»Wann wirst du mir etwas zu essen geben?« fragte sie. »Es wird bald Zeit fürs Abendessen.«
»Halt aus«, antwortete Fräser. »Ich bin in einer Minute bei dir.«
Fünf Minuten später rief er sie an und sagte: »Da ist ein Anruf für dich auf Leitung eins.«
Catherine nahm den Hörer ab. »Hallo?« Sie hörte Knattern und anschwellendes Geräusch wie die Wellen eines fernen Ozeans. »Hallo«, wiederholte sie.
Eine männliche Stimme sagte: »Mrs. Larry Douglas?«
»Ja«, sagte Catherine verblüfft. »Wer ist da?«
»Einen Augenblick, bitte.«
Durch den Hörer kam ein hohes Heulen. Dann wieder Knattern, und dann sagte eine Stimme: »Cathy.«
Sie saß klopfenden Herzens da, unfähig zu sprechen. »Larry? Larry?«
»Ja, Baby.«
»Oh, Larry!« Sie begann zu weinen und unerwartet am ganzen Körper zu zittern.
»Wie geht's dir, Liebling?«
Sie krallte ihre Fingernägel in den Arm, um sich weh zu tun und so die Hysterie, die sich ihrer plötzlich bemächtigt hatte, zu unterdrücken. »Mir geht's g-gut«, sagte sie. »Wo – wo bist du?«
»Wenn ich es dir sage, werden wir getrennt«, sagte er. »Irgendwo im Pazifik.«
»Also ganz in der Nähe.« Sie bekam die Stimme wieder in ihre Gewalt. »Geht's dir gut, Liebling?«
»Mir geht's ausgezeichnet.«
»Wann kommst du nach Hause?«
»Kann sich nur noch um Sekunden handeln«, versprach er.
Catherine schössen wieder die Tränen in die Augen. »O. K., stimmen wir unsere Uhren aufeinander ab.«
»Weinst du?«
»Natürlich weine ich, du Idiot! Ich bin nur froh, dass du nicht sehen kannst, wie die Wimperntusche über mein Gesicht rinnt. Oh, Larry ... Larry ...«
»Du hast mir gefehlt, Baby«, sagte er.
Catherine dachte an die langen, einsamen Nächte, die zu Wochen und Monaten und Jahren ohne ihn geworden waren, ohne seine Arme um sie, ohne seinen kraftvollen, wunderbaren Körper neben ihr, ohne seinen Trost, seinen Schutz und seine Liebe. Und sie sagte: »Du hast mir auch gefehlt.«
Die Stimme eines Mannes war zu hören: »Es tut mir leid, Oberst, aber wir müssen trennen.«
Oberst!
»Warum hast du mir nichts von deiner Beförderung gesagt?«
»Ich hatte Angst, es würde dir zu Kopf steigen.«
»Oh, Liebling, ich«
Das Rauschen des Ozeans wurde lauter, plötzlich war es still, und die Verbindung war unterbrochen. Catherine saß an ihrem Schreibtisch und starrte das Telefon an. Und dann grub sie den Kopf in die Arme und weinte.
Zehn Minuten später kam Fräsers Stimme übers Haustelefon: »Ich bin zum Lunch bereit, wenn du soweit bist, Cathy«, sagte er.
»Ich bin jetzt zu allem bereit«, sagte sie freudig. »Gib mir fünf Minuten.« Sie lächelte dankbar beim Gedanken, was Fräser für sie getan hatte und wie viel Mühe es ihn wohl gekostet haben mochte. Er war der liebste Mensch, den sie je gekannt hatte. Nach Larry, natürlich.
Catherine hatte sich Larrys Ankunft so oft ausgemalt, dass die eigentliche Ankunft fast dagegen abfiel. Bill Fräser hatte ihr erklärt, Larry käme wahrscheinlich in einem Lufttransporter oder in einem MATS-Flugzeug nach Hause, und diese verkehrten nicht zu bestimmten Zeiten wie kommerzielle Fluglinien. Man organisierte sich einen Platz auf dem ersten Flug, den man kriegen konnte – und es machte nichts aus, welchen Bestimmungsort das Flugzeug hatte, solange es nur in die richtige Richtung flog.
Catherine blieb den ganzen Tag zu Hause und wartete auf Larry. Sie versuchte zu lesen, aber sie war zu nervös. Sie saß da, hörte Nachrichten und dachte an Larrys Heimkehr, diesmal für immer. Um Mitternacht war er noch nicht da. Wahrscheinlich würde er nicht vor dem nächsten Tag kommen. Um zwei Uhr morgens, als Catherine die Augen nicht länger offen halten konnte, ging sie zu Bett.
Sie wurde von einer Hand auf ihrem Arm geweckt, öffnete die Augen, und er stand über ihr, ihr Larry stand da, blickte auf sie nieder, ein Lachen auf seinem schmalen, braunen Gesicht; wie ein Blitz war Catherine in seinen Armen, und all die
Besorgnis, die Einsamkeit, der Schmerz der letzten vier Jahre waren wie weggewaschen in der reinigenden Flut einer Freude, die jede Faser ihres Seins zu füllen schien. Sie umarmte ihn, bis sie glaubte, ihm die Knochen zu brechen. So wollte sie immer bleiben und nie wieder loslassen.
