»Ich glaube, ich muss deine Mutter tatsächlich endlich kennen lernen«, sagte er in leichtem Ton.
Brutus warf ihm einen kurzen Blick zu. Als er sah, dass sein Freund sich keineswegs über ihn lustig machte, grinste er erleichtert.
»Sie ist auch sehr interessiert daran, dich kennen zu lernen. Vor allem jetzt, nach dieser Verhandlung. Ich möchte, dass du sie kennst. Sie ist so völlig anders als alle Menschen, denen ich je begegnet bin.«
»Vielleicht heute Abend, wenn noch Zeit dazu bleibt«, erwiderte Julius, der sich seine unterschwellige Abneigung nicht anmerken ließ. Tubruk hatte ihm bereits seine Meinung über die Frau kundgetan, doch wenn Brutus es sich so sehr wünschte, dann war er es ihm schuldig.
Am Fuß der Stufen nahm Brutus die Zügel der beiden Pferde in eine Hand.
»Wenn es dir möglich ist, komm anschließend in die Kaserne. Die Primigenia wird bereit sein und auf deine Befehle warten«, sagte er. Seine Augen strahlten so vor Begeisterung, dass Julius lachen musste.
»Ich komme, sobald ich kann«, sagte er, dann ging er die Treppe hinauf und verschwand im Halbdunkel zwischen den Säulen.
Da der Debattenleiter und der Konsul noch nicht eingetroffen waren, hatte die offizielle Diskussion noch nicht begonnen, als Julius eintrat. Die Hälfte seiner Kollegen stand immer noch in aufgeregt debattierenden Gruppen zusammen und warf sich Fragen und Kommentare zu, die die allgemeine Unruhe noch verstärkten. Julius nutzte die Zeit, um sich zu denjenigen zu gesellen, die er kannte, und dort Einzelheiten zu erfahren, die Brutus noch nicht gehört hatte.
Pompeius stand bei Crassus und Cinna. Die drei redeten hitzig miteinander, hießen Julius mit anerkennendem Nicken willkommen und diskutierten weiter.
»Selbstverständlich hast du das Kommando, mein Freund. Es steht sonst niemand zur Verfügung, der dafür geeignet wäre, und sogar Cato würde nicht zögern, schließlich stehen nur noch die Streitkräfte in Ariminum zum Schutz des Südens bereit«, sagte Crassus zu Pompeius.
Der sonnengebräunte Feldherr zuckte die Achseln. In seinem Gesicht malten sich bittere Vorahnungen.
»Er würde alles tun, um mich davon abzuhalten, militärische Befehlsgewalt zu übernehmen, das weißt du. Man darf ihm nicht erlauben, seine eigenen Leute aufzustellen. Denkt nur daran, was in Griechenland geschehen ist! Und dann die Piraten, die tun, was sie wollen und unsere Händler nach Belieben überfallen. Falls es sich bei diesen Gladiatoren um dieselben handelt, die wir schon am Vesuvius nicht niederringen konnten, dann ist Mutina durch unsere zögerliche Politik seit Sullas Tod verloren gegangen. Und das alles nur, weil Cato den Senat daran hindert, einen Feldherrn zu entsenden, der dieser Aufgabe auch gewachsen ist. Glaubt ihr denn, dass es dieses Mal anders ausgeht?«
»Das wäre gut möglich«, antwortete Cinna. »Cato hat Besitzungen im Norden, die von den Sklaven bedroht werden. Sie könnten sich sogar nach Süden wenden und die Stadt selbst angreifen. Cato ist nicht so dumm, dass er eine Bedrohung Roms ignorieren würde. Sie müssen dich entsenden. Wenigstens haben wir die Legionen aus Griechenland wieder hier, um die anderen zu verstärken.«
»Dort kommt gerade der Konsul herein. Er muss sein Veto gegenüber Cato einlegen, falls dieser störrische Fettsack sich dagegen ausspricht. Hier geht es um mehr als um eine persönliche Meinungsverschiedenheit. Die Sicherheit des ganzen Nordens steht auf dem Spiel, und die Sicherheit von Rom selbst.«
Pompeius verabschiedete sich und drängte sich rüde durch die umstehenden Senatoren, um sofort mit dem soeben eintretenden Konsul zu sprechen. Julius beobachtete, wie er den älteren Mann anhielt, der für den Posten ausgewählt worden war, zwischen den konkurrierenden Senatsfraktionen zu vermitteln. Der Mann machte einen nervösen, fast schon verschüchterten Eindruck, während Pompeius heftig gestikulierend auf ihn einredete. Als der Konsul dem immer noch argumentierenden Pompeius den Rücken zuwandte und auf das Rostrum stieg, trommelte Julius stirnrunzelnd mit den Fingern auf seinen Bauch.
