Die Prominenz der beiden machte es unvermeidlich, dass die Beziehung zwischen Noelle Page und Constantin Demiris zur internationalen Sensation wurde. Fotografen und Journalisten versuchten ununterbrochen, Demiris' Frau zu interviewen, aber wenn ihre Gelassenheit auch etwas erschüttert war, ließ sie sich nichts anmerken. Melina Demiris' einziger Kommentar für die Presse war, dass ihr Mann viele gute Freundinnen in der ganzen Welt habe und sie nichts dabei finde. Ihren empörten Eltern erklärte sie, Costa habe auch vorher Affären gehabt, und diese würde genauso bald ein Ende finden wie all die anderen. Ihr Mann unternahm häufig ausgedehnte Geschäftsreisen, und sie sah dann Fotos in den Zeitungen, die ihn mit Noelle in Städten wie Konstantinopel, Tokio oder Rom zeigten. Melina Demiris war eine stolze Frau, aber sie war entschlossen, die Demütigung zu ertragen, weil sie ihren Mann wirklich liebte. Sie akzeptierte die Tatsache, dass manche Männer mehr als eine Frau brauchten, obwohl sie nie richtig begriff, warum, und dass sogar ein in seine Frau verliebter Mann mit einer anderen Frau schlafen konnte. Sie wäre eher gestorben, als einem anderen Mann zu erlauben, sie zu berühren. Sie machte Constantin nie Vorwürfe, denn sie wusste, sie würde damit nichts anderes erreichen als eine Entfremdung. Im großen ganzen führten sie eine gute Ehe. Sie wusste, sie war keine leidenschaftliche Frau, aber sie war ihrem Mann im Bett gefügig, wann immer er wollte, und sie versuchte, ihm soviel Vergnügen zu geben, wie sie konnte. Wenn sie gewusst hätte, was Noelle mit ihrem Mann im Bett trieb, wäre sie schockiert gewesen, und wenn sie obendrein gewusst hätte, wie sehr es ihrem Mann gefiel, wäre sie todunglücklich gewesen.
Noelles Hauptreiz für Demiris, dem Frauen nichts Neues mehr bieten konnten, bestand darin, dass sie ihn dauernd überraschte. Für ihn, der eine Schwäche für Puzzles hatte, war sie ein Rätsel, das sich jeder Lösung widersetzte. Er hatte noch nie jemanden wie sie kennen gelernt. Sie nahm die schönen
Dinge, die er ihr schenkte, aber sie war genauso glücklich, wenn er ihr nichts gab. Er kaufte ihr eine luxuriöse Villa in Portofino mit Ausblick auf die herrliche hufeisenförmige Bucht, da er wusste, es hätte gar keinen Unterschied gemacht, wenn es eine winzige Behausung in der alten Plaka von Athen gewesen wäre.
Demiris war in seinem Leben vielen Frauen begegnet, die versucht hatten, ihre erotische Anziehungskraft einzusetzen, um ihn auf die eine oder andere Weise zu gängeln. Noelle wollte nie etwas von ihm. Manche Frauen waren zu ihm gekommen, um sich im Glanz seines Ruhms zu sonnen, aber in Noelles Fall war sie es, welche die Journalisten und Fotografen anzog. Sie war ein Star aus eigenem Verdienst, von ihm unabhängig. Eine Zeitlang spielte Demiris mit dem Gedanken, sie sei vielleicht wirklich um seiner selbst willen in ihn verliebt, aber er war zu ehrlich, um an dieser Selbsttäuschung festzuhalten.
Anfangs reizte es ihn, Noelle bis ins letzte zu erforschen, sich ihr Innerstes zu unterwerfen, es sich zu eigen zu machen. Zuerst hatte Demiris versucht, dies mit sexuellen Mitteln zu erreichen, aber zum ersten Mal in seinem Leben war er auf eine Frau gestoßen, die ihm mehr als ebenbürtig war. Ihre sinnliche Gier überstieg die seine. Was immer er tat, konnte sie besser und öfter und geschickter, bis er endlich lernte, sich im Bett zu entspannen und zu genießen wie noch bei keiner anderen Frau in seinem Leben. Sie war ein Phänomen, das dauernd neue Seiten enthüllte, um ihm Freude zu bereiten. Noelle konnte so gut kochen wie irgendeiner der Köche, die er fürstlich entlohnte, und verstand genauso viel von Kunst wie die Experten, denen er Jahreshonorare aussetzte, damit sie Gemälde und Skulpturen für ihn heranschafften. Es machte ihm großen Spaß, ihren Diskussionen über bildende Kunst mit Noelle zuzuhören und das Erstaunen der Experten über ihre profunden Kenntnisse zu beobachten.
