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»Kleinigkeiten sind meist von enormer Bedeutung«, erklärte Sigurður Óli mit dem amerikanischen Diplom wichtigtuerisch.

»Ja, ich dachte, Sie würden vielleicht wissen wollen, wie er hieß«, sagte Quinn gelassen. »Der Spion, der spurlos verschwand.«

»Wie er hieß?«, sagte Sigurður Óli. »Haben Sie uns das nicht gesagt?«

»Nein, ich glaube, das habe ich noch nicht getan.« Ein knappes Lächeln flog über Quinns Gesicht.

»Und wie hieß er?«

»Er hieß Weiser«, sagte Quinn.

»Weiser«, wiederholte Elínborg.

»Ja«, sagte Quinn und warf einen Blick auf die Papiere, die er in der Hand hielt. »Sein Name war Lothar Weiser, und er wurde in Bonn geboren. Und interessanterweise sprach er Isländisch wie ein Einheimischer.«

Zwanzig

Noch am gleichen Tag wandten sie sich an die Deutsche Botschaft und ließen sich einen Termin geben. Sie nannten ihr Anliegen, damit die Botschaft Gelegenheit hatte, sich Informationen über Lothar Weiser zu verschaffen. Das Treffen wurde für Ende der Woche vereinbart. Elínborg und Sigurður Óli berichteten Erlendur darüber, was sie von Patrick Quinn erfahren hatten. Sie diskutierten über die Möglichkeit, dass der Mann im See ein DDR-Spion gewesen sein könnte. Einiges deutete darauf hin, vor allem das russische Gerät und der Fundort. Alle drei waren sie der Meinung, dass dieser Mord alles andere als typisch isländisch war. Dieser Fall schien eine Dimension zu haben, die alles überstieg, womit sie bisher konfrontiert worden waren. Er war brutal — aber alle Morde waren brutal. Wichtiger war, dass dieser Mord vorsätzlich geplant und so professionell ausgeführt worden war, dass er all diese Jahre verborgen bleiben konnte. Morde in Island waren normalerweise zufälliger, plumper und schlampiger, und die Täter hinterließen fast ausnahmslos Spuren.

»Vielleicht ist dieser Mann ja doch einfach gestürzt und und auf dem Kopf gelandet«, sagte Elínborg.

»Niemand landet auf dem Kopf und wird dann an ein russisches Abhörgerät gebunden und im Kleifarvatn versenkt«, sagte Erlendur.

»Kommst du mit dem Falcon vorwärts?«, fragte Elínborg.

»Überhaupt nicht«, sagte Erlendur. »Mir ist es bloß gelungen, Leopolds Frau zu beleidigen, die gar nicht begreifen will, wovon ich spreche.«

Erlendur hatte ihnen von den beiden Brüdern auf dem Hof erzählt und der vagen Theorie, dass der Falcon-Mann noch am Leben sein könnte und möglicherweise irgendwo auf dem Land lebte. Darüber hatten sie bereits gesprochen und ähnlich darauf reagiert wie die Frau. Sie fanden nicht, dass sie besonders viel in der Hand hatten, was diese Theorie stützte.

»Zu weit hergeholt für Island«, sagte Sigurður Óli. Elínborg stimmte ihm zu: »Denkbar in einer Millionenstadt.«

»Nur komisch, dass dieser Mann hier nirgendwo im System aufzufinden ist«, sagte Sigurður Óli.

»Genau«, sagte Erlendur. »Leopold, wie der Mann sich genannt hat, ist eine ganz schön mysteriöse Figur. Als Níels seinerzeit den Fall bearbeitete, hat er die Herkunft dieses Mannes nie wirklich ausgeleuchtet, weil er keinerlei Unterlagen fand. Der Fall wurde allerdings auch nicht als kriminelles Delikt behandelt.«

»Genauso wenig wie all die anderen Fälle von verschollenen Personen«, warf Elínborg ein.

»Es gibt nur ganz wenige Isländer mit diesem Namen, sowohl damals als auch heute. Und alle anderen, die so heißen, sind auffindbar. Ich habe mir das kurz angeschaut. Seine Verlobte sagt, dass er viel im Ausland gewesen sei. Kann schon sein, dass er sogar dort geboren wurde, schwer zu sagen.«

»Warum gehst du davon aus, dass er wirklich Leopold geheißen hat?«, fragte Sigurður Óli. »Ist doch eigentlich ein ziemlich merkwürdiger Name für einen Isländer.«

