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»Das ist es nämlich«, sagte Erlendur.

»Was?«, fragte Elínborg.

»Ich glaube, er lügt.«

Erlendur musste drei Videotheken abklappern, bis er den Western fand, den er Marian Briem mitbringen wollte. Marian hatte irgendwann einmal erwähnt, dass es ein hervorragender Film war, der von einem Mann handelte, der ganz allein und auf sich gestellt einer drohenden Gefahr entgegensah, denn seine Mitmenschen und nicht zuletzt seine Freunde hatten ihm den Rücken gekehrt. Niemand antwortete, als er anklopfte. Marian Briem erwartete ihn, da Erlendur sich telefonisch angemeldet hatte. Als er die Türklinke hinunterdrückte, war die Tür nicht abgeschlossen, und er betrat den Raum. Er hatte nicht vor, lange zu bleiben, sondern wollte nur das Video abliefern. Abends erwartete er Valgerðurs Besuch. Sie war zu ihrer Schwester gezogen.

»Bist du schon da?«, fragte Marian schläfrig. »Ich hab gehört, wie du geklopft hast. Ich bin bloß so unendlich müde. Ich habe fast den ganzen Tag geschlafen. Bist du so nett und schiebst mir das Sauerstoffgerät rüber?« Erlendur schob das Gestell zum Sessel hin, und als er sah, wie Marian die Hand nach der Maske ausstreckte, schoss ihm urplötzlich die Erinnerung an einen einsamen und bizarren Tod in den Sinn. Die Polizei war zu einem Haus im Þingholt-Viertel gerufen worden. Marian Briem und er gingen zusammen hin. Er war damals erst ein paar Monate bei der Kriminalpolizei gewesen. Ein Todesfall in einem Privathaus, der als Unfall klassifiziert wurde. Eine sehr korpulente ältere Frau saß im Ohrensessel vor dem Fernseher. Sie war schon zwei Wochen tot. Der Gestank in der Wohnung war kaum zu ertragen. Der Nachbar hatte deswegen die Polizei verständigt. Er hatte die Frau seit längerem nicht gesehen, und nach einiger Zeit fiel ihm auf, dass der Fernseher, den er schwach durch die Wand hörte, Tag und Nacht lief. Die Frau war erstickt, ein Teller mit Pökelfleisch und gekochten gelben Rüben stand auf einem Tisch neben dem Sessel. Das Besteck lag auf dem Boden. Ein großer Bissen Pökelfleisch war ihr im Hals stecken geblieben. Sie war nicht aus dem tiefen Sessel hochgekommen. Ihr Gesicht war schwarzblau verfärbt. Es stellte sich heraus, dass sie keine Anverwandten hatte, die bei ihr nach dem Rechten sahen. Nie kam jemand zu Besuch. Niemand vermisste sie.

»Wir müssen alle sterben«, sagte Marian und schaute auf die Leiche hinunter. »Aber so möchte ich nicht sterben.«

»Die arme Frau«, sagte Erlendur und hielt sich Mund und Nase zu.

»Ja, die arme Frau«, wiederholte Marian. »Bist du deswegen zur Kriminalpolizei gegangen? Um so etwas zu sehen?«

»Nein«, erwiderte Erlendur.

»Weswegen denn dann?«, fragte Marian. »Weswegen bist du zur Kriminalpolizei gegangen?«

»Nimm Platz«, hörte er Marian in seine Gedanken hinein sagen. »Steh da nicht so rum wie ein Ölgötze.« Er kam wieder zu sich und setzte sich auf den Stuhl.

»Du brauchst mich nicht zu besuchen, Erlendur.«

»Weiß ich«, sagte Erlendur. »Ich hab dir noch einen Film mitgebracht. Den mit Gary Cooper.«

»Hast du ihn gesehen?«, fragte Marian.

»Ja«, antwortete Erlendur, »irgendwann vor langer Zeit.«

»Warum bist du so trübselig, an was denkst du?«, fragte Marian.

»Wir müssen alle sterben, aber so möchte ich nicht sterben«, zitierte Erlendur.

»Ja«, antwortete Marian nach kurzem Schweigen. »Ich kann mich an sie erinnern, die alte Frau in dem Sessel. Und jetzt schaust du mich an und denkst dasselbe.« Erlendur zuckte mit den Achseln.

»Du hast mir damals nicht geantwortet«, sagte Marian, »und die Antwort steht immer noch aus.«

»Ich weiß nicht, warum ich zur Kriminalpolizei gegangen bin«, sagte er. »Ich sah es als bequeme Arbeit im Büro.«

»Nein, da war noch etwas anderes«, widersprach Marian.