»Sachte, Liebling«, sagte Larry endlich. Er entzog sich ihr mit einem Lächeln auf dem Gesicht. »Komische Meldung in den Zeitungen: >Flieger kommt unversehrt aus dem Krieg zurück und wird von seiner Frau zu Tode umarmt.<«
Catherine drehte das Licht an, alle Lampen im Raum, so dass das Zimmer von Helligkeit überflutet war und sie ihn sehen, ihn genau sehen, ihn mit ihren Augen verschlingen konnte. Sein Gesicht war reifer geworden. Um seine Augen und seinen Mund waren feine Linien, die vorher nicht da gewesen waren. Er sah besser als je zuvor aus.
»Ich wollte dich abholen«, stammelte Catherine, »aber ich wusste nicht, wo. Ich rief die Luftwaffe an, sie konnten mir überhaupt keine Auskunft geben, und so wartete ich einfach hier und ...«
Larry kam auf sie zu und brachte sie mit einem Kuss zum Schweigen. Sein Kuss war hart und fordernd. Catherine hatte erwartet, dasselbe physische Verlangen zu verspüren wie er, und sie war überrascht festzustellen, dass dem nicht so war. Sie liebte ihn sehr, und doch wäre sie zufrieden gewesen, einfach mit ihm zu sitzen, zu sprechen, statt mit ihm ins Bett zu gehen, wie er so dringend wollte. Sie hatte ihre sexuellen Gefühle für ihn so lange Zeit verdrängt, dass sie tief begraben waren, und es würde einige Zeit dauern, bevor sie wiedererweckt und an die Oberfläche gebracht werden könnten.
Aber Larry ließ ihr keine Zeit. Er warf die Kleider von sich und sagte: »O Gott, Cathy, du kannst dir nicht vorstellen, wie ich von diesem Augenblick geträumt habe. Ich wurde dort draußen ganz verrückt. Und schau dich an. Du bist noch schöner, als ich dich in Erinnerung habe.«
Er riss seine Shorts herunter und stand nackt da. Und irgendwie war es ein Fremder, der sie aufs Bett niederstieß, und sie wünschte, Larry hätte ihr Zeit gegeben, sich daran zu gewöhnen, dass er wieder zu Hause war, sich an seine Nacktheit zu gewöhnen. Aber er warf sich ohne zärtliche Vorspiele auf sie, zwängte sich in sie, und sie wusste, dass sie nicht für ihn bereit war. Er riss sie auf, tat ihr weh, und sie biss sich in die Hand, um das Aufschreien zurückzuhalten, als er auf ihr lag und sie wie ein wildes Tier liebte. Ihr Mann war wieder zu Hause.
Während des nächsten Monats blieb Catherine mit Fräsers Genehmigung vom Büro weg, und sie und Larry verbrachten fast jeden Augenblick zusammen. Sie kochte alle seine Lieblingsgerichte für ihn, sie hörten sich Platten an und redeten und redeten und versuchten, die Lücken der vergangenen Jahre zwischen ihnen wieder zu schließen. Ihr Körper war jetzt für ihn bereit, und sie fand ihn als Liebhaber genauso aufregend wie immer. Fast so aufregend.
Sie wollte es sich selbst nicht eingestehen, aber etwas war auf undefinierbare Weise an Larry anders. Er forderte mehr und gab weniger. Immer noch war da ein zärtliches Vorspiel, bevor sie sich liebten, aber er tat es auf mechanische Art, wie eine Pflichtübung sozusagen, bevor er zum eigentlichen Angriff überging. Und es war ein Angriff, ein wildes und ungestümes Nehmen, als wolle sich sein Körper für irgend etwas rächen, als wolle er strafen. Jedes Mal nachher war Catherine mit blauen Flecken übersät und fühlte sich zerschlagen, als ob sie verprügelt worden wäre. Vielleicht, verteidigte sie ihn, ist es nur, weil er so lange keine Frau gehabt hatte.
Die Tage vergingen, und seine Liebestechnik blieb die gleiche, und das brachte Catherine schließlich dazu, nach anderen Veränderungen an ihm zu forschen. Sie versuchte, ihn unparteiisch zu betrachten, versuchte zu vergessen, dass er ihr Mann war, den sie vergötterte. Sie sah einen großen gut gewachsenen Mann mit tiefen dunklen Augen und einem umwerfend schönen Gesicht. Oder vielleicht war »schön« nicht mehr das richtige Wort. Die Linien um seinen Mund verliehen seinen Zügen eine gewisse Härte. Wenn sie ihn als Fremden ansähe, hätte Catherine gedacht: Das ist ein Mann, der egoistisch, rücksichtslos und kalt sein kann. Und doch sagte sie sich, es sei lächerlich. Denn es war doch ihr Larry, liebevoll, freundlich und aufmerksam wie eh und je.