Demiris hatte kürzlich einen Rembrandt erstanden, und Noelle war zufällig auf seiner Sommerinsel, als das Gemälde ankam. Der junge Kunstexperte, der es für ihn ausfindig gemacht hatte, war mitgekommen.
»Es ist eines der besten Bilder des Meisters«, sagte der Experte, als er es enthüllte.
Es war ein herrliches Gemälde, das eine Mutter mit ihrer Tochter darstellte. Noelle saß in einem Stuhl, nippte an einem Ouzo und sah ruhig zu.
»Es ist unglaublich schön«, stimmte Demiris zu. Er wandte sich an Noelle. »Wie gefällt es dir?«
»Es ist großartig«, sagte sie. Sie wandte sich an den Experten. »Wo haben Sie es gefunden?«
»Ich habe es bei einem privaten Händler in Brüssel aufgespürt«, erwiderte er stolz, »und ihn dazu überredet, es mir zu verkaufen.«
»Wie viel haben Sie dafür bezahlt?« fragte Noelle.
»Zweihundertundfünfzigtausend Pfund.«
»Ein gutes Geschäft«, erklärte Demiris.
Noelle nahm eine Zigarette in die Hand, und der junge Mann beeilte sich, ihr Feuer zu geben. »Danke«, sagte sie. Sie blickte Demiris an. »Es wäre ein noch besseres Geschäft, Costa, wenn er es direkt von dem Mann gekauft hätte, dem es gehörte.«
»Ich begreife nicht«, sagte Demiris.
Der Experte blickte sie irritiert an.
»Wenn das hier echt ist«, erklärte Noelle, »dann müsste es aus dem Besitz des Herzogs von Toledo stammen.« Sie wandte sich an den Experten. »Stimmt das?« fragte sie.
Sein Gesicht war ganz blass geworden. »Ich – ich habe nicht die geringste Ahnung«, stammelte er. »Der Händler hat mir nichts davon gesagt.«
»Kommen Sie, kommen Sie«, schalt Noelle ihn. »Sie wollen behaupten, Sie erstanden ein so teures Gemälde, ohne seine Herkunft festzustellen? Das ist schwer zu glauben. Im Nachlass wurde der Preis mit einhundertundfünfundsiebzigtausend Pfund angesetzt. Jemand wurde um fünfundsiebzigtausend Pfund betrogen.«
Und es hatte sich als wahr erwiesen. Der Experte und der Kunsthändler wurden des Betruges für schuldig befunden und zu Gefängnis verurteilt. Demiris gab das Gemälde zurück. Als er später über den Vorfall nachdachte, stellte er fest, dass er weniger von Noelles Wissen als von ihrer Ehrlichkeit beeindruckt war. Wenn sie gewollt hätte, hätte sie einfach den Experten beiseite nehmen, ihn erpressen und das Geld mit ihm teilen können. Statt dessen, hatte sie ihn offen vor Demiris bloßgestellt. Dankbar schenkte er ihr ein sehr teures Smaragdkollier, und sie nahm es mit demselben Gleichmut entgegen, mit dem sie ein Feuerzeug angenommen hätte. Demiris bestand darauf, Noelle überallhin mitzunehmen. Er vertraute niemandem geschäftlich und war daher gezwungen, alle seine Entscheidungen allein zu treffen. Er fand es nützlich, seine geschäftlichen Transaktionen mit Noelle zu besprechen. Sie wusste erstaunlich viel vom Geschäft, und die bloße Tatsache, mit jemandem manchmal darüber sprechen zu können, machte es für Demiris leichter, einen Entschluss zu fassen. Mit der Zeit wusste Noelle mehr über seine Geschäfte als irgend jemand, ausgenommen vielleicht seine Anwälte und Buchhalter. Früher hatte Demiris stets mehrere Geliebte gleichzeitig gehabt, aber jetzt gab ihm Noelle alles, was er brauchte, und so ließ er eine nach der anderen fallen. Sie akzeptierten ihre Entlassung ohne Bitterkeit, denn Demiris war ein großzügiger Mann.
Er besaß eine von vier GM-Motoren angetriebene fünfundvierzig Meter lange Jacht. Sie hatte ein Wasserflugzeug, 24 Mann Besatzung, zwei Rennboote und einen SüßwasserSwimmingpool. Es gab zwölf wunderbar eingerichtete Gastsuiten und ein großes Appartement für ihn selbst, das mit Gemälden und Antiquitäten voll gestopft war.
Wenn Demiris auf seiner Jacht Gäste hatte, war Noelle die
Gastgeberin. Wenn Demiris auf seine private Insel flog oder segelte, nahm er Noelle mit, während Melina zu Hause blieb. Er achtete darauf, dass seine Frau und Noelle nie zusammenkamen, aber es war ihm natürlich klar, dass seine Frau von ihr wusste.