»Nehmt eure Plätze ein, Senatoren!«, rief der Konsul.
Der Sitzungseid war rasch geleistet, dann räusperte sich der Konsul und richtete das Wort an die gespannt vor ihm Sitzenden.
»Wir sind zu einer Dringlichkeitssitzung zusammengekommen, um über unsere Antwort auf den Aufstand im Norden zu diskutieren. Ich habe die neuesten Berichte dabei, die sich sehr Besorgnis erregend anhören. Ursprünglich handelte es sich um eine Revolte einiger Gladiatoren aus einer Kampfschule in Capua. Zunächst sah es so aus, als hätte der Prätor vor Ort die Sache im Griff, aber es ist ihm nicht gelungen, den Aufstand niederzuschlagen. Allem Anschein nach haben die Aufständischen eine Sklavenarmee um sich geschart, mit der sie nach Norden ziehen. Sie haben eine Reihe kleinerer Städte und Güter geplündert, dabei Hunderte von Menschen getötet und alles niedergebrannt, was sie nicht mitnehmen konnten. Der Legat von Mutina hat sich den Sklaven entgegengestellt, woraufhin die Garnison zerstört wurde. Es gab keine Überlebenden.«
Er machte eine kleine Pause. Die Senatoren, die noch nichts davon gewusst hatten, stöhnten laut auf oder machten ihrem Zorn mit Worten Luft. Der Konsul hob die Hände, um sie zu beruhigen.
»Senatoren, diese Bedrohung kann nicht ernst genug genommen werden. Die Legionen in Ariminum haben Anweisung, die Stadt zu sichern, aber nachdem Mutina vernichtet ist, liegt der Norden völlig offen. Die mir vorliegenden Schätzungen schwanken sehr stark, aber es ist gut möglich, dass die Aufständischen an die dreißigtausend Sklaven unter ihrem Kommando haben, und mit jeder verwüsteten Stadt werden es mehr. Ich kann mir nur vorstellen, dass sie die Legionen in Mutina mit einer absoluten Übermacht überrannt haben. Deshalb müssen wir ihnen mit der größten Streitmacht entgegentreten, die wir aufbieten können, während wir gleichzeitig unsere südlichen Grenzen weiterhin schützen. Ich muss nicht eigens betonen, dass wir nicht riskieren dürfen, so kurz nach dem Aufstand in Griechenland Soldaten aus den dortigen Garnisonen abzuziehen.
Momentan sieht es nicht so aus, als wollten sich die Sklaven gen Rom wenden, aber falls sie das tun sollten, gibt es hier im Süden mehr als achtzigtausend Sklaven, die sich ihrer Sache anschließen könnten. Das wäre eine sehr ernst zu nehmende Bedrohung. Unsere Reaktion muss rasch und endgültig erfolgen.«
Der Konsul warf zuerst Cato und dann Pompeius einen kurzen Blick zu.
»Ich bitte euch, eure Streitigkeiten diesmal zum Wohle der Stadt und der römischen Ländereien hintan zu stellen, und bitte den Vorsitzenden darum, die Meinungen einzuholen.«
Der Konsul setzte sich, wischte sich nervös über die Stirn und war offensichtlich erleichtert, die Sitzung an einen anderen übergeben zu können. Der Vorsitzende hatte seine Stellung schon einige Jahre inne, und seine Erfahrung verlieh ihm eine Gelassenheit, die auch die hitzigsten Temperamente beschwichtigte. Er wartete geduldig, bis sich die allgemeine Aufregung gelegt hatte, bevor er den ersten Sprecher auswählte.
»Pompeius?«
»Vielen Dank. Senatoren, ich bitte darum, dass man mir das Kommando über die Legionen gibt, die gegen diese Aufständischen entsandt werden. Meine Leistungen in der Vergangenheit sprechen für meine Eignung, und ich dränge auf einer rasche Abstimmung. Jeder Soldat im Umkreis von hundert Meilen wurde in die Stadt zurückgerufen, innerhalb einer Woche müssten wir eine Armee von sechs Legionen marschbereit haben, um sie nach Norden zu schicken, wo sie sich mit den beiden Legionen in Ariminum vereinen, sobald wir dort eingetroffen sind. Wenn wir noch lange zögern, wächst diese Sklavenarmee womöglich so stark an, dass wir sie eventuell nicht mehr aufhalten können. Denkt daran, Senatoren, dass die Sklaven uns selbst in unseren eigenen Häusern zahlenmäßig überlegen sind. Übertragt mir das Kommando, und ich werde sie im Namen des Senats vernichten.«