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Jahren hatte er einen steilen Aufstieg erlebt. Und nun war er Orsattis rechte Hand. Er überwachte sämtliche Operationen der Familie und hatte niemanden über sich außer Orsatti.

Lucy, Orsattis Privatsekretärin, klopfte an und trat ein. Sie war vierundzwanzig Jahre alt, hatte das Collegebesucht undbesaß ein Gesicht und eine Figur, diebei Mißwahlen für preiswürdigbefunden worden waren. Orsatti umgabsich gern mit schönen jungen Frauen.

Erblickte auf die Uhr, die auf seinem Schreibtisch stand. Es war 10 Uhr 45. Er hatte Lucy gesagt, daß er vor Mittag nicht gestört zu werden wünschte. Stirnrunzelndblickte er sie an.»Was ist denn?«

«Tut mir leid, daß ich Sie störe, Mr. Orsatti. Eine Miß Gigi Dupres ist am Apparat. Sie klingt total hysterisch. Und sie sagt mir einfach nicht, was sie will. Siebesteht darauf, mit Ihnen persönlich zu sprechen. Ich habe mir gedacht, daß es vielleicht wichtig sein könnte.«

Orsatti saß reglos da und ließ den Namen durch den Computer in seinem Hirn laufen. Gigi Dupres! Eine von den Schnallen, die er letztes Mal in Las Vegas in seine Suite abgeschleppt hatte? Gigi Dupres! Nein, er konnte sich nicht erinnern. Und dabei rühmte er sich, ein Gedächtnis zu haben, bei dem nichts durch die Maschen fiel. Aus reiner Neugier griff er zum Telefon und schickte Lucy mit einer lässigen Handbewegung aus demBüro.

«Hallo?«

«Mr. Anthony Orsatti?«Sie sprach mit französischem Akzent.

«Ja. Was gibt's?«

«Oh, Gott sei Dank, daß ich Sie erwischt habe, Mr. Orsatti!«

Lucy hatte recht. Die Dame klang total hysterisch. Anthony Orsatti war nicht interessiert. Er wollte schon einhängen, aber sie sprach weiter.

«Sie müssen ihn aufhalten! Bitte!«

«Lady, ich weiß nicht, von was Sie reden, und ichbin ein vielbeschäftigter…«

«Ich rede von Joe, meinem Joe. Joe Romano. Er hat versprochen, mich mitzunehmen, er hat es fest versprochen!«

«Also, wenn Sie Probleme mit Joe haben, dann wenden Sie sich an ihn. Ichbin nämlich nicht sein Kindermädchen.«

«Er hat mich angelogen! Ich habe eben rausgekriegt, daß er ohne mich nachBrasilien fliegen will. Und die Hälfte von den dreihunderttausend Dollar gehört mir!«

Anthony Orsatti entdeckte mit einem Mal, daß er doch interessiert war.»Was für dreihunderttausend Dollar?«

«Das Geld, das er auf seinem Scheckkonto versteckt hat. Das Geld, das erbeiseite geschafft hat.«

Anthony Orsatti war jetzt sehr interessiert.

«Bitte sagen Sie Joe, er muß mich mit nachBrasilien nehmen. Bitte! Tun Sie das für mich?«

«Ja«, versprach Anthony Orsatti.»Ich kümmere mich um die Sache.«

Joe RomanosBüro war modern eingerichtet — alles in Weiß und Chrom. Gestaltet hatte es einer der gefragtesten Innenarchitekten von New Orleans. Joe Romanobrüstete sich mit seinem guten Geschmack. Er hatte sich aus den Slums von New Orleans nach oben gekämpft, und auf dieser Ochsentour hatte er sich autodidaktisch gebildet. Er verstand etwas von Malerei, und er liebte die Musik. Joe Romano hatte allen Grund, stolz zu sein, o ja. Es traf zu, daß New Orleans die Pfründe von Anthony Orsatti war, aber es traf auch zu, daß Joe Romano sie für ihn verwaltete und in dieser seiner Eigenschaft unentbehrlich war.

Seine Sekretärin trat insBüro.»Mr. Romano, hier ist einBote mit einem Ticket nach Rio de Janeiro. Zahlungbei Ablieferung. Soll ich einen Scheck ausstellen?«

«Rio de Janeiro?«Romano schüttelte den Kopf.»Das muß

ein Irrtum sein.«

DerBote stand in der Tür.»Mir ist gesagt worden, ich soll das unter dieser Adressebei Mr. Joseph Romano abliefern.«

«Tja, da hat man Ihnen eben was Falsches gesagt. Soll das ein neuer Sales‑Promotion‑Trick sein oder wie?«

«Nein, Sir. Ich…«

«Lassen Sie mal sehen. «Romano nahm demBoten das Ticket aus der Hand und warf einenBlick darauf.»Freitag. Was will ich denn am Freitag in Rio?«

