»Was fällt dir ein? Was meinst du wohl, wie viele dieser ›frei gelassenen Sklaven‹ Spione sein werden? Wie viele werden gedungene Attentäter sein? Hast du daran gedacht? Bei den Göttern, du musst dir etwas einfallen lassen, um ihn davon abzubringen.«
»Willst du keine zusätzlichen tausend Mann für die Primigenia?«, fragte Julius.
»Um diesen Preis? Nein, ich glaube, lieber hätte ich Germinius seinem Vater zurückgegeben oder das Gold genommen. Ein kleineres Kontingent könnten wir überwachen lassen, aber keine tausend! Damit können wir der vollen Hälfte der Primigenia nicht trauen. Das ist doch verrückt.«
»Du weißt, dass er Recht hat«, fügte Renius hinzu. »Schon hundert wären mir ein paar zu viel, aber tausend sind unmöglich.«
Julius sah die beiden an. Sie waren nicht dabei gewesen, als er die Küsten nach Söhnen Roms abgesucht hatte, und sie waren auch nicht dabei gewesen, als er seine Veteranen in Griechenland gefunden hatte.
»Wir machen sie zu den unseren«, sagte er, ohne auf seine eigenen Zweifel zu achten.
Nachdem er so lange geschlafen hatte, bis die Sonne ihren höchsten Stand über der winterlichen Stadt erreicht hatte, erwachte Cato mit Kopfschmerzen, die sich nicht einmal mit heißem Wein vertreiben ließen. Sein Schädel pochte immer noch leicht, als er Antonidus zuhörte und sich dabei kaum aufrecht halten konnte.
»Zehntausend Sesterzen sind viel, sogar für einen Tod, Antonidus«, sagte er. Mit einigem Vergnügen beobachtete er, wie sich auf der Stirn des Feldherrn eine Schweißperle bildete, denn er wusste ebenso gut wie sein Gegenüber, dass der Attentäter aus purer Gehässigkeit einen anderen Mord verüben würde, sollte das Geld nicht gezahlt werden. Ihn warten zu lassen, war, wie Cato wusste, eine schlechte Antwort, trotzdem ließ er die Zeit zäh verrinnen und trommelte mit den Fingern gelangweilt auf der Armlehne seiner Liege. Mit Pompeius’ offener Feindschaft hatten sie natürlich rechnen müssen, selbst wenn der Attentäter keine Tonmünze in der Hand des kleinen Mädchens zurückgelassen hätte, so wie es ihm berichtet worden war. Cato hätte nicht vermuten können, dass der Senator seine Gefälligkeiten einfach wegwerfen würde, nur um seinen Standpunkt deutlich zu machen, auch wenn er der Gerissenheit dieses Schachzuges durchaus Beifall zollte. Er hatte gehofft, Pompeius würde in seinem Kummer und seinem Wahn überstürzt handeln und Cato dadurch die Möglichkeit geben, ihn festnehmen und aus den Machtspielen des Senats entfernen zu lassen. Stattdessen hatte Pompeius eine Beherrschtheit an den Tag gelegt, die ihn als weitaus gefährlicheren Feind auswies, als ihm bewusst gewesen war. Cato seufzte und kratzte sich im Mundwinkel. Seine Feinde würden ihn sicherlich als einen der Mächtigen in Rom einschätzen.
»Ich wäre versucht, deiner Rache mein Geld und meine Unterstützung zu entziehen, Antonidus, wenn wir nicht diesen gemeinsamen Prozess vor uns hätten. Ich habe Rufus Sulpicius als unseren Rechtsvertreter bestellt.«
»Gegen Cäsar kann ich mich selbst zur Wehr setzen, Senator. Der Fall ist doch ganz einfach«, gab Antonidus erstaunt zurück.
