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Fast jede Person, der er begegnete, wollte etwas von ihm: eine Stiftung für wohltätige Zwecke, die Finanzierung eines geschäftlichen Projektes oder einfach die Macht, die die Freundschaft mit ihm verlieh. Demiris liebte das Spiel, herauszufinden, was die Leute in Wirklichkeit von ihm wollten, denn es war selten das, was es schien. Sein analytischer Verstand war der Scheinwahrheit gegenüber skeptisch, und folglich glaubte er nichts, was er hörte, und vertraute niemandem.

Die Journalisten, die über sein Leben schrieben, sollten nur seine Genialität und seinen Charme sehen, den gewandten Weltmann. Sie vermuteten nie, dass Demiris unter der Oberfläche ein Killer war, ein Produkt der Gosse, dessen erster Instinkt ihn hieß, seinem Feind an die Kehle zu springen.

Für die alten Griechen war das Wort thikeosini, Gerechtigkeit, oft gleichbedeutend mit ekthikisis, Rache, und Demiris war von beiden besessen. Er entsann sich der geringfügigsten Beleidigung, die man ihm angetan hatte, und er zahlte es denjenigen, die das Unglück hatten, sich seine Feindschaft zuzuziehen, mit hundertfacher Münze zurück. Sie merkten es nie, denn Demiris' mathematischer Verstand spielte ein Spiel von systematisch aufgebauter Vergeltung, klügelte geduldig komplizierte Fallen aus und spann vielmaschige Netze, in denen sich schließlich seine Opfer verfingen und vernichtet wurden.

Als Demiris sechzehn Jahre alt war, stieg er mit einem älteren Mann namens Spyros Nicholas in sein erstes Geschäft ein. Demiris hatte die Idee gehabt, einen kleinen Stand auf den Docks aufzumachen, um den Dockarbeitern während der Nachtschicht warmes Essen zu verkaufen. Er hatte die Hälfte des nötigen Geldes für das Unternehmen zusammengekratzt, aber als es erfolgreich war, hatte ihn Nicholas aus dem Geschäft gedrängt. Demiris hatte sein Los ohne Widerstand hingenommen und sich anderen Unternehmungen zugewandt.

Im Laufe der nächsten zwanzig Jahre war Spyros Nicholas zum Fleischkonservengeschäft übergegangen, hatte Erfolg gehabt und war ein reicher Mann geworden. Er hatte geheiratet, hatte drei Kinder und war einer der angesehensten Männer Griechenlands. Während all dieser Jahre sah Demiris geduldig zu und ließ Nicholas sein kleines Reich aufbauen. Als er erkannte, dass Nicholas auf dem Zenit seines Erfolgs angekommen war, schlug er zu.

Weil sein Geschäft blühte, beabsichtigte Nicholas, Farmen zu kaufen, um eigenes Vieh zu züchten und eine Kette von Kleinhandelsgeschäften zu eröffnen. Das erforderte ein riesiges Kapital. Die Bank, mit der Nicholas in geschäftlicher Verbindung stand, gehörte Constantin Demiris, und sie bot Nicholas Geld für die Expansion zu so günstigen Zinsen, dass er nicht widerstehen konnte. Nicholas stürzte sich in große Ausgaben, und mitten in der Kreditausweitung wurden seine Schuldscheine plötzlich von der Bank gekündigt. Als der bestürzte Mann einwandte, er könne den Zahlungen nicht nachkommen, eröffnete die Bank sofort das Konkursverfahren. Die Zeitungen, die Demiris gehörten, hängten die Geschichte an die große Glocke, und andere Gläubiger begannen Nicholas zu bedrängen. Er ging zu anderen Banken und Kreditinstituten, aber aus ihm unerklärlichen Gründen lehnten sie alle ab, ihm zu Hilfe zu kommen. Am Tag nach seinem Bankrott beging er Selbstmord.

Demiris' Sinn für thikeosini war ein zweischneidiges Schwert. Genau wie er niemandem eine Beleidigung vergab, vergaß er nie eine ihm erwiesene Wohltat. Eine Zimmervermieterin, die den jungen Mann ernährt und gekleidet hatte, als er zu arm gewesen war, sie zu bezahlen, sah sich plötzlich als Besitzerin eines Appartementhauses, ohne zu ahnen, wer ihr Wohltäter war. Ein junges Mädchen, das den völlig mittellosen jungen Demiris bei sich aufgenommen hatte, erhielt von anonymer Seite eine Villa und eine lebenslange Pension. Die Leute, die mit dem ehrgeizigen jungen Griechen vor vierzig Jahren zu tun gehabt hatten, ahnten nicht, wie diese zufällige Beziehung ihr Leben beeinflussen würde. Der dynamische junge Demiris hatte Hilfe von Bankiers und Rechtsanwälten, Schiffskapitänen und Gewerkschaften, Politikern und Finan-ciers gebraucht. Die einen hatten ihn ermutigt und ihm geholfen; andere hatten ihn von oben herab behandelt oder ihn betrogen. In seinem Kopf und seinem Herzen hatte der stolze Grieche ein unauslöschliches Verzeichnis jeder seiner Unternehmungen bewahrt. Seine Frau Melina hatte ihn einmal beschuldigt, den lieben Gott spielen zu wollen.

