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Da riß es mir die Arme hoch, noch eh ich wußte: Ja, ich glaubte ihm. Seit langem war mir so zumute, angstverzehrt. Ein Anfall, dachte ich noch nüchtern, hörte aber diese Stimme schon, wehe wehe wehe. Ich weiß nicht: Schrie ichs laut, hab ich es nur geflüstert: Wir sind verloren. Weh, wir sind verloren.

Was kommen mußte, kannt ich schon, den festen Achselgriff, die Männerhände, die mich packten, das Klirren von Metall auf Metall, der Geruch von Schweiß und Leder. Es war ein Tag wie dieser, Herbststurm, schubweise von der See her, der Wolken über den tiefblauen Himmel trieb, unter den Füßen die Steine, genauso verlegt wie hier in Mykenae, Häuserwände, Gesichter, dann dickere Mauern, kaum noch Menschen, als wir dem Palast uns näherten. Wie hier. Ich erfuhr, wie eine Gefangene die Zitadelle von Troia sieht, befahl mir, es nicht zu vergessen. Vergaß es nicht, doch hab ich an den Weg unendlich lange nicht mehr gedacht. Warum. Mag sein, der halbbewußten Schläue wegen, deren ich mich schämte. Denn warum schrie ich, wenn ich schrie: Wir sind verloren!, warum nicht: Troer, es gibt keine Helena!

Ich weiß es, wußte es auch damals schon: Der Eumelos in mir verbot es mir. Ihn, der mich im Palast erwartete, ihn schrie ich an: Es gibt keine Helena!, aber er wußt es ja.

Dem Volk hätt ich es sagen müssen. Das hieß: Ich, Seherin, gehörte zum Palast. Und Eumelos war sich ganz klar darüber. Daß sein Gesicht auch Spott ausdrücken konnte und Geringschätzung, das machte mich ganz rasend. Seinetwegen, den ich haßte, und des Vaters wegen, den ich liebte, hatte ich vermieden, das Staatsgeheimnis laut hinauszuschrein. Das Gran von Berechnung in meiner Selbstentäußerung. Eumelos durchschaute mich. Der Vater nicht.

König Priamos tat sich selber leid. Diese verwickelten politischen Zustände, und nun auch noch ich! Er schickte die Wächter weg, was mutig von ihm war. Wenn ich so weitermache, sagte er dann, müde, bleibe ihm nichts, als mich einzusperrn. Da dachte in mir etwas: Jetzt noch nicht. - Was ich denn wolle, um des Himmels willen.

Also schön. Über die vertrackte Helena-Geschichte hätte man früher mit mir reden sollen. Gut gut, sie war nicht hier. Der König von Ägypten hatte sie dem Paris, diesem dummen Jungen, abgenommen. Bloß das wis se ja ein jeder im Palast, warum nicht ich? Und was nun weiter? Wie kommen wir da wieder raus, ohne Gesichtsverlust.

Vater, sagte ich, inständig, wie ich nie wieder zu ihm sprach. Ein Krieg, um ein Phantom geführt, kann nur verlorengehn.

Warum? Allen Ernstes fragte der König mich: Warum. Man muß nur trachten, sagte er, daß dem Heer der Glaube an das Phantom erhalten bleibt. Wieso überhaupt Krieg. Gleich immer diese großen Worte. Wir, denk ich, werden angegriffen werden, und wir, denk ich, setzen uns zur Wehr. Die Griechen rennen sich den Schädel ein und ziehen sich alsbald zurück. Sie werden sich doch nicht um eine Frau, und sei sie noch so schön, was ich nicht glaub, verbluten.

Und warum denn nicht! Das rief nun ich. Gesetzt, sie glaubten, Helena sei bei uns: Wenn sie so geartet wären, daß sie die Kränkung eines königlichen Mannes durch eine Frau, schön oder häßlich, nie verwinden könnten. Dabei dacht ich an Panthoos, der, seit ich ihn zurückgewiesen hatte, mich zu hassen schien. Gesetzt sie waren alle so?

Red keinen Unsinn, sagte Priamos. Die wollen unser Gold. Und freien Zugang zu den Dardanellen. - So verhandle drum! schlug ich ihm vor. - Das hätte noch gefehlt.

Verhandeln um unser unveräußerliches Eigentum und Recht! — Ich fing an zu spüren, daß der König gegen alle Gründe, die dem Krieg entgegenstanden, schon erblindet war, und was ihn blind und taub gemacht, das war der Satz der Truppenführer: Wir gewinnen. Vater, bat ich ihn, nimm ihnen wenigstens den Vorwand, Helena. Sie ist, hier oder in Ägypten, nicht einen einzigen erschlagenen Troianer wert. Dies sage den Gesandten dieses Menelaos, gib ihnen Gastgeschenke und laß sie in Frieden ziehn. — Du mußt nicht bei Verstand sein, Kind, sagte, ehrlich empört, der König. Verstehst du gar nichts mehr? Es geht doch um die Ehre unsres Hauses.

