Noelle wurde wie die Angehörige eines Königshauses behandelt, wohin immer sie ging. Aber das stand ihr eigentlich zu. Das kleine Mädchen, das durch das schmutzige Mansardenfenster in Marseille auf ihre Schiffe hinausgeschaut hatte, war jetzt zu der größten Flotte der Welt fortgeschritten. Noelle war nicht von Demiris' Reichtum oder von seinem Namen beeindruckt, sondern von seiner Intelligenz und seiner Kraft. Er hatte den Verstand und den Willen eines Giganten und ließ andere Männer im Vergleich mit ihm kümmerlich erscheinen. Sie spürte die unerbittliche Grausamkeit in ihm, aber irgendwie machte ihn das sogar noch aufregender, denn auch sie besaß diese Eigenschaft.
Noelle erhielt dauernd Angebote, in Stücken und Filmen Hauptrollen zu übernehmen; aber sie zeigte kein Interesse. Sie spielte die Hauptrolle in ihrer Lebensgeschichte; die war faszinierender als alles, was ein Drehbuchautor sich ausdenken konnte. Sie dinierte mit Königen und Premiers und Botschaftern, und sie alle scharwenzelten um sie herum, denn sie wussten, dass sie das Ohr von Demiris besaß. Sie ließen leise Andeutungen fallen über das, was sie haben wollten, und versprachen ihr die ganze Welt, wenn sie ihnen helfen würde.
Aber Noelle besaß bereits die ganze Welt. Sie lag mit Demi-ris im Bett und erzählte ihm, was jeder von ihr gewollt hatte, und dank dieser Informationen konnte Demiris deren Bedürfnisse, Stärken und Schwächen abschätzen. Dann pflegte er den entsprechenden Druck auszuüben, und dadurch floss immer noch mehr Geld in die schon übervollen Kassen.
Demiris' Privatinsel war eine seiner großen Wonnen. Er hatte eine Insel gekauft, die aus rauem, unwirtlichem Land bestand, und hatte sie in ein Paradies verwandelt. Er wohnte in einer Villa, die eindrucksvoll auf dem Gipfel eines Hügels lag; dann gab es ein Dutzend bezaubernder Cottages für seine Gäste, eine Jagd, einen künstlichen Süßwassersee, einen Zoo, einen Hafen, wo seine Jacht anlegen konnte, und einen Landeplatz für seine Flugzeuge. Die Insel hatte einen Stab von achtzig Bediensteten, und bewaffnete Wächter hielten unerwünschte Eindringlinge fern. Noelle liebte die Einsamkeit der Insel, und sie liebte sie am meisten, wenn keine anderen Gäste da waren. Constantin Demiris fühlte sich geschmeichelt, weil er annahm, dass Noelle am liebsten mit ihm allein war. Er wäre überrascht gewesen, wenn er gewusst hätte, wie sehr ihre Gedanken mit einem Mann beschäftigt waren, von dessen Existenz er keine Ahnung hatte.
Larry Douglas war eine halbe Welt von Noelle entfernt, geheime Schlachten auf geheimen Inseln schlagend, und doch wusste sie mehr über ihn als seine Frau, mit der er in ziemlich regelmäßigem Briefverkehr stand. Noelle flog mindestens einmal im Monat nach Paris, um Christian Barbet zu besuchen, und der kahlköpfige, kurzsichtige kleine Detektiv hatte stets einen Bericht mit den allerletzten Nachrichten für sie bereit.
Als Noelle das erste Mal nach Frankreich zurückkehrte, um Barbet zu sehen, gab es Probleme mit dem Ausreisevisum. Man ließ sie fünf Stunden lang auf dem Zollamt warten, bevor man ihr endlich erlaubte, Constantin Demiris anzurufen. Zehn Minuten nachdem sie mit Demiris gesprochen hatte, eilte ein deutscher Offizier herein und brachte überschwängliche Entschuldigungen vor. Man hatte Noelle ein spezielles Visum erteilt, und sie wurde nie mehr aufgehalten.
Der kleine Detektiv freute sich auf Noelles Besuche. Er verlangte von ihr ein Vermögen, aber seine geübte Nase roch noch mehr Geld. Er war sehr erfreut über ihre neue Liaison mit Constantin Demiris. Er hatte das Gefühl, es würde von großem finanziellen Vorteil für ihn sein. Zuerst musste er sich verge-
wissern, dass Demiris nichts von Noelles Interesse für Larry Douglas wusste, dann musste er herausfinden, wie viel diese Information Demiris wert wäre. Oder Noelle Page, damit er schweige. Ein genialer Coup stand bevor, aber er musste seine Karten sorgfältig ausspielen. Die Informationen, die Barbet über Larry sammeln konnte, waren erstaunlich reichhaltig, denn Barbet konnte es sich leisten, seine Quellen gut zu bezahlen.
