Выбрать главу

»Ich will mich erst vergewissern. Warte hier auf mich.«

Sie blickte ihn überrascht an. »Wo willst du denn hin?«

»Nur wenige Schritte zurück zu der Abzweigung.« Seine Stimme klang gezwungen und unnatürlich.

»Ich komme mit dir.«

»Ich schaffe es allein schneller, Catherine. Ich will nur die Stelle überprüfen, an der wir das letzte Mal abgebogen sind.« Es klang ungeduldig. »In zehn Sekunden bin ich wieder da.«

»Gut«, und sie fügte sich voller Unbehagen.

Catherine blieb zurück und sah Larry nach, der sich umgedreht hatte und in die Dunkelheit eindrang, aus der sie gekommen waren, eingehüllt von einem Strahlenkranz aus Licht, wie ein schwebender Engel in den Eingeweiden der Erde. Einen Augenblick später war das Licht verschwunden, und sie war in der schwärzesten Dunkelheit versunken, die sie je erlebt hatte. Zitternd stand sie da, zählte in Gedanken die Sekunden. Und dann die Minuten.

Larry kam nicht zurück.

Catherine wartete, spürte die Finsternis um sich wie eine drohende, unsichtbare Dünung. Sie rief laut: »Larry!« Ihre Stimme war rau und unsicher, und sie räusperte sich und versuchte es noch einmal lauter: »Larry!« Sie konnte hören, wie der Laut schon wenige Schritte von ihr entfernt erstarb, von der Finsternis gemordet. Es war, als ob hier nichts leben

könnte, und Catherine begann die ersten tastenden Fühler des Entsetzens zu spüren. Selbstverständlich ist Larry gleich wieder da, sagte sie sich. Ich brauche nur hier stehen zubleiben und ruhig abzuwarten.

Die drohenden Minuten krochen vorbei, und sie begann sich vor Augen zu halten, dass etwas Furchtbares passiert sein musste. Larry konnte einen Unfall erlitten haben. Er konnte auf losen Steinen ausgeglitten und mit dem Kopf gegen einen der kantigen Vorsprünge an den Seitenwänden geschlagen sein. Vielleicht lag er in diesem Augenblick wenige Schritte von ihr entfernt auf dem Boden und verblutete. Oder vielleicht hatte er sich verirrt. Die Taschenlampe konnte ausgegangen sein, und er war vielleicht irgendwo in den Eingeweiden der Höhle gefangen wie sie.

Das Gefühl des Erstickens begann Catherine zu packen, würgte sie, erfüllte sie mit sinnloser Panik. Sie drehte sich um und begann sich langsam in die Richtung vorzutasten, aus der sie gekommen war. Der Tunnel war eng, und falls Larry irgendwo hilflos und verletzt auf dem Boden lag, fand sie ihn vielleicht. Bald würde sie die Stelle erreichen, an der der Gang sich geteilt hatte. Sie bewegte sich vorsichtig, lose Steine rollten ihr unter den Füßen fort. Sie glaubte, in der Ferne einen Laut wahrzunehmen, und blieb stehen, um zu lauschen. Larry ? Er war verklungen, und sie bewegte sich weiter vor, und dann hörte sie wieder etwas. Es war ein schwirrendes Geräusch, so als ob jemand ein Tonbandgerät ablaufen ließe. Hier unten war jemand!

Catherine schrie laut auf und lauschte dann, wie der Klang ihrer Stimme von der Stille ertränkt wurde. Da war es wieder! Das schwirrende Geräusch. Es kam auf sie zu. Es wurde lauter, raste ihr mit einem heftigen, heulenden Windstoß entgegen. Es kam näher und näher. Plötzlich sprang es sie in der Dunkelheit an; kalte und klamme Haut streifte ihre Wange und küsste ihre Lippen, und sie spürte etwas auf ihrem Kopf krabbeln und scharfe Klauen in ihrem Haar, und ihr Gesicht wurde von zahllosen Schlägen wild trommelnder Schwingen eines namenlosen Gräuels getroffen, der sie in der Dunkelheit überfiel.

Sie wurde ohnmächtig.

Sie lag auf scharfen, spitzen Steinen, und die Schmerzen brachten sie zum Bewusstsein. Ihre Wange war warm und klebrig, und es dauerte eine Minute, bis Catherine begriff, dass es ihr eigenes Blut war. Sie erinnerte sich an die Schwingen und Klauen, die sie im Dunkeln attackiert hatten, und sie begann zu zittern.

In der Höhle gab es Fledermäuse.

Sie versuchte, sich an alles zu erinnern, was sie von Fledermäusen wusste. Irgendwo hatte sie gelesen, dass sie fliegende Ratten wären und in Scharen von Tausenden aufträten. Das einzige, was sie ihrem Gedächtnis noch entlocken konnte, war, dass es blutsaugende Fledermäuse, Vampire, gäbe, und diesen Gedanken verdrängte sie schleunigst wieder. Widerstrebend setzte Catherine sich auf, ihre aufgeschürften Handflächen brannten wie Feuer.