Darum, beteuerte ich ihm, ging es auch mir. Vernagelt war ich. Dachte, sie und ich, wir wollten doch dasselbe. Und welche Freiheit dann das erste Nein: Nein, ich will etwas andres. Doch damals nahm, mit Recht, der König mich beim Wort. Kind, sagte er, zog mich zu sich heran, ich atmete den Duft, den ich so liebte. Kind. Wer jetzt nicht zu uns hält, arbeitet gegen uns. Da versprach ich ihm, das Wissen um die schöne Helena geheimzuhalten, und ging unangefochten von ihm weg. Die Wächter auf den Gängen standen unbeweglich, Eumelos verneigte sich, als ich ihn passierte. Bravo, Kassandra, sagte im Tempel Panthoos zu mir. Nun haßte ich ihn auch. Es ist zu schwer, sich selbst zu hassen. Viel Haß und unterdrücktes Wissen war in Troia, ehe der Feind, der Grieche, all unser Übelwollen auf sich zog und uns gegen ihn, zunächst, zusammenschloß.

Den Winter über wurde ich teilnahmslos und versank in Schweigen. Da ich das Wichtigste nicht sagen durfte, fiel mir nichts mehr ein. Die Eltern, die mich wohl im Auge hatten, sprachen unverbindlich miteinander und mit mir. Briseis und Troilos, die sich weiter um mein Mitgefühl bemühten, verstanden meine Stumpfheit nicht. Nichts von Arisbe. Nichts von Aineias. Die stumme Marpessa. Allseits begann man mich wohl aufzugeben, das unvermeidliche Los dessen, der sich selbst aufgibt. Im Frühjahr, wie erwartet, begann dann der Krieg.

Krieg durfte er nicht heißen. Die Sprachregelung lautete, zutreffend: Überfall. Auf den wir sonderbarerweise gar nicht vorbereitet waren. Da wir nicht wußten, was wir wollten, haben wir uns nicht bemüht, der Griechen Absicht wirklich zu ergründen. Ich sage »wir«, seit vielen Jahren wieder »wir«, im Unglück hab ich meine Eltern wieder angenommen. Damals, als die griechische Flotte gegen den Horizont aufstieg, ein gräßlicher Anblick. Als unsre Herzen sanken. Als unsre jungen Männer, nur durch ihren Lederschild geschützt, lachend dem Feind entgegengingen, in den sicheren Tod, da habe ich sie alle, die das verantworteten, inbrünstig verflucht. Ein Verteidigungsring! Eine vorgeschobne Linie hinter einer Schutzwehr! Gräben! Nichts von alledem. Wahrhaftig, ich war kein Stratege, aber jeder konnte sehn, wie unsre Krieger auf dem flachen Uferrand dem Feinde zugetrieben wurden, damit er sie niedermetzle. Das Bild bin ich nie wieder losgeworden.

Und dann, am ersten Tag, mein Bruder Troilos.

Immer hab ich mich bemüht, die Art, wie er zu Tode kam, nicht zu behalten. Und doch hat nichts aus diesem ganzen Krieg sich schärfer eingeritzt. Jetzt noch, kurz eh ich selbst geschlachtet werde und die Angst die Angst die Angst mich zwingt zu denken - jetzt noch weiß ich jede verfluchte Einzelheit vom Tod des Bruders Troilos und hätte keinen ändern Toten in diesem ganzen Krieg gebraucht. Stolz, königstreu, verwegen, Rektors Schwur vertrauend, kein Grieche werde unsern Strand betreten, blieb ich im Apollon-Tempel vor der Stadt, von dem aus man bis hin zur Küste blickte. »Blickte« denk ich, doch es sollte heißen: »Blickt.« Der Tempel ist verschont.

Kein Grieche vergriff sich an Apollons Heiligtum. Wer immer jetzt dort steht, sieht auf die Küste, mit Trümmern, Leichen, Kriegsgerät bedeckt, die Troia einst beherrschte, und wenn er sich umdreht, sieht er die zerstörte Stadt. Kybele hilf.

Marpessa schläft. Die Kinder schlafen.

Kybele hilf.

Damals begann, was dann Gewohnheit wurde: Ich stand und sah. Stand, als die ändern Priester, unter ihnen Panthoos, in Panik gegen Troia fortgelaufen waren. Als Herophile, die alte standhafte Priesterin mit den Lederwangen, vor Grauen sich ins Innere des Tempels flüchtete. Ich stand. Sah, wie Bruder Hektor, dunkle Wolke, ach, in seinem Lederwams!, die ersten Griechen schlug, die von den Schiffen kamen, die, durch das flache Wasser watend, die Küste Troias zu gewinnen suchten. Auch die den ersten folgten, machten meine Troer nieder. Sollte Hektor recht behalten? Lautlos und entfernt genug, sah ich, sanken die Menschenpuppen um. Kein Fünkchen von Triumph in meinem Herzen. Dann freilich ging etwas ganz andres los, ich habe es gesehn.