«Das ist eine gute Frage«, kommentierte Anthony Orsatti, der hinter demBoten aufgetaucht war.»Was willst du am Freitag in Rio, Joe?«

«Das ist ein dummes Versehen, Tony. «Romano gabdemBoten das Ticket zurück.»Nehmen Sie's wieder mit und…«

«Nur nicht so eilig. «Anthony Orsatti griff sich das Ticket undbetrachtete es gründlich.»Erster Klasse, Gangplatz, Raucher. Nach Rio de Janeiro. Am Freitag. Einfacher Flug.«

Joe Romano lachte.»Da hat irgend jemand Quatsch gemacht. «Er wandte sich seiner Sekretärin zu.»Madge, rufen Sie das Reisebüro an und sagen Sie den Leuten, daß sie Mist gebaut haben.«

Joleen trat ein, dieBüroassistentin.»Entschuldigung, Mr. Romano. Die Koffer sind da. Soll ich den Lieferschein unterschreiben?«

Joe Romano starrte sie an.»Was für Koffer? Ich habe keine Kofferbestellt.«

«Lassen Sie sie reinbringen«, befahl Anthony Orsatti.

«Großer Gott!«sagte Joe Romano.»Sind denn hier alle übergeschnappt?«

EinBote mit drei Vuitton‑Koffern kam insBüro.

«Was soll das? Ich habe die Dinger nichtbestellt.«

DerBote warf einen prüfendenBlick auf seinen Lieferschein.»Hier steht: Mr. Joseph Romano, Poydras Street 217, Zimmer 408.«

Joe Romano riß allmählich die Geduld.»Es ist mir scheißegal, was da steht. Ich habdie Dinger nichtbestellt. Und jetzt schaffen Sie die mal raus hier.«

Orsattibetrachtete auch die Koffer gründlich.»Da sind deine Initialen drauf, Joe.«

«Was? Oh, Moment! Das ist wahrscheinlich ein Geschenk.«

«Hast du Geburtstag?«

«Nein. Aber du weißt doch, wie die Weiber sind, Tony. Die machen einem immer Geschenke.«

«Hast du irgendwas inBrasilien laufen?«erkundigte sich Anthony Orsatti.

«InBrasilien?«Joe Romano lachte.»Soll das ein Witz sein, Tony?«

Orsatti lächelte honigsüß. Dann wandte er sich der Sekretärin, derBüroassistentin und denbeidenBoten zu.»Raus.«

Als sich die Tür geschlossen hatte, fragte Anthony Orsatti:»Wieviel Geld hast du auf deinem Scheckkonto, Joe?«

Joe Romanoblickte ihn verwirrt an.»Weiß ich nicht genau. Fünfzehnhundert, nehme ich an… vielleicht auch zwei Riesen. Warum?«

«Ruf doch spaßeshalber malbei deinerBank an und frag nach, ja?«

«Warum? Ich…«

«Frag nach, Joe.«

«Bitte. Wenn's dich glücklich macht…«Er drückte die Sprechtaste für seine Sekretärin.»Verbinden Sie mich mit der Oberbuchhalterin von der First Merchants.«

Eine Minute später war sie in der Leitung.

«Hallo, Schätzchen. Geben Sie mir mal meinen Kontostand durch? Mein Geburtsdatum ist der 14. Oktober.«

Anthony Orsatti hörte über den Nebenanschluß mit. Eine halbe Minute später meldete sich die Oberbuchhalterin wieder.

«Tut mir leid, daß ich Sie habe warten lassen, Mr. Romano.

Ihr derzeitiger Kontostandbeläuft sich auf dreihundertzehn‑tausendneunhundertfünf Dollar und fünfunddreißig Cent.«

Romano spürte, wie ihm dasBlut aus dem Gesicht wich.»Was?«

«Dreihundertzehntausendneunhundertfünf…«

«Sieblöde Gans!«schrie Romano.»Ich habe nicht soviel Geld auf dem Konto. Sie haben da irgendwas verbockt. Geben Sie mir den…«

Der Hörer wurde ihm aus der Hand genommen. Anthony Orsatti legte ihn auf die Gabel.»Wo kommt das Geld her, Joe?«

Joe Romano war leichenblaß.»Ich schwöre esbei Gott, Tony, ich weiß nichts von diesem Geld.«

«Nein?«

«He, du mußt mir glauben! Weißt du, was da los ist? Jemand will mich aufs Kreuz legen.«

«Der muß dich aber sehr gern mögen. Wo er dir doch 'n Abschiedsgeschenk von dreihundertzehntausend Dollar gemacht hat. «Orsatti nahm schwerfällig in einem der Sessel Platz und schaute Joe Romano lange an. Schließlich sagte er ruhig:»War alles schon arrangiert, wie? Das Ticket nach Rio… einfacher Flug… die Koffer… Als wolltest du 'n neues Leben anfangen.«