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General Galligasken befahl, die fliehende Armee zu verfolgen; man nahm ein paar Versprengte gefangen und erbeutete ebenso viele Pferde und ein paar Wagenladungen Proviant, aber die eigentliche Kolonne konnte in den Wäldern und Hügeln untertauchen; Galligasken wollte nicht in einen Hinterhalt geraten und ließ es dabei bewenden. Die Schlacht sollte später »Schlacht von Mascouche« genannt werden. (»Mascouche« hieß eine Halde ganz in der Nähe.) Es war alles in allem ein mitreißender Sieg, auch wenn es uns nicht gelungen war, das chinesische Geschütz zu erbeuten; es hatte weit hinten im Rücken der Deutschen gestanden und war, noch bevor wir die Stellung ganz aufgerollt hatten, zerlegt und davongeschafft worden.

In den Nachwehen der Schlacht fand ich Sam und Julian wieder, beide mehr oder weniger unverletzt. Galligasken ließ ein neues Lager am Fluss aufschlagen, während Vorräte herangekarrt und Feldlazarette für die Verwundeten errichtet wurden. Als der Abend hereinbrach, lagen wir mit vollem Bauch in unseren Zelten und ruhten uns aus. Es war ein ungewöhnlich lauer und freundlicher Abend, süß wie Aprilbutter, und der Mond schien hell und unbekümmert um das vergossene Blut, das hier unten gerann.

Julian sagte sehr wenig an diesem Abend. Ich hatte Angst um ihn, obwohl er den Kampf überlebt und nur diesen kleinen Kratzer davongetragen hatte. Es schien, als habe er während der aufwühlenden Ereignisse des Tages etwas ähnlich Lebenswichtiges wie Blut verloren.

Als wir unser Bettzeug ausrollten, lehnte er sich herüber und flüsterte: »Ich weiß nicht, wie viele Menschen ich heute getötet habe, Adam.«

»Genug, um zum Sieg beizutragen«, sagte ich.

»Ist das ein Sieg? Was wir heute erlebt haben? War das nicht eher ein Feuer im Leichenhaus?«, sagte er. »Es ist bitter, einen Fremden zu töten — schlimmer ist es, abertausend Fremde zu töten.«

Eine rhetorische Übertreibung, gewiss; aber so flach, wie seine Stimme klang, sagte sie, dass seine Verletzung zu tief war für Worte. Und ich weiß, wovon ich rede. Einem Mitmenschen eine Kugel ins Herz oder ins Hirn zu feuern — selbst wenn er dasselbe mit dir machen will — erzeugt etwas, das man eine unvereinbare Erinnerung nennen könnte: eine Erinnerung, die auf dem Alltag schwimmt wie ein Ölfleck auf dem Wasser. Rüttele die Regentonne, zerstreue das Öl in zahllose Fleckchen, zerschlage es, verrühre es, und es wird sich nicht mit dem Wasser vermischen; und zum Schluss ist der schillernde Fleck wieder da, so abscheulich intakt wie eh und je.

»Wir werden nie wieder sein, was wir einmal waren«, flüsterte Julian.

Ich setzte mich entrüstet auf. »Ich bin immer noch Adam Hazzard. Adam Hazzard von Williams Ford hat sich nicht verabschiedet, Julian. Er ist einfach nur in den Krieg gezogen. Eines Tages zieht er woandershin. Vielleicht nach New York City.«

Julian schöpfte augenscheinlich etwas Trost aus meiner schlichten Philosophie, denn er nahm meine Hand und sagte mit zittriger Stimme: »Danke, dass du das gesagt hast, Adam.«

»Schlaf drüber«, riet ich ihm. »Vielleicht brauchen wir morgen keinen zu töten, und du kommst wieder zu dir.«

Doch ich fand nicht in den Schlaf, ebenso wenig wie Julian; wir waren erschöpft und lagen wach, während der Mond auf das Schlachtfeld schien, auf dem wir die Deutschen geschlagen hatten; und auf die Lazarettzelte mit ihren Abfällen an amputierten Gliedern und auf den mit Blut versetzten Fluss, der sein Wasser in den mächtigen Sankt Lorenz trug, der es dann irgendwann ins offene Meer entließ.

4

Wegen des humanen Führungsstils von General Galligasken brauchte die Laurentische Armee am folgenden Tag nicht zu kämpfen und auch nicht hinter dem Feind herzumarschieren; wir durften bleiben, wo wir waren, und begruben unsere Toten und bauten unsere Stellung aus für den Fall, dass die Deutschen ihren Brückenkopf zurückerobern wollten.

