Daniel Cooper wurde in Paris von einem der Assistenten Inspektor Trignants am Flughafen abgeholt und zum Prince de
Galles gefahren, das neben einem sehr vielberühmteren Hotel, dem George V, liegt.
«Sie treffen morgen vormittag mit Inspektor Trignant zusammen«, sagte der Assistent zu Cooper.»Ich hole Sie um 8 Uhr 15 ab.«
Daniel Cooper hatte sich über die Reise nach Europa nicht gerade gefreut. Er wollte seinen Auftrag so schnell wie möglich abschließen und nach Hause zurückkehren. Er war über die Existenz von Lasterhöhlen in Paris unterrichtet, und er hatte nicht die Absicht, sich in irgendwas verstricken zu lassen. In seinem Zimmer angelangt, begaber sich schnurstracks insBad. Zu seiner Überraschung war dieBadewanne durchaus zufriedenstellend, sogar größer als seine zu Hause. Er ließ Wasser einlaufen und ging wieder ins Zimmer, um seine Sachen auszupacken. In seinem Koffer lag, wohlverwahrt zwischen seinem Anzug fürbesondere Fälle und seiner Unterwäsche, ein kleines abgesperrtes Kästchen. Er nahm es aus dem Koffer, hielt es in den Händen, starrte es an, und es schien zu pulsieren, als hätte es ein eigenes Leben. Er trug es insBad und stellte es auf den Rand des Waschbeckens. Mit dem kleinsten Schlüssel an seinem Schlüsselbund sperrte er das Kästchen auf und öffnete es, und die Worte schrieen ihm von dem vergilbten Zeitungsausschnitt entgegen.
Junge sagtbei Mordprozeß aus
Der zwölfjährige Daniel Cooper sagte heutebeim Prozeß gegen Fred Zimmer aus, der des Mordes an der Mutter des Jungen angeklagt ist. Seiner Aussage zufolge kehrte der Junge von der Schule nach Hause zurück und sah, wie Zimmer, ein Nachbar, das Coopersche Anwesen mitBlut an den Händen und im Gesicht verließ. Als der Junge das Hausbetrat, entdeckte er in derBadewanne seine tote Mutter. Sie
warbrutal erstochen worden. Zimmer gestand, Mrs. Coopers Geliebter gewesen zu sein, bestritt jedoch den Mord. Der Junge ist in die Obhut einer Tante gegeben worden.
Mit zitternden Händen legte Daniel Cooper den Zeitungsausschnitt wieder in das Kästchen und sperrte es ab. Erblickte wild um sich. Wände und Decke desBadezimmers waren mitBlutbespritzt. Er sah den nackten Leichnam seiner Mutter im roten Wasser liegen. Ein heftiges Schwindelgefühl überkam ihn, und er hielt sich am Waschbecken fest. Aus den Schreien in seinem Innern wurde ein kehliges Stöhnen, und er riß sich die Kleider vom Leibund ließ sich in dasblutwarme Wasser sinken.
«Ich muß Sie davon in Kenntnis setzen, Mr. Cooper«, sagte Inspektor Trignant,»daß Ihre Position hier äußerst ungewöhnlich ist. Sie sind nichtbei der Polizei, und Sie weilen nicht in offizieller Missionbei uns. Wir sind jedoch von den Polizeibehörden mehrerer europäischer Länder gebeten worden, mit Ihnen zusammenzuarbeiten.«
Daniel Cooper schwieg.
«Wenn ich das richtig verstanden habe, sind Sie Detektivbei der International Insurance Protection Association?«
«Ja. Einige von unseren europäischen Klienten hatten in letzter Zeit eine Häufung von Schadensfällen zu verzeichnen. Und man hat mir gesagt, daß es keine Anhaltspunkte gibt.«
Inspektor Trignant seufzte.»Das ist leider die Wahrheit. Wir wissen nur, daß wir es mit einerBande von sehr cleveren Frauen zu tun haben, aber ansonsten…«
«Keine Tips von Informanten?«
«Nein, nichts.«
«Kommt Ihnen das nicht seltsam vor?«
«Wie meinen Sie das, Monsieur?«
Es schien Cooper so sonnenklar, daß er nicht einmal den Versuch unternahm, die Ungeduld in seiner Stimme zu zügeln.»Wenn eineBande am Werk ist, gibt es immer jemanden, der zuviel redet, zuviel trinkt, zuviel Geld ausgibt. Es ist unmöglich für eine größere Gruppe, ein Geheimnis für sich zubehalten. Kann ich mal Ihre Unterlagen über dieseBande sehen?«
Der Inspektor hätte das Ansinnen, mehrBefehl alsBitte, gern abgelehnt. Er fand, daß Daniel Cooper einer der körperlich unangenehmsten Männer sei, denen er jebegegnet war. Und gewiß der mit weitem Abstand arroganteste. Er würde sich garantiert zur Nervensäge entwickeln, aber der Inspektor war gebeten worden, sich kooperativ zu verhalten.
