Emíl war in seinem Zimmer, und er zeigte ihm den Brief.
Emíl schnaubte verächtlich. Er hatte eine starke Abneigung gegen Hannes und alles, wofür er stand, entwickelt, und er hielt nicht mit seiner Meinung hinter dem Berg.
»Der spinnt ja«, sagte Emíl. »Nimm das bloß nicht ernst.«
»Aber warum behauptet er das?«
»Tómas«, sagte Emíl. »Denk nicht weiter darüber nach. Er versucht bloß, die Schuld für sein eigenes Fehlverhalten anderen zuzuschieben. Er hätte Leipzig schon lange verlassen sollen.«
Er sprang auf, schnappte sich seinen Mantel und zog ihn im Laufen an, während er das Haus verließ. Er rannte quer durch die Stadt, bis er vor Ilonas Wohnungstür stand und anklopfte. Die Vermieterin öffnete die Tür und ließ ihn herein. Ilona schien gerade aufbrechen zu wollen, sie war bereits im Mantel und setzte sich eine Mütze auf. Sie erschrak, als Tómas hereinkam, sie sah sofort, dass er aufgewühlt war.
»Was ist los?«, fragte sie und trat zu ihm.
Er schloss die Tür.
»Hannes glaubt, dass ich etwas damit zu tun habe, dass er von der Uni geflogen und nach Island abgeschoben worden ist. Als hätte ich ihn denunziert!«
»Was sagst du da?«
»Er gibt mir die Schuld daran, dass er relegiert wurde!«
»Mit wem hast du gesprochen?«, fragte Ilona. »Nach deinem Treffen mit Hannes?«
»Nur mit dir und mit den anderen Isländern. Ilona, was hast du neulich gemeint mit den jungen Leuten in Leipzig, die angeblich dieselben Anschauungen haben wie Hannes? Was für Leute sind das? Woher kennst du sie?«
»Hast du mit niemand anderem gesprochen? Bist du sicher?«
»Nein, nur mit Lothar. Was weißt du über die jungen Leute in Leipzig?«
»Hast du Lothar erzählt, was Hannes für Ansichten hat?«
»Ja. Was meinst du eigentlich? Er weiß alles über Hannes.« Ilona starrte ihn an und schien fieberhaft zu überlegen.
»Kannst du mir nicht sagen, was hier eigentlich vorgeht?«, bat er sie.
»Wir wissen nicht ganz genau, wer Lothar ist«, sagte Ilona. »Könnte es sein, dass dir irgendjemand hierher gefolgt ist?«
»Mir gefolgt ist? Was meinst du damit? Was soll das heißen? Alle wissen doch genau, wer Lothar ist?«
Ilona starrte ihn an. Er hatte sie nie so ernst gesehen, beinahe angsterfüllt. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was um ihn herum vorging. Er wusste nur, dass ihn Schuldgefühle wegen Hannes peinigten. Weil Hannes glaubte, dass er die Schuld daran trug, wie es ihm ergangen war. Er hatte doch nichts getan. Gar nichts.
»Du kennst das System. Es ist riskant, zu viel zu sagen.«
»Zu viel! Ich bin doch kein Baby, ich weiß, dass man hier überwacht wird.«
»Natürlich weißt du das.«
»Ich habe nur mit meinen Freunden darüber geredet. Das ist doch nicht verboten! Es sind meine Freunde. Was geht hier eigentlich vor, Ilona?«
»Bist du sicher, dass dich niemand beschattet hat?«
»Mich hat niemand beschattet«, sagte er. »Was soll das? Weswegen sollte jemand mich beschatten? Wovon redest du eigentlich?« Dann dachte er einen Augenblick nach und sagte: »Ich weiß nicht, ob mir jemand gefolgt ist. Ich habe nicht darauf geachtet. Warum sollte mir jemand folgen? Und wer soll das denn sein?«
»Ich weiß es nicht«, erwiderte sie. »Komm, wir gehen zur Hintertür raus.«
»Wohin gehen wir?«
»Komm«, sagte sie.
