Was ich denn damit sagen wolle? Verglich ich denn den Feind mit einem königstreuen Troer? - Der Mensch, der so mit mir zu sprechen wagte, schlecht im Fleisch, gedunsen, mit der Aussicht, fett zu werden, den kannt ich doch. Der hatte doch schon mal versucht, mich anzufassen. Ich grübelte und sagte kalt: Wer mich berührt, der geht ins Messer. Der Mensch zog sich, halb kriechend, wie ein Hund zurück. Achja, ich kannte ihn. Der Erste Schreiber meines Vaters. Der - ein Mann des Eumelos? Wie stand es denn um meine Stadt. Wie stand es denn um meine Troer, daß sie uns, das Trüppchen, das man durch ihre Gassen trieb, nicht sahn? Einfach nicht sehen, das ist einfach, sah ich. Ihre Augen fand ich nicht. Kalt musterte ich ihre Hinterköpfe. Waren die immer schon so feig gewesen. Ein Volk mit feigen Hinterköpfen, gab es das. Die Frage stellte ich dem Eumelos, der uns, ein Zufall schiens, am Eingang des Palasts erwartete. Ich irritierte ihn. Er herrschte seinen Stellvertreter an: Aber die doch nicht! Man muß doch Unterschiede machen können.
Nicht jeder, der Briseis die Verräterin gekannt hat, etwa gar mit ihr befreundet war, ist uns verdächtig. Was aber, wenn schlicht königstreu ist, was Kassandra, übertreibend, wie wir sie ja kennen, feige nennen will? Selbstredend seid ihr frei.
Priamos erklärte mir, im Krieg sei alles, was im Frieden gelten würde, außer Kraft gesetzt. Briseis schade es doch nicht, was hier, wohin sie niemals wieder kommen würde, über sie geredet werde. Uns nütze es. - Inwiefern. - Insofern sich an ihrem Fall die Geister schieden. - Um Himmels willen. Was für Geister scheiden sich an einem Fall, den es nicht gibt. Der eigens zu dem Zweck erfunden wurde. - Und wenn schon.
Was öffentlich geworden ist, ist auch real. - So. Real wie Helena.
Da warf er mich hinaus, zum zweiten Mal. Das fing sich an zu häufen, war ich denn taub? Ich glaube, ja. Ich glaube, in gewissem Sinne ja. Ich hab es durchgemacht, doch es mir selber zu erklären, ist noch immer schwer. Mit einem bißchen Wahrheitswillen, mit einem bißchen Mut sei doch das ganze Mißverständnis aus der Welt zu schaffen, glaubt ich immer noch. Was wahr ist, wahr zu nennen, und was unwahr falsch: das mindeste, so dachte ich und hätte unsern Kampf weit besser unterstützt als jede Lüge oder Halbwahrheit, Denn es ging doch nicht an, so dachte ich, den ganzen Krieg und unser ganzes Leben - denn war der Krieg nicht unser Leben! - auf den Zufall einer Lüge aufzubaun. Es war doch ausgeschlossen, so dachte ich - kaum kann ich mich erinnern -, daß die reiche Fülle unsres Daseins auf eine störrische Behauptung gemindert werden sollte. Wir mußten uns doch bloß auf unsere troische Tradition besinnen. Wie war die aber? Worin bestand die doch? Bis ich begriff: In Helena, die wir erfanden, verteidigten wir alles, was wir nicht mehr hatten.
Was wir aber, je mehr es schwand, für um so wirklicher erklären mußten. So daß aus Worten, Gesten, Zeremonien und Schweigen ein andres Troia, eine Geisterstadt erstand, in der wir häuslich leben und uns wohlfühln sollten. War ich es denn alleine, die dies sah. Wie im Fieber ging ich Namen durch. Der Vater. Nicht mehr anzusprechen. Die Mutter, die sich mehr und mehr verschloß. Arisbe. Parthena die Amme. Du, Marpessa. Da warnte etwas mich, nämlich die geheime Angst, unvorbereitet einen Blick in eure Welt zu tun. Lieber litt ich, blieb aber, wo ich war.
Wo die Geschwister fraglos sich bewegten, als sei der Boden fest, auf den sie traten.
Wo Herophile, die alte lederwangige Priesterin, inbrünstig Gaben weihte, den Beistand unsres Gotts Apoll für unsre Waffen zu erflehn. Unmöglich, daß des Königs Tochter und die Priesterin Zweifel am Königshause und am Glauben zu ihrer Dienerin und zu ihrer Amme trug. Schattenhaft tratet ihr, Marpessa, an den Rand meines Gesichtsfelds. Wurdet zu Schatten. Entwirklicht. Wie auch ich selbst, je mehr ich das, was der Palast des Eumelos befahl, für wirklich nahm. Dabei half dem Palast mehr noch als jeder andre unser bester Feind, Achill.
In den Brennpunkt meines Blickes, aller Blicke rückten die Untaten des Tollwütigen, der sich mit seinem wüsten Trupp auf das Land um den Ida-Berg geworfen hatte - dahin, wo Aineias war! -, die Dörfer plünderte, die Männer niedermachte, die Frauen vergewaltigte, Ziegen und Schafe abstach, die Felder zertrampelte. Aineias! Ich flog vor Angst. Nach einem Monat kam er an der Spitze der Dardaner, die sich hatten retten können, in die Festung. Alles schrie und weinte, es war mein schönster Tag. Immer war es so, wenn wir die gleiche Luft atmeten, strömte in die Hülle, die mein Körper war, das Leben wieder ein. Ich sah die Sonne wieder, Mond und Sterne, das Silberblitzen der Olivenbäume im Wind, den metallischen Purpurglanz des Meeres, wenn die Sonne untergeht, die in allen Braun-und Blautönen wechselnden Farben der Ebene, wenn ich gegen Abend auf der Mauer stand. Der Duft der Thymianfelder kam herüber, ich spürte, wie weich die Luft war.