»Es war mehr als nur der bequeme Bürojob.«

»Hast du keine Angehörigen?«, fragte Erlendur, um das Thema zu wechseln. Er war unsicher, wie er das formulieren sollte. »Niemanden, der … der sich um alles kümmert, wenn es vorüber ist?«

»Nein«, sagte Marian.

»Was für Vorkehrungen hast du getroffen?«, bohrte Erlendur weiter. »Wir müssen ja irgendwann einmal darüber sprechen, über diese praktischen Dinge. Wenn ich dich richtig kenne, hast du schon längst alles geregelt.«

»Freust du dich schon drauf?«, fragte Marian.

»Ich freu mich auf gar nichts«, sagte Erlendur. »Ich habe mit einem Rechtsanwalt gesprochen, mit so einem jungen Spund, der meine Angelegenheiten regeln wird, vielen Dank. Du könntest dich vielleicht um das Praktische kümmern. Die Kremation.«

»Die Kremation?«

»Ich will nicht in einem Sarg verrotten«, sagte Marian. »Ich lasse mich verbrennen. Kein Leichenbegängnis, keine Umstände.«

»Und die Asche?«

»Du weißt genau, um was es in dem Film geht«, wich Marian der Frage aus. »In diesem Film mit Gary Cooper. Es geht um die Kommunistenverfolgung in den USA in den fünfziger Jahren. Da treffen Männer in der Stadt ein, die sich gegen Gary Cooper wenden. Seine Freunde kehren ihm schließlich den Rücken, und zum Schluss ist er ganz auf sich gestellt. High Noon. Die besten Western sind mehr als nur Western.«

»Ja, das hast du mir irgendwann schon einmal gesagt.« Der Tag ging zur Neige, aber es war immer noch hell. Erlendur schaute zum Fenster hinaus. Es würde jetzt nicht mehr dunkel werden. Im Sommer vermisste er die Dunkelheit, und er sehnte sich nach Kälte, Finsternis und tiefem Winter.

»Was hast du eigentlich mit diesen Western?«, konnte Erlendur sich nicht beherrschen zu fragen. Er hatte nichts von dieser Vorliebe für amerikanische Western gewusst.

Im Grunde genommen wusste er sehr wenig über Marian Briem. Er saß auf dem Sofa und rief sich ins Gedächtnis, dass sie nur äußerst selten über persönliche Dinge gesprochen hatten.

»Die Landschaft«, sagte Marian. »Die Pferde. Die Weite.« Schweigen senkte sich über das Zimmer. Erlendur kam es so vor, als würde Marian wieder einnicken.

»Als ich das letzte Mal hier war, haben wir über Leopold gesprochen, den Mann, der den Ford Falcon besaß und beim Busbahnhof verschwunden ist«, sagte er. »Du hast aber nicht erwähnt, dass du mit seiner Verlobten gesprochen und ihr gesagt hast, dass ein Mann dieses Namens unauffindbar sei.«

»Spielt das eine Rolle? Falls ich mich richtig erinnere, hat dieser Idiot von Níels versucht, sich darum herumzudrücken, ihr das zu sagen. Da hat es bei mir ausgehakt.«

»Und wie hat sie reagiert, als du ihr das gesagt hast?« Marian versuchte, sich in die Vergangenheit zurückzuversetzen. Erlendur wusste, dass sein Gedächtnis trotz des hohen Alters und diverser Gebrechen unfehlbar war.

»Sie war natürlich alles andere als begeistert. Das war aber Níels’ Fall, und ich wollte mich nicht zu sehr einmischen.«

»Hast du ihr Hoffnung gemacht, dass er noch am Leben sei?«

»Nein«, sagte Marian. »Das wäre absurd gewesen. Völlig absurd. Ich hoffe, dass du dich nicht mit solchen Hirngespinsten abgibst.«

»Nein«, sagte Erlendur, »gewiss nicht.«

»Und lass sie das bloß nicht hören!«

»Nein«, sagte Erlendur, »das wäre absurd.«

Eva Lind rief an, als er nach Hause gekommen war. Er war noch einmal im Büro vorbeigefahren und hatte anschließend etwas zu essen eingekauft. Das Fertiggericht war in der Mikrowelle, die sich im gleichen Augenblick wie das Telefon meldete. Diesmal war Eva ruhiger als bei ihrem letzten Gespräch. Sie wollte ihm nicht sagen, wo sie war, erklärte aber, in der Therapie einen Mann kennen gelernt zu haben, bei dem sie derzeit wohne. Sie sagte Erlendur, er solle sich keine Sorgen machen. Sie hatte sich mit Sindri in einem Café im Zentrum getroffen. Er sei dabei, sich eine Arbeit zu suchen.

»Will er in Reykjavik bleiben?«, fragte Erlendur. »Ja, er will wieder nach Reykjavik ziehen. Passt dir das etwa nicht in den Kram?«