Julius stand allein im Hof und sah zu, wie Tubruk und Renius ihre Positionen einnahmen. Octavian war ungeachtet seines wütenden Protests mit den Frauen nach unten geschickt worden. Jetzt war alles ruhig, und Julius nickte zufrieden. Das Anwesen war gesichert.
Das Schwert noch in der Scheide, stieg er die Stufen zu der Brustwehr über dem Tor hinauf und sah die Reiter in einiger Entfernung anhalten. Die unerwartete Machtdemonstration auf den Mauern hatte sie misstrauisch gemacht. Eine von zwei Pferden gezogene Kutsche rollte zwischen ihnen. Die Pferde spürten die Anspannung sofort und tänzelten bei den letzten, widerwilligen Schritten. Julius sah wortlos zu, wie einer der Reiter aus dem Sattel stieg und eine Seidendecke im Staub ausbreitete.
Cato entstieg schwerfällig der Kutsche, trat auf die Decke und nestelte mit übertriebener Sorgfalt am Faltenwurf seiner Toga, die vom Staub der Straße unberührt geblieben war. Dann blickte er ausdruckslos zu Julius hinauf, bevor er seine Männer mit einer Handbewegung anwies, abzusteigen und sich dem Tor zu Fuß zu nähern.
Julius spreizte die Finger hinter seinem Rücken, um die Anzahl der Fremden zu signalisieren. Es waren zu wenige für einen offenen Angriff, trotzdem fühlte sich Julius unbehaglich dabei, einen solchen Mann auch nur in der Nähe seiner Lieben zu wissen. Als die Soldaten den Schatten des Tores erreichten, spannte sich sein Kiefer. Brutus hatte ihm von der Sache mit Catos Sohn erzählt. Daran war jetzt nichts mehr zu ändern. Genau wie Brutus musste er die Angelegenheit einfach durchstehen.
Eine Faust dröhnte gegen die schweren Balken des Tores.
»Wer verlangt Zutritt zu meinem Haus?«, rief Julius und sah Cato von oben ins Gesicht. Der Mann erwiderte seinen Blick unbeeindruckt. Er würde warten, bis sie die Formalitäten erledigt hatten, denn er wusste wohl besser als jeder andere, was für ein Aufruhr in Julius’ Kopf herrschte. Einen Senator durfte man nicht abweisen.
Ein Soldat an Catos Seite sprach laut genug, um im Haus verstanden zu werden: »Senator Cato erbittet Zutritt in einer privaten Angelegenheit. Lass deine Männer wegtreten und öffne das Tor!«
Julius erwiderte nichts, sondern stieg stattdessen in den Hof hinunter und beriet sich rasch mit Brutus und Tubruk. Die Verteidiger wurden von den Mauern abgezogen und in die Gutsgebäude geschickt, wo sie auf Befehle warten sollten. Den anderen wurden Aufgaben zugewiesen, die es ihnen erlaubten, in der Nähe zu bleiben. Es war die reinste Posse, bewaffnete Männer Pferde aus den Ställen holen und im Freien striegeln zu lassen, doch Julius wollte kein Risiko eingehen. Als er eigenhändig das Tor öffnete, überlegte er, ob wohl innerhalb der nächsten Stunde Blut fließen würde.
Cato kam durch das Tor geschritten und lächelte leise, als er die vielen bewaffneten Männer ringsum sah.
»Erwartest du einen Krieg, Cäsar?«, fragte er.
»Eine Legion muss in Übung bleiben, Senator. Ich würde mich nicht gern überraschen«, erwiderte Julius und runzelte die Stirn, als Catos Männer hinter ihrem Herrn in den Hof kamen. Er musste es ihnen erlauben, aber er dankte seinen Hausgöttern für seinen Weitblick, dafür, dass er so viele Soldaten seiner Primigenia aus der Stadtkaserne hierher gebracht hatte. Catos Männer wären innerhalb weniger Sekunden tot, wenn er den Befehl dazu gab. Als ihre Pferde weggeführt wurden, war in ihren Gesichtern zu lesen, dass ihnen dies durchaus klar war. Nun standen sie ungeschützt mitten auf dem Hof.
Cato sah ihn an. »Bist du jetzt der Heerführer der Primigenia? Ich kann mich nicht erinnern, dass im Senat ein diesbezüglicher Antrag gestellt worden wäre.« Seine Stimme klang unbekümmert, ohne jede Drohung, aber Julius spannte sich; er wusste, dass er auf jedes Wort achten musste.
