Hekabe kam, streng, Priamos ängstlich, die Schwestern scheu, Parthena die Amme mitleidsvoll, Marpessa verschlossen - keiner nützte mir. Zu schweigen von der feierlichen Hilflosigkeit des Panthoos. Ich ließ mich tiefer sinken, versuchsweise, in winzigen Schüben. Sehr sehr dünn war die Verbindung mit diesen hier, sie konnte reißen. Ein gräßlicher Kitzel. Ich mußte es darauf ankommen lassen, den ungeheuren Gesichten noch mehr Raum geben, meine Sinne noch weiter zurücknehmen. Ein Spaß ist es nicht, das will ich nicht gesagt haben. Man zahlt für die Fahrt in die Unterwelt, die von Gestalten bewohnt ist, denen zu begegnen keiner gewärtig ist. Ich heulte.
Wälzte mich in meinem Schmutz. Kratzte mir das Gesicht auf, ließ keinen an mich heran. Ich hatte die Kraft von drei Männern — unvorstellbar, welche Gegenkraft die vorher gebändigt hatte. Ich ging an den kalten Wänden meines Zimmers hoch, das man bis auf eine Reisigschütte leergeräumt hatte. Ich fraß wie ein Tier mit den Fingern, wenn ich etwas zu mir nahm. Mein Haar stand verfilzt und verdreckt um meinen Kopf. Niemand, auch ich nicht, wußte, wie es enden sollte. Oh, ich war verbohrt.
Auch die Gestalt brüllte ich an, die eines Tages hereinkam. Sie kauerte sich in eine Ecke und blieb, länger als meine Stimme durchhielt. Eine ganze Weile, nachdem ich still geworden war, hörte ich sie sagen: So strafst du diese nicht. Das waren die ersten menschlichen Worte nach so langer Zeit, und ich brauchte ewig, bis ich ihren Sinn verstand. Da brüllte ich noch einmal los. Die Gestalt verschwand. Nachts, in einer lichten Minute, wußte ich nicht: War sie wirklich da gewesen oder gehörte auch sie zu den Wahngesichten, die mich umgaben. Am nächsten Tag kam sie wieder. Also doch.
Es war Arisbe.
Niemals wiederholte sie, was sie am Vortag gesagt hatte, damit gab sie mir zu verstehn, sie wisse, daß ich sie verstand. Ich hätte sie würgen mögen, aber sie war so stark wie ich und ohne Angst. Indem ich sie nicht verriet - ich merkte wohl, Parthena die Amme ließ sie heimlich ein -, gab ich zu erkennen, daß ich sie brauchte.
Anscheinend glaubte sie, es läge in meiner Hand, vom Wahnsinn frei zu werden.
Unflätig beschimpfte ich sie dafür. Sie hielt die Hand fest, mit der ich nach ihr schlug, und sagte hart: Schluß mit dem Selbstmitleid. Ich schwieg sofort. So sprach man nicht mit mir.
Tauch auf, Kassandra, sagte sie. Offne dein inneres Auge. Schau dich an.
Ich fauchte sie an wie eine Katze. Sie ging.
Also schaute ich. Nicht gleich. Ich wartete, bis es Nacht war. Bis ich auf dem knisternden Reisig lag, zugedeckt mit einer Decke, die Oinone gewebt haben mochte.
Ich ließ also Namen zu. Oinone. Eine von denen. Übel hatte sie mir mitgespielt. Mir den geliebten Bruder weggenommen, Paris, den schönen Blonden. Den ich mir herangezogen hätte, ohne die Zauberkünste dieser Teichnymphe. Oinone das Miststück. Schmerzte es? Ja. Es schmerzte. Ein winzig kleines Stückchen tauchte ich weiter auf, den Schmerz zu betrachten. Stöhnend ließ ich ihn zu. Ich krallte meine Hände in die Decke, ich klammerte mich an sie, damit der Schmerz mich nicht wegspülte. Hekabe. Priamos. Panthoos. So viele Namen für Täuschung. Für Zurücksetzung. Verkennung. Wie ich sie haßte. Wie ich es ihnen zeigen wollte.
Schön, sagte Arisbe, die schon wieder da saß. Und wie steht es mit dir?
Wieso mit mir. An wem ich mich vergangen habe? Ich, die Schwache? An all diesen Stärkeren?
Wieso hast du sie stark werden lassen.
Die Frage verstand ich nicht. Der Teil von mir, der wieder aß und trank, sich wieder »ich« nannte, verstand die Frage nicht. Jener andre Teil, der im Wahnsinn ge-herrscht hatte, den »ich« nun niederhielt, wurde nicht mehr gefragt. Nicht ohne Bedauern ließ ich den Wahnsinn los, nicht ohne Befremden sah mein inneres Auge eine unbekannte Gestalt aus den dunklen Wassern auftauchen, die sich verliefen. Die Dankbarkeit, die ich Arisbe schuldete und auch bezeugte, enthielt ein nicht geringes Körnchen Undank und Auflehnung, das schien sie nicht anders zu erwarten. Von selbst erklärte sie sich eines Tages für überflüssig, und als ich in einer Aufwallung sagte, gewisse Dinge würde ich ihr nicht vergessen, erwiderte sie trocken: Doch. Du wirst. - Immer hat es mich gestört, wenn andre mehr über mich wußten oder zu wissen glaubten als ich selbst.