Aineias lebte. Ich mußte ihn nicht sehen, konnte warten, bis er zur mir kam. Er wurde in den Rat gezogen, auf den Straßen Troias war ein lebhaftes, beinahe freudiges Treiben. Ein Wort ging um, das niemand erfunden haben wollte und das jedermann im gleichen Augenblick zu kennen schien: Wenn Hektor unser Arm ist, so ist Aineias Troias Seele. An allen Opferschreinen brannten Dankesfeuer, ihm zu Ehren. Aber das sei verkehrt! hörte ich ihn zu Herophile, unserer Oberpriesterin, sagen. Dankt ihr den Göttern, daß sie unser Land verwüsten ließen! - Für deine Rettung danken wir, Aineias, sagte sie. - Unsinn. Meine Rettung folgte doch aus der Verwüstung durch den Feind.
Solln wir die Opferfeuer löschen? Die Götter noch mehr erzürnen? - Von mir aus. -
Ich sah Aineias aus dem Tempel gehn. Der Streit blieb unbemerkt. Die Opfer liefen ab, ich wirkte an den Ritualen mit, wie es mein Amt gebot, Handreichungen, Gebärden, Worte ohne Sinn. Nachts blieb Aineias in den niederen Unterkünften, die man den Flüchtlingen zugewiesen hatte. Ich lag wach und quälte mich mit der Frage, ob er mich mit Herophile, der alten und verstockten Oberpriesterin, gleichsetzte. Ich trug für mich - und ihn - zusammen, was uns unterschied. Dann staunte ich, daß es für einen Außenstehenden sehr wenig war. Daß der Unterschied, auf den ich mir soviel zugute hielt, auf meinen innern Vorbehalt zusammenschrumpfte. Dies konnte ihm, Aineias, nicht genügen. Genügte es denn mir?
Nach einer langen öden Zeit ohne Träume hatte ich nachts endlich wieder einen Traum. Er gehörte zu jenen Träumen, die ich gleich für bedeutsam hielt, nicht ohne weiteres verstand, doch nicht vergaß. Ich ging, allein, durch eine Stadt, die ich nicht kannte, Troia war es nicht, doch Troia war die einzige Stadt, die ich vorher je gesehn.
Meine Traumstadt war größer, weitläufiger. Ich wußte, es war Nacht, doch Mond und Sonne standen gleichzeitig am Himmel und stritten um die Vorherrschaft. Ich war, von wem, das wurde nicht gesagt, zur Schiedsrichterin bestellt: Welches von den beiden Himmelsgestirnen heller strahlen könne. Etwas an diesem Wettkampf war verkehrt, doch was, das fand ich nicht heraus, wie ich mich auch anstrengen mochte. Bis ich mutlos und beklommen sagte, es wisse und sehe doch ein jeder, die Sonne sei es, die am hellsten strahle. Phöbus Apollon! rief triumphierend eine Stimme, und zugleich fuhr zu meinem Schrecken Selene, die liebe Mondfrau, klagend zum Horizont hinab. Dies war ein Urteil über mich, doch wie konnte ich schuldig sein, da ich nur ausgesprochen hatte, was der Fall war.
Mit dieser Frage bin ich aufgewacht. Beiläufig und mit falschem Lachen erzählte ich Marpessa meinen Traum. Sie schwieg dazu. Wie viele Tage war mir ihr Gesicht schon abgewandt. Dann kam sie, ließ mich ihre Augen sehn, die, so schiens mir, dunkler, tiefer geworden waren, und sagte: Das wichtigste an deinem Traum, Kassandra, war dein Bemühn, auf eine ganz und gar verkehrte Frage doch eine Antwort zu versuchen. Daran sollst du dich, wenn es dazu kommt, erinnern.
Wer sagt das. Wem hast du meinen Traum erzählt.
Arisbe, erwiderte Marpessa, als sei das selbstverständlich, und ich schwieg. Hatte ich insgeheim gehofft, ihr, Arisbe, werde mein Traum vorgelegt? War sie also für meine Träume zuständig? Ich wußte, daß in diesen Fragen schon die Antwort lag, und fühlte eine Regung in mir nach so langer Starre, die die ersten Monate des Kriegs verursacht hatten. Schon wieder war Vorfrühling, lange hatten uns die Griechen nicht mehr angegriffen, ich verließ die Festung, saß auf einem Hügel überm Fluß Skamander. Was hieß denn das: Die Sonne strahlte heller als der Mond. War denn der Mond zum Hellerstrahlen überhaupt bestimmt? Wer gab mir solche Fragen ein? So war ich, wenn ich Arisbe recht verstand, berechtigt, ja vielleicht verpflichtet, sie zurückzuweisen. Ein Ring, der äußerste, der mich umschlossen hatte, zersprang, fiel von mir ab, viele blieben. Ein Atemholen war es, ein Lockern der Gelenke, ein Aufblühn des Fleisches.