»Nein. Ich will diesen jungen Gockel demütigen. Nach allem, was ich gesehen habe, ist er jung und unbesonnen genug, um leicht zu Fall gebracht zu werden. Eine öffentliche Demütigung vor dem Magistrat und den Plebejern dürfte dafür sorgen, dass sein frisch erworbener Tribunenrang nicht mehr ganz so makellos glänzt. Für die Unverschämtheiten, die du erlitten hast, könnten wir sogar seinen Tod verlangen.« Cato rieb sich mit geschlossenen Augen und gespitztem Mund die Stirn. »Es gibt sehr wohl einen Preis für meinen Sohn, und er muss ihn bezahlen. Lass dich von Sulpicius vertreten. Es gibt kaum einen schlaueren Kopf in Rom als ihn. Er bestellt die Anwälte für dich und sucht Präzedenzfälle heraus. Ich zweifle nicht daran, dass dieser Cäsar sich sehr gut vorbereitet. Hast du die Boten losgeschickt?«
»Nein, ich warte noch darauf, dass ein Termin vereinbart wird. Ich habe mich an den Prätor gewandt, aber bislang noch keine Antwort erhalten.«
»Genau deshalb, Antonidus, brauchst du einen Mann wie Sulpicius. Triff dich mit ihm und übergib ihm deinen Fall. Er arrangiert dir in weniger als einem Monat einen Termin. Das ist sein Geschäft, verstehst du? Du bekommst das Haus im Handumdrehen zurück, wofür ich deine angemessene Dankbarkeit erwarte und du dich hoffentlich in meiner Schuld siehst.«
»Allerdings, Senator. Und das Geld?«
»Ja, ja«, sagte Cato gereizt, »du bekommst dein Geld, sowohl für die Verhandlung als auch… diese andere Sache. Und jetzt lass mich ruhen. Es war ein langer und ermüdender Tag.«
Selbst in seinen eigenen vier Wänden sprach er nicht unüberlegt, und es machte ihm Spaß, Verschwörungen von der Sorte zu planen, die ihn zwangen, Männer wie Antonidus in seine Dienste zu nehmen. Er wusste, dass viele der Senatoren ihn lediglich als Mann der Worte ansahen, der einem scharfen Wortgefecht ihren kriegerischen Posen den Vorzug gab. Die Attentäter waren eine köstliche Abwechslung von seinen üblichen Intrigen, und er fand die Macht, die sie ihm verliehen, geradezu berauschend. Die Möglichkeit, auf jeden beliebigen Menschen zu zeigen und seinen Tod zu bestimmen, war sogar für seinen verwöhnten Gaumen ein ungewöhnlicher Kitzel. Nachdem der Feldherr gegangen war, rief er nach einem kühlen Tuch und legte es sich übers Gesicht.
32
Die Verhandlung begann, als der Himmel im Osten Roms hell wurde, jene falsche Dämmerung, die die Arbeiter weckte und die Diebe und Huren zu Bett schickte. Der Abschnitt des Forums, der gerichtlichen Belangen vorbehalten war, war noch immer von Fackeln erleuchtet, und an seinen Rändern hatte sich eine beträchtliche Menschenmenge versammelt. Nur eine dichte Reihe Soldaten aus der Stadtkaserne hielt die Zuschauer zurück. Direkt dem Kommando des Prätor unterstellt, der der Verhandlung vorstand, war es ihre Aufgabe, im Falle eines unpopulären Urteilsspruchs für Ruhe und Ordnung zu sorgen, und die Menge sah sich vor, nicht in die Reichweite ihrer Knüppel zu geraten. Sogar die Bänke zu beiden Seiten des für die Advokaten reservierten Bereichs waren besetzt, was für eine scheinbar unbedeutende Angelegenheit ungewöhnlich war. Viele von denen, die Julius aus dem Senat kannte, waren gekommen; entweder auf seine Einladung hin oder auf die des Antonidus. Seine eigene Familie war auf dem Gut geblieben. Cornelia und seine Tochter mussten unter dem Schutz der Primigenia bleiben, außerdem wollte Julius Tubruk trotz all seiner Versicherungen, dass man ihn nicht erkennen würde, nicht in der Nähe von Antonidus oder den anderen Senatoren wissen.
Julius’ suchender Blick fand Brutus in der zweiten der drei Reihen, direkt neben einer Frau, die den Kopf hob, um seinen Blick zu erwidern. Etwas in ihrem kühl taxierenden Blick war irritierend, und er fragte sich, wieso sie aus der Menge um sie herum herauszustechen schien, als säße sie ein wenig näher als alle anderen. In einem zeitlosen Augenblick lehnte sie sich ein wenig zurück und hielt seine Aufmerksamkeit gefangen. Sie trug das Haar offen, und bevor er die Willenskraft aufbrachte, den Blick abzuwenden, hob sie eine Hand, um eine Haarsträhne zurückzustreichen, die ihr über das Gesicht gefallen war.
Er musste sich zwingen, sich zu entspannen und zu konzentrieren; tief atmete er die warme Luft ein und ging noch einmal die einzelnen Punkte durch, die er in den Wochen nach den offiziellen Vorladungen mit den Rechtsgelehrten ausgearbeitet hatte. Wenn der Fall gerecht verhandelt wurde, hatte er eine hervorragende Chance, zu gewinnen, doch wenn einer der drei Richter von einem seiner Feinde bezahlt worden war, konnte die Verhandlung rasch in ein lächerliches Spektakel umschlagen, bei dem alles gewonnen wurde, nur nicht das abschließende Urteil. Sein Blick wanderte über die noch immer anwachsende Menge, die genau zu wissen schien, was heute für ihn auf dem Spiel stand. Sie waren der Unterhaltung wegen gekommen, bereit, kluge Argumente zu bejubeln oder niederzumachen. Julius hoffte, dass einige von ihnen auch der Gerüchte wegen gekommen waren, die seine Anwälte in der Stadt gestreut hatten, dass die Verhandlung nichts anderes sei als der Versuch, die Ehre des Marius wiederherzustellen. Es schienen sehr viele Plebejer darunter zu sein, und die Händler, die gebratenen Fisch und warmes Brot feilboten, machten schon jetzt hervorragende Geschäfte, während die Leute ungeduldig auf das Erscheinen der Magistrate und des Prätors warteten.