Während Larrys Frau einen Brief las, der von irgendeinem anonymen Feldpostamt abgestempelt war, berichtete Christian Barbet Noelle: »Er fliegt mit der Vierzehnten Kampfgruppe. Achtundvierzigstes Kampfgeschwader.«
Im Brief an Catherine hieß es: »... ich kann dir nur sagen, dass ich irgendwo im Pazifik bin, Liebling ...«
Und Christian Barbet berichtete Noelle: »Sie sind auf Tarawa. Demnächst kommt Guam dran.«
»... Du fehlst mir wirklich, Cathy. Hier geht's aufwärts. Ich darf dir keine Einzelheiten mitteilen, aber wir haben endlich Flugzeuge, die besser sind als die japanischen Zeros ...«
»Ihr Freund fliegt P-Achtunddreißiger, P-Vierziger und PEinundfünfziger.«
»... Ich freue mich, dass du in Washington tüchtig beschäftigt bist. Bleib mir nur treu, Baby. Hier geht alles bestens. Ich werde eine kleine Neuigkeit für dich haben, wenn wir uns wieder sehen ...«
»Ihr Freund wurde mit dem D. F. C. ausgezeichnet und zum Oberstleutnant befördert.«
Während Catherine an ihren Mann dachte und betete, er möge gesund heimkommen, verfolgte Noelle alle Wege Larrys, und auch sie betete, dass er gesund heimkehre. Bald wäre der Krieg vorbei, und Larry Douglas würde nach Hause kommen. Zu ihnen beiden.
Catherine
Washington 1945-1946
Am Morgen des 7. Mai 1945 ergab sich Deutschland in Reims bedingungslos den Alliierten. Die tausendjährige Herrschaft des Dritten Reiches war zu Ende. Diejenigen, die von der Katastrophe von Pearl Harbor wussten, die gesehen hatten, wie Dünkirchen um ein Haar als Englands Waterloo in die Geschichte eingegangen wäre, diejenigen, welche die RAF kommandiert hatten und wussten, wie hilflos die Abwehr Londons gegen einen Totalangriff der deutschen Luftwaffe gewesen wäre: alle diese Leute wussten, es war eine Reihe von Wundern, die die Alliierten hatte siegen lassen – und sie wussten, wie leicht es hätte anders kommen können. Fast hatten die Kräfte des Bösen triumphiert, und dieser Gedanke war so absurd, so entgegengesetzt der christlichen Ethik, nach der das Gute obsiegt und das Böse unterliegt, dass man sich mit Entsetzen davon abwandte, Gott dankte und die dummen, aber verhängnisvollen Fehler vor den Augen der Nachwelt in Aktenbergen mit der Aufschrift TOP SECRET begrub.
Die Aufmerksamkeit der freien Welt wandte sich nun dem Fernen Osten zu. Die Japaner, diese kleinen kurzsichtigen, komischen Figuren, verteidigten blutig jeden Zoll Land, der in ihrem Besitz war, und es sah aus, als ob der Krieg lang und kostspielig werden würde.
Und dann, am 6. August, warf man die Atombombe auf Hiroshima. Die Zerstörung war unglaublich. In wenigen Minuten war fast die ganze Bevölkerung einer großen Stadt vernichtet, Opfer einer Seuche, schlimmer als alle Kriege und Pestilenzen des ganzen Mittelalters.
Am 9. August, drei Tage später, wurde eine zweite Bombe abgeworfen, diesmal auf Nagasaki. Das Resultat war noch verheerender. Die Zivilisation hatte ihre Sternstunde erreicht;
sie war imstande, einen Völkermord zu inszenieren, der in der Proportion von so und so viel Millionen Menschen pro Sekunde kalkuliert werden konnte. Es war zuviel für die Japaner, und am 3. September 1945, auf dem Schlachtschiff Missouri, nahm General MacArthur die bedingungslose Kapitulation der japanischen Regierung entgegen. Der zweite Weltkrieg war beendet.
Als die Nachricht verkündet wurde, hielt die Welt einen Augenblick den Atem an und brach dann in dankbaren, tief empfundenen Jubel aus. Städte und Dörfer in der ganzen Welt waren mit Menschenmassen gefüllt, die das Ende des Krieges, der alle Kriege beenden würde, mit hysterischen Freudenausbrüchen feierten.
Durch irgendeine Zauberei, die er Catherine nie erklären wollte, gelang es Bill Fräser am Tag darauf, eine telefonische Verbindung mit Larry Douglas auf einer Insel im Südpazifik herzustellen. Es sollte eine Überraschung für Catherine sein. Fräser bat sie, in ihrem Büro auf ihn zu warten, so dass sie zusammen zum Mittagessen gehen könnten. Um 14.30 Uhr rief Catherine Bill über Wechselsprechanlage an.