerade gefiel zu sehen. Seine Romanzen waren genauso legendär und bunt wie seine finanziellen Abenteuer. Er hatte mit Dutzenden von Filmstars, den Frauen seiner besten Freunde, einer fünfzehnjährigen Schriftstellerin und frischgebackenen Witwen geschlafen; man tuschelte sogar, dass eine Gruppe von Nonnen, die ein neues Kloster brauchten, sich ihm angeboten hätte.
Ein halbes Dutzend Bücher waren über Demiris geschrieben worden, aber keines von ihnen hatte je sein wahres Wesen erfasst oder die wahre Ursache seines Erfolgs zu enthüllen vermocht. Eine in der ganzen Welt bekannte Persönlichkeit, war Constantin Demiris gleichzeitig ein Mensch mit höchst privater Sphäre, und er gebrauchte sein Image als Fassade, die sein wahres Selbst verbarg. Er hatte Dutzende von intimen Freunden in jedem Lebensbereich, und doch kannte ihn niemand wirklich. Die Tatsachen waren der Öffentlichkeit durchaus bekannt. Er war in Piräus als Sohn eines Dockarbeiters in einer Familie von vierzehn Geschwistern zur Welt gekommen; nie stand genug Essen auf dem Tisch, und wer mehr haben wollte, musste darum kämpfen. Es war etwas an Demiris, das dauernd nach mehr verlangte, und er kämpfte darum.
Schon als kleiner Junge setzte sein Gehirn automatisch alles
in Zahlen um. Er kannte die Anzahl der Stufen auf dem Parthenon, wie viele Minuten man zur Schule brauchte, wie viele Schiffe an einem bestimmten Tag im Hafen lagen. Zeit war für ihn eine in Abschnitte eingeteilte Zahl, und Demiris lernte, sparsam damit umzugehen. Demzufolge konnte er ohne wahre Anstrengung enorm viel leisten. Sein Sinn für Organisation war angeboren, ein Talent, das sich automatisch sogar in den unwichtigsten Kleinigkeiten auswirkte. Alles wurde zu einem Wettbewerb, in dem er seine Intelligenz mit der seiner Umwelt maß.
Obwohl Demiris wusste, dass er klüger war als die meisten Menschen, war er doch nicht übermäßig eitel. Wenn eine schöne Frau mit ihm ins Bett gehen wollte, machte er sich nicht einen Augenblick lang vor, dass dies seines Aussehens oder seiner Persönlichkeit wegen geschähe, aber er ließ sich dadurch nicht stören. Die Welt war ein Marktplatz, und die Leute waren entweder Käufer oder Verkäufer. Manche Frauen, das wusste er, fühlten sich von seinem Geld angezogen, andere von seiner Macht und einige wenige – und es waren sehr wenige – von seinem Verstand und seiner Phantasie.