»Es ist noch nicht offiziell bekannt gemacht worden, aber ich spreche für die Legion«, antwortete er. Die Höflichkeit verlangte, dass er dem Senator nach der Fahrt einen Sitzplatz und Erfrischungen anbot, doch er brachte es nicht über sich, sich auch nur den Anschein von Höflichkeit zu geben, obwohl er wusste, dass Cato das als kleinen Triumph werten würde.
Renius und Brutus traten an Julius’ Seite, und Catos Blick wanderte von einem zum anderen, allem Anschein nach unbeeindruckt von den beiden Männern.
»Na schön, Julius. Ich möchte mit dir über meinen Sohn reden«, sagte Cato. »Ich habe Gold für ihn geboten, aber mein Angebot wurde abgelehnt. Ich bin heute Abend hierher gekommen, um dich zu fragen, was du für ihn willst.«
Er hob den Kopf, und Julius sah, dass seine tief liegenden Augen hell leuchteten. Er fragte sich, ob dieser Mann die Ermordung von Pompeius’ Tochter befohlen hatte. Würde sich sein eigenes Risiko verringern, wenn er Germinius seinem Vater zurückgab? Oder könnte es ihm als Schwäche ausgelegt werden, die Cato dazu benutzen würde, sein Haus in Schutt und Asche zu legen?
»Er hat den Eid geleistet, Senator. Es gibt…«
»Du hast doch noch nicht die volle Truppenstärke, oder doch?«, unterbrach ihn Cato. »Wenn ich will, stehen morgen früh tausend Mann hier zu deiner Verfügung. Gesunde Sklaven aus meinem eigenen Landgut, um das Rückgrat der Primigenia zu bilden.«
Renius grollte plötzlich: »In den Legionen gibt es keine Sklaven, Senator. Die Primigenia besteht aus freien Männern.«
Cato winkte flüchtig ab, als sei das für ihn kein Problem.
»Dann lasst ihr sie eben frei, nachdem sie euren kostbaren Eid geleistet haben. Ich zweifle nicht daran, dass ein Mann wie du Mittel und Wege dazu findet, Renius. Du bist so… einfallsreich.« Beim Sprechen schimmerte ein Hauch seiner Gehässigkeit durch, und Julius wusste, dass es seinen Untergang bedeuten würde, ihm nachzugeben.
»Meine Antwort lautet nein, Senator. Der Eid kann nicht zurückgekauft werden.«
Cato musterte die drei einige Augenblicke, ohne etwas zu sagen.
»Dann lässt du mir keine andere Wahl. Wenn mein Sohn zwei Jahre unter dir dienen muss, so will ich ihn nach diesen zwei Jahren lebendig zurückbekommen. Ich schicke dir die Männer…« Er legte eine kleine Pause ein. »Die befreiten Sklaven, Renius. Ich schicke sie dir, damit sie meinen Sohn beschützen.«
»Es kann sein, dass sie nicht mehr tun, was du von ihnen verlangst, nachdem du sie freigelassen hast«, erwiderte Renius und hielt dem Blick des Senators eisern stand.
»Sie werden kommen«, blaffte Cato. »Nur wenige Männer bereiten mir so viele Unannehmlichkeiten, wie ihr es getan habt.«
»Wenn sie zur Primigenia kommen, dann nicht als Beschützer deines Sohnes, Cato«, sagte Julius. »Glaub mir, wenn ich dir sage, dass ich das nicht zulasse.«
»Willst du mir denn überhaupt nichts zugestehen?«, fragte Cato mit vor Zorn lauter werdender Stimme. Die Stimmung im Hof schlug um; Hände tasteten nach den Schwertgriffen.
»Wenn es die Götter zulassen, gebe ich dir deinen Sohn heute in zwei Jahren wieder zurück. Das ist alles«, entgegnete Julius unerbittlich.
»Dann sieh zu, dass es sich so fügt, Cäsar. Sollte er nicht überleben…« Cato presste die Worte durch die zusammengebissenen Zähne. Seine falsche Gelassenheit war verschwunden. »Sorge dafür.«
Dann machte er kehrt und gab seinen Männern ein Zeichen, das Tor zu öffnen. Die Soldaten der Primigenia erreichten es zuerst, und Cato stieg in seine Kutsche, ohne sich noch einmal umzublicken.
Sobald das Tor wieder geschlossen war und den Blick auf Catos Männer versperrte, trat Brutus an Julius heran.