Widerwillig sagte er:»Ich werde Fotokopien für Sie anfertigen lassen«, und gabüber seine Sprechanlage Weisung, die Unterlagen abzulichten. Dann sagte er, um Konversation zu machen:»Mir ist vorhin ein interessanterBericht auf den Schreibtisch gelegt worden. Im Orientexpreß sind wertvolle Juwelen gestohlen worden, während…«
«Ich hab's gelesen. Der Diebhat die italienische Polizei zum Narren gehalten.«
«Und niemand weiß, wie der Diebstahl durchgeführt wurde.«
«Das liegt doch auf der Hand«, sagte Daniel Cooper rüde.»Da muß manbloß einbißchen logisch denken.«
Inspektor Trignantblickte über den Rand seinerBrille hinweg. Mon Dieu, dachte er, Manieren hat dieser Mann — als wäre er im Schweinsgalopp durch die Kinderstube geritten. Mit kühler Stimme sagte er:»Das logische Denkenbringt uns in diesem Fall nicht weiter. Der Zug ist gründlich durchsucht worden, jeder Quadratzentimeter, ebenso das Personal, die Reisenden und das gesamte Gepäck.«
«Nein«, widersprach Daniel Cooper.
Der ist nicht ganz dicht, dachte Inspektor Trignant.»Was — nein?«
«Es ist nicht das gesamte Gepäck durchsucht worden.«
«Und ich sage Ihnen, es ist durchsucht worden«, entgegnete Inspektor Trignant gereizt.»Ich habe den Polizeibericht doch mit eigenen Augen gesehen!«
«Die Frau, der die Juwelen gestohlen wurden, diese Silvana Luadi…«
«Ja?«
«Sie hatte ihre Juwelen in einem Handkoffer, nicht wahr?«
«Das ist richtig.«
«Hat die Polizei Silvana Luadis ganzes Gepäck durchsucht?«
«Nur ihren Handkoffer. Sie war ja das Opfer. Warum sollte da ihr ganzes Gepäck durchsucht werden?«
«Weil der Dieblogischerweise die Juwelen nur dort verstecken konnte — in irgendeinem ihrer anderen Koffer. Wahrscheinlich hatte er ein Duplikat dieses Koffers, und als das ganze Gepäck in Venedig auf demBahnsteig stand, mußte er nur die Koffer vertauschen und sich aus dem Staubmachen. «Damit erhobsich Daniel Cooper.»Wenn die Fotokopien fertig sind, gehe ich jetzt.«
Dreißig Minuten später telefonierte Inspektor Trignant mit Alberto Fornati in Venedig.
«Monsieur«, sagte der Inspektor,»ich rufe an, um mich zu erkundigen, obes nach Ihrer Ankunft in Venedig vielleicht Probleme mit dem Gepäck Ihrer Frau gab.«
«Allerdings«, antwortete Fornati aufgebracht.»Dieser Idiot von Schlafwagenschaffner hat ihren Koffer mit dem von jemand anderem verwechselt. Als meine Frau ihn im Hotel geöffnet hat, warenbloß alte Illustrierte drin. Ich habe esbereits ans Management des Orientexpreß gemeldet. Ist der Koffer meiner Frau inzwischen gefunden worden?«
«Nein, Monsieur«, sagte der Inspektor und fügte stumm hinzu: An deiner Stelle würde ich auch nicht damit rechnen.
Nach dem Telefonat lehnte sich André Trignant in seinemBürosessel zurück und dachte: Dieser Daniel Cooper ist
einfach enorm.
24
Günther Hartog sorgte dafür, daß Tracy an die richtigen Wohlfahrtsinstitute spendete und die richtigen Leute kennenlernte. Sie hatte Verabredungen mit verarmten Prinzen und reichen Grafen undbekam zahlreiche Heiratsanträge. Sie war jung und schön und vermögend, und sie wirkte so verletzlich.
«Alle meinen, Sie seien das Ziel der Ziele«, lachte Günther.»Jetzt sind Sie wirklich gut versorgt. Sie haben alles, was Siebrauchen.«
Das stimmte. Sie hatte Geld auf Konten in ganz Europa; sie hatte das Haus in London und ein Chalet in St. Moritz. In der Tat: alles, was siebrauchte. Sie hatte nur niemanden, mit dem sie es teilen konnte. Manchmal fehlte ihr Amy. Und manchmal dachte sie an das Leben, das sie fast geführt hätte — mit Mann und Kind. Würde das je wieder für sie möglich sein? Sie konnte nie einem Mann offenbaren, wer sie wirklich war, und sie fühlte sich auch nicht imstande, unaufhörlich zu lügen, indem sie ihre Vergangenheit verschwieg. Sie hatte so viele Rollen gespielt, daß sie nicht mehr genau wußte, wer sie eigentlich war, aber sie wußte, daß sie nie wieder in das Angestelltendasein zurückkehren konnte, das sie einmal für die große Erfüllung gehalten hatte. Okay, dachte Tracy trotzig. Viele Menschen sind einsam. Günther hat recht. Ich habe alles.