Stolz stellte sie ihn allen ihren Freunden und Kollegen vor, aber sie schienen ihn zu langweilen. Bei Parties zog er sich oft in eine Ecke zurück und verbrachte den Abend mit Trinken. Es schien Catherine, dass ihm an Geselligkeit nichts lag. »Warum auch?« fuhr er sie eines Abends an, als sie mit ihm darüber sprach. »Wo zum Teufel waren alle diese fetten Schweine, als ich in der Luft war und den Arsch hinhalten musste?«
Einige Male schnitt Catherine das Thema an, was Larry in Zukunft zu tun gedenke. Sie hatte angenommen, er würde in der Luftwaffe bleiben wollen, aber das erste, was Larry nach seiner Heimkehr tat, war, seinen Abschied zu nehmen.
»Der Militärdienst ist für Dummköpfe. Man kommt dabei nur herunter«, hatte er gesagt.
Es war fast wie eine Parodie ihrer ersten Unterhaltung mit ihm in Hollywood. Nur hatte er damals gescherzt.
Catherine musste mit jemandem über das Problem sprechen, und sie entschloss sich schließlich, mit Bill Fräser zu reden. Sie erzählte ihm, was sie bekümmerte, erwähnte aber die intimeren Probleme nicht.
»Wenn es irgendwie ein Trost für dich ist«, sagte Fräser mitfühlend, »es gibt Millionen von Frauen in der ganzen Welt, die das gleiche durchmachen wie du jetzt. Es ist wirklich ganz einfach, Catherine. Du bist mit einem Fremden verheiratet.«
Catherine blickte ihn schweigend an.
Fräser hielt inne, stopfte seine Pfeife und zündete sie an. »Du kannst nicht wirklich erwarten, dass alles wieder da weitergeht, wo ihr vor vier Jahren aufgehört habt, als Larry weg musste.
Diese damalige Situation stimmt nicht mehr. Du bist ihr entwachsen und Larry ebenfalls. Was eine Ehe hauptsächlich intakt hält, ist doch, dass Mann und Frau gemeinsame Erfahrungen haben. Sie entwickeln sich, und ihre Ehe entwickelt sich. Ihr werdet gemeinsame Berührungspunkte wieder finden müssen.«
»Ich finde es eigentlich nicht anständig von mir, mit dir darüber zu sprechen.«
Fräser lächelte. »Ich habe dich zuerst gekannt«, meinte er. »Erinnerst du dich?«
»O ja.«
»Sicher empfindet Larry ebenso«, fuhr Fräser fort. »Er hat vier Jahre mit tausend Männern zusammengelebt, und jetzt muss er sich daran gewöhnen, mit einem Mädchen zu leben.«
Sie lächelte. »Mit allem, was du sagst, hast du recht. Ich glaube, ich musste es nur einmal von jemandem hören.«
»Jeder kann gute Ratschläge geben, wie Verwundete zu behandeln sind«, bemerkte Fräser, »aber es gibt Wunden, die nicht zu sehen sind.
Manchmal gehen sie tief.« Er sah den Blick auf Catherines Gesicht. »Ich meine nichts Ernstes«, fügte er schnell hinzu. »Ich spreche nur über die Gräuel, die jeder Frontsoldat zu sehen gezwungen ist. Wenn der Mann nicht ein Rohling ist, muss so etwas eine enorme Wirkung auf seine seelische Verfassung haben. Verstehst du, was ich meine?« Catherine nickte. »Ja.« Die Frage war: Was für eine Wirkung hatte es gehabt?
Als Catherine endlich zu ihrer Arbeit zurückkehrte, waren die Leute in der Agentur überglücklich sie wieder zu sehen. Während der ersten drei Tage tat sie fast nichts anderes, als Werbekampagnen und Entwürfe für neue Klienten nachzuholen und zu bearbeiten. Sie arbeitete von frühmorgens bis spät in die Nacht, versuchte die Zeit, die sie verloren hatte, wieder einzuholen, plagte Texter und Sketchschreiber und beruhigte
nervöse Klienten. Sie verstand ihren Job ausgezeichnet, und sie liebte ihn.
