»Heute mache ich von meinem Vetorecht Gebrauch. Das Gericht urteilt zugunsten von Cäsar«, verkündete er.
Die Menge geriet außer sich vor Freude, und der Ruf »Ma-ri-us!« brandete erneut auf, lauter als zuvor.
Julius sank auf seinen Stuhl und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
»Gut gemacht, mein Junge.« Quintus lächelte ihn zahnlos an. »Jetzt kennen viele Leute deinen Namen, falls du dich jemals um ein höheres Amt bewerben solltest. Mir persönlich hat besonders gefallen, wie du diese Schilde eingesetzt hast. Dramatisch, aber sie mögen das. Meine Glückwünsche.«
Julius atmete lange und tief aus. Bei dem Gedanken, wie dicht er am Rande einer Katastrophe gestanden hatte, wurde ihm immer noch ein wenig schwindelig. Seine Beine fühlten sich zittrig an, als er zu Antonidus hinüberging. Laut genug, dass ihn die Richter trotz des Geschreis und Gejohles vernehmen konnten, nahm er den ersten Teil seiner Rache für Cornelia.
»Ich lege Hand an dich, für die Summe von dreißigtausend Sesterzen«, sagte er und packte Antonidus grob am Gewand.
Der Mann versteifte sich in hilfloser Wut, seine Augen suchten Cato in den Zuschauern auf den Bänken. Auch Julius drehte sich um, ohne jedoch seinen Griff zu lockern. Er sah, wie sich Catos und Antonidus’ Blicke trafen, und wie Cato mit angewiderter Miene langsam den Kopf schüttelte. Antonidus schien von der plötzlichen Wendung, die sein Glück genommen hatte, wie betäubt.
»Ich habe das Geld nicht«, sagte er.
Jetzt mischte sich Rufus ein: »Es ist üblich, für die Zahlung einer solchen Schuld eine Frist von dreißig Tagen einzuräumen.«
»Nein«, erwiderte Julius mit humorlosem Lächeln. »Ich will das Geld sofort, andernfalls wird Antonidus augenblicklich gefesselt und auf dem Markt als Sklave verkauft.«
Antonidus wand sich heftig in seinem Griff, konnte sich jedoch nicht losreißen.
»Das darfst du nicht! Cato! Du kannst doch nicht zulassen, dass ich festgenommen werde!«, rief er, als Cato ihm den Rücken zukehrte und sich daranmachte, den Gerichtsplatz zu verlassen. Auch Pompeius befand sich unter den Zuschauern und betrachtete die Szene mit lebhaftem Interesse. Der ehemalige Heerführer bewahrte gerade noch so viel Geistesgegenwart, um die Geheimnisse der Attentäter nicht hervorzustammeln. Nach einer solchen Enthüllung hätte ihn entweder Pompeius oder Cato foltern und töten lassen.
Jetzt kam Brutus nach vorne zu Julius. Er hatte einen Strick in der Hand.
»Fessle ihn, Brutus, aber nicht zu grob. Ich möchte auf dem Sklavenmarkt einen möglichst hohen Preis für ihn erzielen«, sagte Julius schroff und ließ einen Augenblick lang seinem Zorn und seiner Verachtung freien Lauf.
Brutus erledigte seine Aufgabe schnell und gewissenhaft und verpasste Antonidus zum Schluss noch einen Knebel, um dessen Gebrüll zu ersticken. Die Richter schauten zu, ohne einzugreifen, denn sie wussten, dass dies in Übereinstimmung mit dem Gesetz geschah, obwohl die beiden, die gegen Julius entschieden hatten, vor unterdrücktem Zorn dunkelrot waren.
Als er fertig war, machte sich Rufus mit einer Hand auf Julius’ Arm bemerkbar.
»Du hast gut gesprochen, Cäsar, aber Quintus ist zu alt, als dass er dich auch in Zukunft vertreten sollte. Ich hoffe, dass du dich an meinen Namen erinnerst, falls du selbst einmal einen Rechtsbeistand brauchst.«
Julius starrte ihn an. »Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass ich deinen Namen vergesse«, sagte er.
Nachdem Antonidus gefesselt und von Cäsar für die Sklaverei beansprucht war, hob der Prätor die Sitzung auf, und die Menge brach abermals in lauten Jubel aus. Obwohl Cato als Erster gegangen war, entfernten sich auch die anderen Senatoren möglichst rasch; sie fühlten sich in der Gegenwart einer so großen Menge der Bürger, die sie repräsentierten, sichtlich unwohl.
Gemeinsam schleiften Julius und Brutus den Feldherrn über den Boden und lehnten ihn grob an die Plattform mit den Schilden.
Alexandria kämpfte sich durch die Menge der Senatoren zu Julius durch. Ihre Augen leuchteten triumphierend.