»Diesen Namen hat er sich zumindest zugelegt«, sagte Erlendur. »Kann sein, dass er andernorts einen anderen Namen verwendet hat, das ist sogar ziemlich wahrscheinlich. Über den Mann wissen wir nur, dass er eines Tages als Handelsreisender für Landmaschinen und Bagger auftaucht und als Verlobter einer einsamen Frau, die irgendwie zum Opfer des Ganzen wird. Sie weiß bitterwenig über ihn, trauert ihm aber immer noch nach. Seinen Hintergrund kennen wir nicht, und es existiert keine Geburtsurkunde. Schullaufbahn unbekannt. Wir wissen nur, dass er viel gereist ist, lange Zeit im Ausland gelebt hat, wo er. wie gesagt, vielleicht auch zur Welt gekommen ist. Er war so lange im Ausland, dass er einen leichten Akzent hatte.«

»Und wenn er sich am Ende doch einfach selbst umgebracht hat?«, sagte Elínborg. »Meiner Meinung nach ist diese Theorie über Leopolds Doppelleben ein reines Produkt deiner Fantasie.«

»Ist mir schon klar«, sagte Erlendur. »Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass er Selbstmord begangen hat und dass keine weiteren Geheimnisse dahinter stecken.«

»Ich find’s ganz schön hart, diese Frau mit so einem Quatsch zu belästigen«, sagte Elínborg. »Jetzt glaubt sie bestimmt, dass er noch am Leben sein könnte.«

»Das hat sie doch in ihrem Innersten die ganze Zeit geglaubt«, sagte Erlendur. »Dass er sie nur verlassen hat.« Sie schwiegen. Es war bereits später Nachmittag, und Elínborg schaute auf die Uhr. Sie probierte gerade eine neue Marinade für Geflügel aus. Sigurður Óli hatte Bergþóra einen Ausflug nach Þingvellir versprochen. Sie wollten den Sommerabend dort genießen und im Hotel übernachten. Das Wetter war so schön, wie es im Juni nur sein konnte. Es war warm, die Sonne schien, und die ganze Natur duftete.

»Und was machst du heute Abend?«, fragte er Erlendur.

»Nichts«, entgegnete Erlendur.

»Möchtest du vielleicht mit uns nach Þingvellir fahren?«, fragte er, konnte aber kaum verhehlen, welche Antwort er erhoffte. Erlendur musste lächeln. Ihre Fürsorglichkeit ihm gegenüber konnte einem auf die Nerven gehen. Manchmal, so wie jetzt, waren es nur höfliche Floskeln.

»Ich erwarte Besuch«, sagte er.

»Wie geht es Eva Lind?«, fragte Sigurður Óli und massierte sich die Schulter.

»Ich habe so gut wie nichts von ihr gehört«, sagte Erlendur.

»Ich weiß bloß, dass sie die Therapie durchgehalten hat, aber mehr auch nicht.«

»Was hast du da eben über diesen Leopold gesagt?«, warf Elínborg ein. »Hast du gesagt, dass er mit Akzent gesprochen hat?«

»Ja«, sagte Erlendur, »die Frau hat mir gesagt, dass er einen leichten ausländischen Akzent hatte. Wieso fragst du?«

»Dieser Lothar muss doch bestimmt auch einen Akzent gehabt haben«, sagte Sigurður Óli.

»Was meinst du damit?«, fragte Erlendur.

»Nur dass dieser Typ in der amerikanischen Botschaft gesagt hat, dass dieser Lothar Weiser fließend Isländisch gesprochen hat. Er hat doch bestimmt auch einen Akzent gehabt.«

»Das ist allerdings ein Punkt, den man ins Auge fassen muss«, sagte Erlendur.

»Dass es sich bei Leopold und Lothar womöglich um ein und dieselbe Person handelt?«, fragte Elínborg.

»Ja«, sagte Erlendur, »es ist meines Erachtens durchaus nicht abwegig, das in Betracht zu ziehen. Außerdem verschwinden beide im gleichen Jahr, 1968.«

»Dieser Lothar hätte sich also Leopold genannt?«, überlegte Sigurður Óli. »Und weshalb?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Erlendur. »Ich habe wirklich keinen blassen Schimmer, was dahinter steckt.« Sie schwiegen.

»Aber dann ist da noch das russische Gerät«, begann Erlendur wieder.

»Ja?«, sagte Elínborg.

»Leopold war auf dem Weg zum Hof von Haraldur. Wo sollte Haraldur ein russisches Abhörgerät herhaben, um ihn im Kleifarvatn zu versenken? Diesen Apparat kann man allerdings durchaus mit Lothar in Zusammenhang bringen, der ein Spion war. Da ist dann etwas passiert, was dazu geführt hat. dass er im See versenkt wurde. Aber Haraldur und Leopold, die passen nicht ins Bild.«

»Haraldur behauptet steif und fest, dass der Vertreter nie auf seinen Hof gekommen ist«, sagte Sigurður Óli. »Ob er nun Leopold oder Lothar geheißen hat.«