Ilona nahm ihn bei der Hand und führte ihn durch die kleine Küche, wo die Vermieterin saß und strickte. Sie schaute hoch und lächelte, und sie erwiderten das Lächeln und verabschiedeten sich. Sie traten hinaus in einen dunklen Hinterhof, kletterten über einen Zaun und gelangten in eine schmale Gasse. Er wusste nicht, wie ihm geschah. Warum lief er bei Nacht und Nebel hinter Ilona her und blickte sich andauernd um, ob ihnen jemand auf den Fersen war? Sie hielten sich abseits der befahrenen Straßen. Manchmal blieb Ilona stocksteif stehen und lauschte auf Schritte. Dann ging sie wieder weiter und er hinter ihr her. Nach einem langen Marsch kamen sie in eine der Neubausiedlungen, die jetzt am Stadtrand errichtet wurden. Einige der Gebäude waren halb fertig, noch ohne Fenster und Türen, andere waren bereits bezogen worden. Sie betraten einen der Häuserblocks, der bereits zum großen Teil fertig gestellt war, und liefen in den Keller. Dort klopfte Ilona an eine Tür. Er hörte Stimmen von drinnen, die plötzlich verstummten, als geklopft wurde. Die Tür ging auf. Zehn Leute standen in der kleinen Wohnung und blickten die beiden Neuankömmlinge auf dem Flur forschend an. Ilona trat ein, begrüßte alle und stellte ihn vor.
»Er ist ein Freund von Hannes«, sagte sie. Sie schauten ihn an und nickten.
Ein Freund von Hannes, dachte er perplex. Wieso kannten diese Leute Hannes? Er war völlig konfus. Eine Frau aus der Gruppe trat vor und gab ihm die Hand. »Weißt du, was passiert ist?«, fragte sie. »Weißt du, warum sie ihn relegiert haben?« Er schüttelte den Kopf.
»Ich habe keine Ahnung«, sagte er. Er betrachtete die Gruppe. »Wer seid ihr?«, fragte er. »Woher kennt ihr Hannes?«
»Ist euch jemand gefolgt?«, fragte die Frau Ilona. »Nein«, sagte Ilona. »Tómas weiß nicht, was hier vor sich geht, und ich wollte, dass er es von euch hört.«
»Wir wussten, dass man Hannes observiert hat«, sagte die Frau. »Nachdem er sich geweigert hat, für sie zu arbeiten. Sie haben nur auf eine günstige Gelegenheit gewartet, um ihn abschieben zu können.«
»Was wollten sie denn von ihm?«
»Sie nennen es Dienst an der SED und den Werktätigen.« Ein Mann aus der Gruppe trat vor und ging auf ihn zu. »Er war immer vorsichtig«, sagte der Mann. »Er hat stets darauf geachtet, nichts zu sagen, was ihn in Schwierigkeiten bringen konnte.«
»Erzählt ihm von Lothar«, sagte Ilona. Die Spannung hatte ein wenig nachgelassen. Einige setzten sich wieder. »Lothar ist Tómas’ Betreuer.«
»Ist euch jemand gefolgt?«, wiederholte einer aus der Gruppe und schaute Ilona besorgt an.
»Nein, niemand«, sagte sie. »Das habe ich euch doch gesagt.
Ich habe aufgepasst.«
»Was ist mit Lothar?«, fragte er und konnte kaum glauben, was er hörte und sah. Er blickte sich in der kleinen Wohnung um und betrachtete die Leute, die ihn ängstlich und neugierig zugleich anstarrten. Ihm wurde klar, dass das hier ein Kadertreffen mit umgekehrten Vorzeichen war.
Das war nicht wie bei den Jungsozialisten daheim in Island, wenn sie Aktionen planten. Diese Leute kämpften nicht für den Sozialismus, sondern es war ein geheimes Treffen von Gegnern des Sozialismus. Soweit er begriff, trafen sich diese Leute heimlich, weil sie fürchteten, wegen staatsgefährdender Umtriebe bestraft zu werden.
Sie erzählten ihm von Lothar. Er war keineswegs in Berlin geboren, sondern in Bonn. Er hatte in Moskau studiert, wo er unter anderem Isländisch gelernt hatte. Seine Aufgabe war es, die Studenten an der Universität für die Partei zu rekrutieren. Er freundete sich vor allem mit ausländischen Studierenden an, die in Städten wie Leipzig ihre Ausbildung machten und später womöglich von Nutzen sein konnten. Es war Lothar gewesen, der versucht hatte, Hannes dazu zu bewegen, für ihn und die Partei zu arbeiten.