»Gut gemacht. Einen Augenblick dachte ich schon, es wäre vorbei.«
»Ich auch. Ich muss mich bei dem Tribun bedanken. Er hat mir das Leben gerettet.«
»Vergiss nicht: Er ist ein Mann des Volkes«, schnaubte Brutus. »Wenn er sich so wie die anderen gegen dich entschieden hätte, hätten sie ihn in der Luft zerrissen. Bei den Göttern, schaut euch das bloß an!« Brutus zeigte auf die Bürger, die sich so nahe wie möglich herandrängten, um einen Blick auf Julius zu erhaschen.
»Stell dich zu den Schilden und zeige dich den Leuten«, sagte Alexandria und strahlte ihn an. Was immer auch geschehen mochte, sie wusste, dass ihre Arbeit nun gefragt war und bei den wichtigen und wohlhabenden Bürgern Roms fortan hohe Preise erzielen würde.
Julius drehte sich um, und die Menge jubelte ihm zu. Ein neuer Gesang wurde laut, und als er nach und nach verstand, dass Marius’ Name durch den seinen ersetzt wurde, schoss ihm eine freudige Röte in die Wangen.
Dann hob er grüßend den Arm und wusste, dass Quintus Recht hatte. Der Name Cäsar würde ihnen in Erinnerung bleiben, und wer wusste, wohin ihn das noch bringen mochte?
Die Morgensonne war inzwischen so hoch gestiegen, dass sie das Forum beschien und ihr Glanz sich auf den Oberflächen der Bronzeschilde brach, die Alexandria gefertigt hatte. Als Julius sie glänzen sah, musste er lächeln. Er hoffte, dass Marius sie sehen konnte, wo immer er auch war.
33
Als Julius durch seine geliebten Wälder lief, lag die erste Wärme des Frühlings in der Morgenluft. Er spürte, wie seine gleichmäßig trabenden Beine die Anspannung der vergangenen Tage aus seinem Körper lösten. Nach der Aufregung der Gerichtsverhandlung hatte er den größten Teil der Zeit mit Renius und Brutus in den Unterkünften der Primigenia verbracht und war nur zum Schlafen nach Hause gekommen. Die Männer, die er in Afrika und Griechenland rekrutiert hatte, machten sich sehr gut, und unter den Überlebenden der ursprünglichen Legion erwachte ein neuer Stolz, als sie sahen, wie Marius’ geliebte Einheit zu neuem Leben erwachte. Die Männer, die ihnen Cato gesandt hatte, waren jung und unverbraucht. Julius war versucht gewesen, sie über ihre Vergangenheit zu befragen, widerstand dem Drang jedoch. Nichts, was vor ihrem Eid geschehen war, spielte eine Rolle, ganz egal, welchen Einfluss Cato auf sie ausgeübt hatte. Das würden sie schon noch rechtzeitig lernen. Renius verbrachte jede wache Stunde mit ihnen, wobei er die erfahrenen Männer zu Hilfe nahm, um die Neulinge auszubilden.
Obwohl sie immer noch nicht einmal die halbe Truppenstärke besaßen, wurden Werber in andere Städte entsandt, und Crassus hatte versprochen, so viele zu bezahlen, wie sie zum Dienst unter der Standarte der Primigenia verpflichten konnten.
Damit stand Julius bei ihm in Schwindel erregender Schuld, doch er hatte trotzdem zugestimmt. Nicht einmal das Gold von Celsus reichte aus, um eine Legion aufzustellen, und Crassus war den Sullas ebenso feindlich gesonnen wie er selbst. Fürs Erste hatte Julius diese aberwitzigen Summen weit in seinen Hinterkopf verbannt, wo sie friedlich schlummerten. Tag für Tag kamen erschöpfte Reisende aus allen Teilen des Landes herbei, die in fernen Provinzen von den Versprechungen der Anwerber angelockt worden waren. Es war eine aufregende Zeit, und jeden Abend, wenn die Sonne sich zum Horizont neigte, verließ Julius seine Kameraden nur widerstrebend, denn zu Hause erwartete ihn ein sehr kalter Empfang.
Obwohl sie das Bett miteinander teilten, fuhr Cornelia jedes Mal zusammen, wenn er sie berührte, und dann stritt sie mit ihm, bis er die Beherrschung verlor oder das Zimmer verließ und sich woanders eine Liege suchte. Es wurde von Nacht zu Nacht schlimmer, und jedes Mal fiel er voller Sehnsucht nach ihr in den Schlaf. Er vermisste die Cornelia, die er früher gekannt hatte, und manchmal wandte er sich an sie, um mit ihr zu scherzen oder um etwas zu besprechen, nur um ihr Gesicht von einer Bitterkeit gezeichnet zu finden, die er nicht begreifen konnte. Manchmal war er versucht, sich ein Sklavenmädchen in ein anderes Zimmer bringen zu lassen, um sich Erleichterung zu verschaffen. Er wusste, dass sie ihn dann hassen würde, also durchlitt er die langen Nächte, bis eine dauernde Gereiztheit seine wachen Stunden prägte und der Schlaf den einzigen Frieden brachte. Er träumte von Alexandria.