Выбрать главу

»Sie machen das vielleicht auch heute noch?«, warf Sigurður Óli ein.

»Das geht Sie nichts an«, erklärte Quinn, der jetzt nicht mehr lächelte. »Wir haben in unserem Archiv recherchiert. Bob konnte sich gut an die Sache erinnern. Alle fanden das damals mysteriös, aber man hat nie herausgefunden, was eigentlich gespielt wurde. Also, laut unseren Unterlagen — und ich habe mich auch ausführlich mit Bob darüber unterhalten — verhält es sich so, dass ein Angehöriger der DDR-Vertretung ins Land kam, wir aber nie feststellen konnten, dass er Island wieder verlassen hat.« Elínborg und Sigurður Óli schauten Quinn an, ohne eine Miene zu verziehen.

»Sie möchten vielleicht, dass ich das wiederhole«, sagte Quinn. »Ein Angehöriger der DDR-Vertretung ist eingereist, aber nicht mehr ausgereist. Unseren Unterlagen zufolge, die ziemlich zuverlässig sind, befindet er sich entweder immer noch in Island und ist dann allerdings nicht mehr im diplomatischen Dienst, oder er ist umgebracht worden, die Leiche wurde versteckt oder vielleicht sogar außer Landes gebracht.«

»Sie haben ihn also hier in Island aus den Augen verloren?«, fragte Elínborg.

»Das ist der einzige Fall dieser Art, der uns bekannt ist«, sagte Quinn. »Das heißt, hier in Island. Der Mann war ein DDR-Spion, und als solcher war er bei uns bekannt. Auch unsere Botschaften in anderen Teilen der Welt haben nie wieder eine Spur von ihm entdeckt, nachdem er in Island verschwunden war. Unsere Botschaft wurde damals seinetwegen speziell gewarnt. Er ist nie wieder irgendwo aufgetaucht. Wir haben überprüfen lassen, ob er wieder in die DDR zurückgekehrt ist. Es hatte ganz den Anschein, als sei er vom Erdboden verschluckt worden. Von isländischem Erdboden.«

Elínborg und Sigurður Óli ließen sich seine Worte durch den Kopf gehen.

»Hätte er zur gegnerischen Seite, mit anderen Worten zu Ihrer oder der der Briten und Franzosen, überwechseln können?«, fragte Sigurður Óli, der angestrengt die Thriller und Spionagefilme zu rekapitulieren versuchte, die er gelesen oder im Kino gesehen hatte. »Und dass er deswegen untergetaucht ist«, fügte er hinzu, ohne eigentlich zu wissen, was er genau damit meinte. Er interessierte sich nicht besonders für Spionagethriller.

»Ausgeschlossen«, sagte Quinn. »Das wäre uns nicht entgangen.«

»Aber könnte er nicht einen Decknamen verwendet haben, als er das Land verließ?«, gab Elínborg zu bedenken, die genau wie Sigurður Óli völlig im Dunkeln tappte.

»Wir kannten die meisten von ihnen«, sagte Quinn. »Und die Botschaften aus dem anderen Lager wurden intensiv überwacht. Wir sind davon überzeugt, dass dieser Mann das Land nicht verlassen hat.«

»Vielleicht doch, aber nicht auf dem Wege, wie Sie denken?«, sagte Sigurður Óli. »Vielleicht mit einem Schiff?«

»Auch dieser Möglichkeit sind wir nachgegangen«, entgegnete Quinn. »Und ohne allzu detailliert darauf einzugehen, wie wir gearbeitet haben beziehungsweise arbeiten, kann ich Ihnen versichern, dass dieser Mann offiziell nie wieder in der DDR aufgetaucht ist, wo er herkam, und genauso wenig in der Sowjetunion oder in irgendeinem anderen Land in Ost- oder Westeuropa. Er hat sich in Luft aufgelöst.«

»Was glauben Sie, was damals passiert ist? Oder was hat man damals geglaubt?«

»Sie haben ihn umgebracht und im Garten verscharrt«, sagte Quinn, ohne mit der Wimper zu zucken. »Sie haben ihren eigenen Agenten liquidiert. Oder, wie sich jetzt herauszustellen scheint, in diesem See versenkt, festgebunden an eins von ihren Abhörgeräten. Ich weiß nicht, warum. Nach dem, was wir in Erfahrung bringen konnten, hat er für keinen von uns, für keinen der NATO-Staaten gearbeitet. Er war kein Doppelagent. Falls er das doch gewesen sein sollte, wäre er auf jeden Fall so gut getarnt gewesen, dass niemand davon wusste, wahrscheinlich sogar er selber nicht so richtig.«