Larry pflegte auf Catherine zu warten, wenn sie abends nach Hause kam. Anfangs hatte sie ihn gefragt, was er in ihrer Abwesenheit tat; aber seine Antworten waren stets vage, und schließlich fragte sie ihn nicht mehr. Er hatte eine Mauer zwischen ihnen errichtet, und sie wusste nicht, wie sie eine Bresche schlagen sollte. Er war über fast alles, was Catherine sagte, beleidigt, und es gab andauernd Streit wegen Kleinigkeiten. Gelegentlich aßen sie mit Fräser zu Abend, und sie gab sich große Mühe, diese Abende fröhlich und heiter zu gestalten, damit Fräser nicht merkte, dass etwas nicht stimmte.
Aber Catherine musste der Tatsache ins Auge blicken, dass irgend etwas ganz und gar nicht stimmte. Sie fühlte, dass es zum Teil ihre Schuld war. Sie liebte Larry noch immer. Sie liebte sein Aussehen, seinen Körper, und sie liebte die Erinnerung an ihn, aber sie wusste, wenn er so weitermachte, würde er sie beide zugrunde richten.
Sie aß mit William Fräser zu Mittag.
»Wie geht es Larry?« fragte er.
Die automatische Antwort: »Großartig« wollte auf ihre Lippen kommen, und sie hielt inne. »Er braucht eine Stellung«, sagte Catherine unverblümt.
Fräser lehnte sich zurück und nickte. »Fängt er an, unruhig zu werden, weil er ohne Arbeit ist?«
Sie zögerte, wollte nicht lügen. »Er will nicht irgend etwas tun«, sagte sie vorsichtig. »Er müsste das Richtige finden.«
Fräser blickte sie prüfend an, versuchte herauszuhören, was hinter ihren Worten steckte.
»Würde es ihm liegen, Pilot zu sein?«
»Er will nicht in den Militärdienst zurück.«
»Ich dachte an eine der Fluglinien. Ich habe einen Freund, der Direktor bei der PAN AM ist. Die würden sich glücklich schätzen, jemanden mit Larrys Erfahrung zu bekommen.«
Catherine saß da und dachte darüber nach; sie versuchte, sich an Larrys Stelle zu versetzen. Er liebte das Fliegen mehr als irgend etwas auf der Welt. Es wäre ein guter Job, er würde genau zu ihm passen. »Es – es klingt wunderbar«, sagte sie behutsam. »Glaubst du wirklich, du könntest ihm diesen Job verschaffen, Bill?«
»Ich werde es versuchen«, sagte er. »Warum horchst du Larry nicht zuerst aus, was er davon hält?«
»Das werde ich tun.« Catherine nahm dankbar seine Hand in die ihre. »Tausend Dank.«
»Wofür?« fragte Fräser leichthin.
»Dafür, dass du immer da bist, wenn ich dich brauche.«
Er legte seine Hand auf die ihre. »Das gehört eben dazu.«
Als Catherine an jenem Abend Larry von Bill Fräsers Vorschlag berichtete, sagte er: »Das ist die beste Idee, die ich seit meiner Heimkehr gehört habe«, und zwei Tage später hatte er eine Verabredung mit Carl Eastman in der Zentrale der PAN AM in Manhattan. Catherine bügelte ihm seinen Anzug aus, wählte Hemd und Krawatte und putzte seine Schuhe so glänzend, dass sie sich darin spiegeln konnte. »Ich werde dich so bald wie möglich anrufen und dich wissen lassen, wie es gegangen ist.« Er küsste sie, lächelte sein jungenhaftes Lächeln und ging.
In vielerlei Hinsicht war Larry wirklich wie ein kleiner Junge, dachte Catherine. Er konnte reizbar, jähzornig, mürrisch sein, aber er war auch liebevoll und großzügig.
»Pech«, seufzte Catherine. »Ausgerechnet ich muss der einzige perfekte Mensch auf der ganzen Welt sein.«
Sie hatte sehr viel Arbeit vor sich, aber sie war außerstande, an etwas anderes zu denken als an Larry und seine Verabredung. Sie hatte das Gefühl, dass ihre ganze Ehe von dem abhing, was jetzt geschehen würde.
Es sollte der längste Tag in ihrem Leben werden.
Die Zentrale der PAN AM befand sich in einem modernen
Gebäude zwischen der Fifth Avenue und der 53. Straße. Carl Eastmans Büro war geräumig und bequem ausgestattet, er hatte offensichtlich eine wichtige Stellung inne.