So früh seien sie sich nicht über mich klar gewesen, hat Arisbe mir Jahre später erzählt. Worauf sollten sie setzen: auf meinen Hang zur Übereinstimmung mit den Herrschenden oder auf meine Gier nach Erkenntnis. »Sie«! Es gab sie schon, und sie suchten sich über mich »klar« zu werden! Sei nicht kindisch, sagte Arisbe. Gib's zu: Viel zu lange bist du drauf aus gewesen, beides zu bekommen.
Nun, so war es. Endlich käme ich ins Leben zurück, hörte ich die anderen sagen, das hieß: zu ihnen. In die Falle. In den Alltag des Palastes und des Tempels mit ihren Bräuchen, die mir seltsam und unnatürlich vorkamen wie die Gewohnheiten einer sehr fremden Menschenart. Als ich am Altar des thymbraischen Apoll zum erstenmal wieder das Blut eines Lamms in der Opferschale auffing, war der Sinn dieser Handlung mir ganz entfallen, angstvoll glaubte ich an einem Frevel beteiligt zu sein.
Du bist weit weg gewesen, Kassandra, sagte Panthoos, der mich beobachtete. Schade eigentlich, daß man bei der Rückkehr immer wieder dasselbe vorfindet. Bis auf diese Minute, bis auf diesen einen Satz war er undurchdringlicher geworden. Schnell begriff ich, wodurch: Es war in Troia kein Vergnügen mehr, ein Grieche zu sein.
Die Leute des Eumelos waren an der Arbeit. Sie hatten Anhänger unter Palastschreibern und Tempeldienern gewonnen. Auch geistig müßten wir gerüstet sein, wenn der Grieche uns angreife. Die geistige Rüstung bestand in der Schmähung des Feindes (von »Feind« war schon die Rede, eh noch ein einziger Grieche ein Schiff bestiegen hatte) und im Argwohn gegen die, welche verdächtig waren, dem Feind in die Hände zu arbeiten: Panthoos der Grieche. Briseis, des abtrünnigen Kalchas Tochter. Die weinte abends oft in meinem Schlafraum. Auch wenn sie sich, um ihn nicht in Gefahr zu bringen, von Troilos trennen würde: Er ließ sie ja nicht gehn. Auf einmal war ich die Beschützerin eines gefährdeten Paares. Mein junger Bruder Troilos, der Sohn des Königs, wurde angefeindet, weil er sich eine Liebste nach seinem Geschmack nahm: unvorstellbarer Vorgang. Tja, sagte König Priamos, schlimm, schlimm. Hekabe fragte: Wo schläfst denn du, wenn die beiden bei dir übernachten? Sie bot mir an, in ihr Schlafzimmer zu kommen. Heimlich.
Aber wo lebten wir denn. Ich muß mich scharf erinnern: Sprach in Troia irgendein Mensch von Krieg? Nein. Er wäre bestraft worden. In aller Unschuld und besten Gewissens bereiteten wir ihn vor. Sein erstes Zeichen: Wir richteten uns nach dem Feind. Wozu brauchten wir den?
Die Rückkunft des DRITTEN SCHIFFES ließ mich eigenartig kühl. Eine nächtliche Ankunft, dafür wurde gesorgt, trotzdem lief Volk zusammen, Fackeln wurden hochgehalten, aber wer erkennt im Halbdunkel Gesichter, wer zählt sie, hält sie auseinander. Da war, unverkennbar, Anchises, der sich bis in sein hohes Alter wie ein Jüngling bewegte, er schien es eiliger zu haben als sonst, gab keine Erklärungen ab, verbat sich die Begleitung des Eumelos und verschwand im Palast. Da waren die jungen Männer, auf die ich hätte warten sollen, aber auf wen denn? Auf Aineias? Gar auf Paris? Für wen von ihnen begann mein Herz nun doch zu klopfen? Niemand kam an sie heran. Zum erstenmal war eine weite Sperrkette von Eumelos-Leuten um die Landestelle gezogen. Paris sei nicht mit diesem Schiff gekommen, hieß es am Morgen, als Information für die Angehörigen des Königshauses. Da man ihm in Sparta die Rückgabe der Königsschwester wiederum verweigert habe, sei er gezwungen gewesen, seine Drohung wahrzumachen. Er habe, kurz gesagt, die Gattin des Menelaos entführt. Die Frau des Königs von Sparta. Die schönste Frau Griechenlands: Helena. Mit ihr sei er auf Umwegen unterwegs nach Troia.