Du kannst hier nicht sitzen bleiben, sagte sie sich, du musst aufstehen und etwas unternehmen. Unter Schmerzen zwang sie sich auf die Füße. Sie hatte einen Schuh verloren, und ihr Kleid war zerrissen, aber Larry würde ihr morgen ein neues kaufen. Sie stellte sich vor, wie sie beide in den kleinen Laden im Ort unten gingen, lachend und glücklich, und für sie ein weißes Sommerkleid kauften, aber irgendwie wurde aus dem Kleid ein Fetzen, und wieder geriet sie in Panik. Sie musste sich zwingen, weiter an morgen zu denken und nicht an den Alptraum, der sie hier umfing. Sie musste weitergehen. Doch in welche Richtung? Sie hatte sich um sich selbst gedreht. Wenn sie in die falsche Richtung ging, würde sie noch tiefer in die Höhle geraten, aber sie wusste, dass sie hier nicht bleiben durfte. Catherine versuchte zu schätzen, wie viel Zeit vergangen war, seit sie die Höhle betreten hatten. Es musste eine Stunde her sein, vielleicht sogar zwei Stunden. Sie konnte unmöglich wissen, wie lange sie bewusstlos gewesen war. Bestimmt würde man nach Larry und ihr suchen. Aber was würde werden, wenn niemand sie vermisste? Es wurde nicht registriert, wer die Höhle betrat und sie verließ. Sie konnte für immer hier unten sein.

Sie zog den anderen Schuh aus und begann zu gehen, machte langsame, behutsame Schritte, streckte ihre brennenden Hände aus, um zu vermeiden, dass sie gegen die rauen Seiten des Tunnels stieß. Die längste Reise beginnt mit einem einzigen Schritt, sagte sich Catherine. Das sagen die Chinesen, und wie weise sie sind! Sie haben das Feuerwerk und Chop Suey erfunden und waren zu klug, sich in einer dunklen Höhle unter der Erde zu verirren, wo niemand sie finden konnte. Wenn ich weitergehe, werde ich auf Larry oder einige Touristen stoßen, und dann kehren wir ins Hotel zurück und nehmen einen Drink und lachen über das Ganze. Alles, was ich tun muss, ist weitergehen.

Plötzlich blieb sie stehen. In der Ferne konnte sie wieder das schwirrende Geräusch hören, das wie ein gespenstischer Geisterexpress auf sie zuraste, und sie zitterte am ganzen Körper und schrie. Einen Augenblick später waren sie über ihr, zu Hunderten, schwärmten über sie, schlugen mit ihren kalten, klammen Schwingen nach ihr und bedeckten sie mit ihren pelzigen Rattenkörpern in einem Alptraum unaussprechlichen Entsetzens.

Das letzte, woran sie sich erinnerte, ehe sie das Bewusstsein verlor, war, dass sie Larrys Namen rief.

Sie lag auf dem kalten, feuchten Boden der Höhle. Ihre Augen waren geschlossen, aber ihr Verstand war plötzlich hellwach, und sie dachte: Larry will mich töten. Es war, als ob ihr Unterbewusstsein ihr diesen Gedanken eingegeben hätte. In einer Reihe kaleidoskopartig aufleuchtender Bilder hörte sie

Larry sagen: Ich liebe eine andere ... ich will die Scheidung ..., und Larry kam mit ausgestreckten Händen durch die Wolke auf dem Berggipfel auf sie zu ... Sie erinnerte sich, wie sie den steilen Berg hinunterblickte und sagte: Es wird lange dauern, wieder hinunter zu steigen, und wie Larry sagte: Nein, nicht sehr... Und sie hörte Larry sagen: Wir brauchen keinen Führer ... Ich glaube, wir haben die falsche Richtung eingeschlagen. Warte hier ... ich bin in zehn Sekunden zurück ... Und dann kam die entsetzliche Finsternis.

Larry hatte gar nicht zu ihr zurückkommen wollen. Die Aussöhnung, die Hochzeitsreise ... das waren alles Vorspiegelungen, Teile eines Plans, sie zu ermorden. Die ganze Zeit über, als sie selbstgefällig Gott gedankt hatte, dass er ihr eine zweite Chance gab, hatte Larry geplant, sie zu töten. Und es war ihm gelungen, denn Catherine wusste, dass sie niemals hier herauskommen würde. Sie war lebendig in dieser schwarzen Gruft des Grauens begraben. Die Fledermäuse waren fort, aber sie spürte und roch den schmutzigen Schleim, den sie überall auf ihrem Gesicht und ihrem Körper zurückgelassen hatten, und sie wusste, dass sie wiederkommen würden. Sie wusste nicht, ob sie bei einem neuen Überfall ihren Verstand behalten würde. Bei dem Gedanken begann sie wieder zu zittern, und sie zwang sich, langsam und tief zu atmen.