»Jeder Mann spielt den lieben Gott«, hatte Demiris zu ihr gesagt. »Einige von uns sind für diese Rolle besser geeignet als andere.«

»Aber es ist nicht recht, das Leben von Menschen zu zerstören, Costa.«

»Es ist nicht unrecht. Es ist Gerechtigkeit.«

»Rache.«

»Manchmal ist es dasselbe. Die meisten Menschen kommen mit dem Unrecht, das sie tun, ungestraft davon. Ich bin in der Lage, sie dafür bezahlen zu lassen. Das ist Gerechtigkeit.«

Er genoss die Stunden, in denen er Fallen für seine Gegner erdachte. Er pflegte seine Opfer genau zu studieren, sorgfältig ihren Charakter zu analysieren, ihre Stärken und Schwächen abzuwägen.

Als Demiris drei kleine Frachtschiffe gehabt hatte und eine Anleihe brauchte, um seine Flotte zu vergrößern, war er zu einem Schweizer Bankier in Basel gegangen. Der Bankier hatte ihn nicht nur abgewiesen, sondern auch andere befreundete Bankiers angerufen und ihnen geraten, dem jungen Griechen kein Geld zu geben. Es war Demiris schließlich gelungen, eine Anleihe in der Türkei zu bekommen.

Demiris hatte seine Stunde abgewartet. Er wusste genau, dass die Achillesferse des Bankiers seine Habgier war. Demiris stand in Verhandlungen mit Ibn Saud von Arabien wegen pachtweiser Übernahme neu entdeckter Erdölquellen. Die Pachtverträge würden für Demiris' Gesellschaft mehrere hundert Millionen Dollar wert sein.

Er gab einem seiner Agenten Anweisung, dem Schweizer Bankier gegenüber die Nachricht über das in Aussicht genommene Geschäft durchsickern zu lassen. Dem Bankier wurde eine 25 %ige Beteiligung an der neuen Gesellschaft angeboten, wenn er fünf Millionen Dollar in bar aufbrächte, um Anteile am Aktienkapital zu erwerben. Wenn das Geschäft klappte, würden die fünf Millionen Dollar mehr als fünfzig Millionen wert sein. Der Bankier überprüfte schnell das Geschäft und fand dessen Glaubwürdigkeit bestätigt. Da er über eine solche Summe nicht persönlich verfügte, lieh er sie sich von der Bank, ohne jemanden davon in Kenntnis zu setzen, da er diesen unverhofften Gewinn mit keinem teilen wollte. Die Transaktion sollte in der darauf folgenden Woche stattfinden, und zu diesem Zeitpunkt würde er das Geld, das er entnommen hatte, dann zurückzahlen können.

Als Demiris den Scheck des Bankiers in der Hand hatte, gab er der Presse bekannt, dass die Vereinbarung mit Arabien rückgängig gemacht worden sei. Die Aktien stürzten. Es gab keine Möglichkeit für den Bankier, seine Verluste zu decken, und seine Unterschlagung kam ans Licht. Demiris erstand den Anteil des Bankiers für ein paar Cents pro Dollar und machte dann mit dem Ölgeschäft weiter. Die Aktien schnellten in die Höhe. Der Bankier wurde der Unterschlagung schuldig befunden und zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt.

Es gab ein paar Spieler in Demiris' Spiel, mit denen er noch nicht abgerechnet hatte, aber er hatte es nicht eilig. Er genoss die Vorfreude, das Planen und die Ausführung. Es war wie ein Schachspiel, und Demiris war ein meisterhafter Schachspieler. Jetzt machte er sich keine Feinde mehr, denn niemand konnte es sich leisten, sein Feind zu sein; so war sein Reservoir auf diejenigen beschränkt, die in der Vergangenheit seinen Weg gekreuzt hatten.

Dies war also der Mann, der eines Nachmittags in Noelle Pages Sonntagssalon auftauchte. Er verbrachte ein paar Stunden in Paris auf dem Weg nach Kairo, und eine junge Bildhauerin, mit der er sich traf, schlug vor, sie sollten den Salon aufsuchen. Von dem Augenblick an, als Demiris Noelle sah, wusste er, dass er sie haben wollte. Abgesehen von Königen selbst, die für die Tochter eines Marseiller Fischhändlers unerreichbar waren, war Constantin Demiris wahrscheinlich das, was einem König am nächsten kam. Drei Tage nachdem sie ihn kennen gelernt hatte, verließ Noelle ihr Theater ohne Kündigung, packte ihre Koffer und fuhr zu Constantin Demiris nach Griechenland.