Quinn blätterte in den Unterlagen und sagte ihnen, dass der Mann das erste Mal Anfang der sechziger Jahre nach Island gekommen und einige Monate in der DDR-Vertretung tätig gewesen sei. »Anschließend hat er das Land wieder verlassen, im Herbst 1962. Nach einem kurzen Besuch 1964 hat er sich dann in Norwegen, in der DDR und einen Winter lang in Moskau aufgehalten. Danach tauchte er in der DDR-Botschaft in Argentinien auf und titulierte sich als Wirtschaftsreferent, so wie die meisten von ihnen«, sagte Quinn und lächelte wieder. »Bei uns war es genauso. 1967 war er wieder für einige Zeit an der hiesigen DDR-Vertretung tätig, fuhr von hier aus nach Deutschland zurück und anschließend nach Moskau. Im Frühjahr 1968 kam er wieder nach Island, und im Herbst 1968 verschwand er von der Bildfläche.«

»Im Herbst 1968?«, wiederholte Elínborg.

»Da haben wir festgestellt, dass er nicht mehr an der Botschaft tätig war. Wir haben die Sache über bestimmte Kanäle unter die Lupe genommen, und es stellte sich heraus, dass er nirgends aufzufinden war. Die DDR hatte zwar in Reykjavik keine Botschaft im eigentlichen Sinne, sondern nur eine so genannte Handelsvertretung, aber das ist wohl nebensächlich.«

»Was wissen Sie über diesen Mann?«, hakte Sigurður Óli nach. »Besaß er Freunde hierzulande? Oder Feinde in seinem Heimatland? Wissen Sie, ob irgendein Fehlverhalten seinerseits bekannt geworden ist?«

»Nein, wie gesagt, derartige Informationen haben wir nicht. Aber wir wissen natürlich nicht alles. Wir haben den Verdacht, dass im Herbst 1968 etwas vorgefallen sein muss, aber wir wissen nicht, was. Er kann ebenso gut den Staatsdienst quittiert und sich abgesetzt haben. Er wusste genau, wie man es anstellt, wenn man untertauchen will. Sie können diese Informationen deuten, wie es Ihnen beliebt. Das ist alles, was wir wissen.«

Er zögerte einen Moment. »Vielleicht ist er uns entwischt«, sagte er dann. »Vielleicht gibt es für all das eine ganz einfache Erklärung. Aber das ist jedenfalls das, was uns vorliegt. Doch jetzt müssen Sie mir noch eins sagen, Bob fragte danach. Wie wurde er getötet, der Mann im See?« Elínborg und Sigurður Óli blickten sich kurz an.

»Er bekam einen Hieb auf den Kopf. Dicht bei der Schläfe war ein Loch im Schädel.«

»Einen Hieb auf den Kopf?«, wiederholte Quinn.

»Es könnte auch durch einen Sturz verursacht worden sein, aber das wäre dann ein ziemlich tiefer Sturz gewesen«, sagte Elínborg.

»Es war also kein klarer Fall von Hinrichtung? Kein Schuss in den Nacken?«

»Hinrichtung?«, sagte Elínborg. »Wir sind hier in Island. Die letzte Hinrichtung hierzulande wurde mit dem Beil ausgeführt.«

»Ja, natürlich«, sagte Quinn. »Ich sage ja auch nicht, dass ein Isländer ihn umgebracht hat.«

»Können Sie etwas damit anfangen, dass er auf diese Weise ums Leben kam?«, fragte Sigurður Óli. »Falls es denn dieser Spion gewesen ist, der im Kleifarvatn lag.«

»Nein, gar nichts«, erwiderte Quinn. »Der Mann war ein Spion, und mit diesem Job ist ein gewisses Risiko verbunden.«

Er erhob sich. Elínborg und Sigurður Óli begriffen, dass das Gespräch aus seiner Sicht beendet war. Quinn legte die Mappe auf den Schreibtisch und schwieg. Sigurður Óli schaute Elínborg an.

»Wir bedanken uns«, sagte er, »und hoffen, dass Sie sich unseretwegen nicht allzu große Umstände machen mussten.« Er versuchte, sich an weitere Höflichkeitsfloskeln zu erinnern, aber ihm fiel nichts ein.

»Über mich gibt es hier keine Akte?«, fragte Elínborg munter, als sie aufstand.

»Bedaure, genauso wenig wie über ihn«, sagte Quinn, warf Sigurður Óli einen Seitenblick zu und lächelte.

Sie bedankten sich und traten auf den Flur hinaus. Im gleichen Augenblick kam Christopher Melville die Treppe hoch und ging ihnen entgegen, um sie hinauszubegleiten.

»Nur eins noch«, sagte Quinn.

»Was?«, fragte Sigurður Óli.

»Solche Kleinigkeiten vergisst man nur allzu leicht«, sagte Quinn.