In knapp einem Monat würde dieses Land eine dampfende Gehenna sein, ein Paradies für Moskitos und Bremsen, die sich an Menschen- und Tierfleisch labten; und unsere Märsche, sollte es dazu kommen, würden ein unmenschlicher Härtetest werden. Die Lazarettzelte, wo sie noch nicht mit Verwundeten belegt waren, beherbergten schon eine ganze Reihe von Männern mit »Sommerdurchfall«, und es lauerte immer die Gefahr, dass Cholera ausbrach oder sonst eine ansteckende Krankheit. Unser Trinkwasser nahmen wir aus Flüssen, denn das aus den Armeefässern war abgestanden und muffig; wir hofften das Beste.

Doch das ruhige und milde Wetter hielt noch ein paar Tage an. Am Sonntagnachmittag nach dem Dominion-Gottesdienst (der nicht nur aus dem feierlichen Teil bestand) legte sich eine allgemeine Abgespanntheit über das Lager, und ich wanderte zwischen den Zelten umher wie ein Aristokrat, der durch seinen Park schlendert (obwohl aristokratische Parks im Allgemeinen besser riechen als Feldlager).

Ich spazierte also von einem Sonnenschein zum nächsten und summte vor mich hin, als ich etwas hörte, das mich stutzig machte.

Nun gibt es in einem Heerlager alle erdenklichen Geräusche: Pioniere, die aus unerfindlichen Gründen Bäume fällen; Hufschmiede, die mit Hammer und Amboss zu Werke gehen; Infanteristen beim Übungsschießen und jede Menge andere, nicht minder geräuschvolle Verrichtungen. Aber weil Sonntag war, unterblieben diese Tätigkeiten. Was ich gewahrte, war ein Geräusch, das sich aus der Entfernung anhörte, wie wenn ein Specht auf einen Baum klopft oder ein Trommler sich auf dem Rand seines Instruments vergebens an einem ungewöhnlichen Rhythmus versucht. Doch das Geräusch schien spröder, mechanischer als das; und als meine Neugier einmal geweckt war, konnte ich an nichts anderes mehr denken, als der Sache auf den Grund zu gehen.

Die Quelle des Geräuschs, wie ich bald herausfand, war höchstwahrscheinlich ein viereckiges Zelt auf einer ansteigenden Wiese, die sich weiter östlich zu einem ansehnlichen Hügel mauserte. Der Zelteingang war offen; also stelzte ich vorbei, die Hände auf dem Rücken, Gleichgültigkeit mimend, aber doch ein oder zwei beiläufige Blicke nach innen werfend. Aber ich konnte mit dem besten Willen nichts erkennen — meine Sicht wurde nicht bloß durch den Zeltschatten beeinträchtigt, sondern auch durch einen feinen Treibnebel aus Tabak- und Hanfrauch, der sich überschlagend in den Sonnenschein entwich, dass man meinen konnte, das Zelt sei lebendig und atme; und ich musste mehrmals vorbeikommen, um die wahre Ursache für so viel Rauch und Krach auszumachen: Es war ein Mann, der an einem zerbrechlich wirkenden Holztisch saß und mit einer Maschine zugange war.

Mein Bemühen, nicht aufzufallen, war nicht von Erfolg gekrönt, denn als ich das siebte oder achte Mal vorbeischaute, rief der geheimnisvolle Mann: »Schluss mit der Hampelei da draußen! Reinkommen oder Land gewinnen — eins von beiden.« Seine Stimme war rau, und er redete mit einem nasalen Akzent, der an Julian erinnerte.

»Ich wollte Sie nicht stören, tut mir leid«, sagte ich hastig.

»Gestört war ich schon, bevor Sie aufgetaucht sind; was noch lange nicht … Was starren Sie denn so?«

»Diese Maschine«, sagte ich, tat einen dreisten Schritt ins schattige Innere und widerstand der beinah unwiderstehlichen Versuchung, den Atem anzuhalten. Als sich meine Augen an die trübe Helligkeit gewöhnten, sah ich, dass der Mann mit Aschenbecher, Pfeife, Tabakbeutel und Flachmann bewaffnet war; Letzterer erklärte den Übergeruch von Alkohol in dieser schwindelerregenden Mischung aus Moschusdüften. Der Mann sah nicht aus wie ein Infanterist und schien tatsächlich ein Zivilist zu sein. Seine Sachen waren fadenscheinig und an etlichen Stellen ausgebessert, ließen aber auf Geschmack und Qualität schließen. Der Hut hatte eine schmale Krempe und war tief in die Stirn gezogen.

Doch das war nur eine flüchtige Analyse, denn ich fand die Maschine weit interessanter. Sie war nicht viel größer als ein großzügig bemessener Brotkasten und sah von außen so ausgeklügelt aus wie eine Taschenuhr von innen und war in schwarzem Emaille gehalten und mit ganz vielen runden, weißen Knöpfen mit einem silbernen Kragen besetzt, von denen jeder Einzelne mit einem schwarzen Buchstaben beschriftet war. Dahinter, am oberen Ende der Maschine, saß ein Blatt Papier fest um einen nudelholzförmigen Zylinder gespannt; auf dem Papier waren Buchstaben gedruckt.