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Die Anwälte trafen sich nach der Zerstörung von Alpha Kassandra Nucleus dreimal in der Woche. Die erste Besprechung fand statt in den Büros der Krug-Enterprises, die zweite im Hauptquartier der Labrador-Transmat-Gesellschaft, die dritte im Sitzungszimmer des Gebäudes des Chase/Krug-Konzerns, Fairbanks. Die Vertreter von Labrador-Transmat hatten vorgeschlagen, Krug solle einfach eine neue Alphafrau liefern und die Kosten ihrer Ausbildung übernehmen. Lou Fearon, Krugs Anwalt, wandte ein, das könnte Kosten verursachen, deren Höhe nicht im voraus bestimmbar wäre. Labrador-Transmat erkannte die Berechtigung dieses Einwands an, und es wurde ein Kompromiß erreicht, nach welchem Krug-Enterprises der Labrador-Transmat das Besitzrecht auf eine unausgebildete Duluth-Alphafrau zusprach und sich einverstanden erklärte, die Kosten ihrer Ausbildung bis zu einer Höhe von 10000 Dollar zu zahlen. Insgesamt dauerten diese drei Sitzungen zwei Stunden und einundzwanzig Minuten. Ein Vertrag wurde entworfen; Leon Spaulding unterzeichnete ihn im Auftrage von Krug, der auf den Mond gereist war, um einen kürzlich vollendeten Schwerkraftsteich für Gelähmte im Krug-Krankenhaus im Meer von Moskau zu inspizieren.
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17. November 2218
Eine dünne, vom Wind angewehte Schneedecke hüllt die Ebene um den Turm ein; außerhalb des Baugeländes liegt der Schnee meterhoch, eishart gefroren. Ein trockener Wind bricht sich am Turm. Dem Zeitplan weit voraus, ist er jetzt über 500 Meter hoch und macht einen überwältigenden Eindruck in seinem kristallenen Glanz.
Die achtseitige Basis geht kaum wahrnehmbar in die Flächen des viereckigen Schafts über. Der Turm ist in Licht gehüllt. Sonnenglanz wird von seinen Flanken reflektiert, fällt auf die umgebenden Schneefelder, springt wieder hoch gegen die Glasmauern, wird von neuem zurückgeschleudert.
Die unteren zwei Drittel des bisher fertigen Baus sind jetzt in Stockwerke eingeteilt, während die Androiden, die mit der Montage der Außenhaut des Turmes beschäftigt sind, die Glasblöcke immer höher türmen, rücken die für den Innenausbau Verantwortlichen ihnen nach.
Die Installation der Tachyonstrahl-Anlage hat begonnen. Vier mächtige Stäbe aus glänzendem roten Kupfer, sechzig Zentimeter dick und Hunderte von Metern lang, werden innerhalb des Turms bis zu seiner halben Höhe ein fünffaches Rückgrat bilden, und die unteren Teile dieser großen Sammelschienen werden jetzt montiert. Ein durchsichtiger Mantel aus halbdurchsichtigem Glasfaserstoff, ein Meter im Durchmesser, umkleidet jede Schiene. Die Arbeiter schieben vierzig Meter lange Kupfersäulen in diese Mäntel und schweißen sie mit Laserstrahlen aneinander. Hunderte von Elektrikern überwachen das Einziehen von Leitungsdrähten In die schimmernden Innenwände des Turms, und Scharen von Mechanikern Installieren Rohre, Wellensteuergeräte, Frequenzumwandler, Strommesser, Fokusüberwachungsgeräte, Neutronenaktivierungselemente, Mössbauer-Absorber, Pulsanalysatoren mit zahlreichen Kanälen, nukleare Verstärker, Volttransformatoren, Cryostaten, Schaltblöcke, Widerstandsbrücken, Prismen, Torsionsprüfer, Sensoren, Entmagnetisierer, Polymatoren, magnetische Resonanzzellen, Thermoelementverstärker, Beschleunigungsreflektoren, Protonenakkumulatoren, alles durch Computer entsprechend ihrer Bestimmung etikettiert. Botschaften mit Tachyonstrahlen zu den Sternen zu schicken, ist ein schwieriges Unterfangen.
Der Turm ist von beispiellosem Glanz geschmeidig im Wind, kühn in den Himmel ragend. Besucher fahren kilometerweit in die Tundra hinaus, um die beste Aussicht auf ihn zu haben, denn aus der Nähe kommt seine Großartigkeit nicht voll zur Geltung. Krug liebt es, seine Gäste daran zu erinnern, daß das, was sie jetzt sehen, nur das untere Drittel des endgültigen Bauwerks ist. Um sich den Turm in seiner endgültigen Größe vorzustellen, muß man einen zweiten Turm der gleichen Größe auf diesen setzen und einen dritten darauf. Der Verstand rebelliert. Die Vision will nicht erscheinen. Statt dessen sieht man nur das Bild einer schlanken, spitz zulaufenden, erschreckend zerbrechlichen Nadel aus Glas, die im Himmel hängt, Wurzeln zu fassen sucht und, wenn es ihr nicht gelingt, stürzen muß, fallen muß, wie Luzifer, einen ganzen Tag lang fallen und auf dem gefrorenen Grund zerschellen.
20
»Ein neues Signal«, sagte Vargas. »Leicht abweichend. Letzte Nacht haben wir angefangen, es zu empfangen.«
»Warten Sie auf mich«, sagte Krug. »Ich komme.« Er war in New York. Fast unmittelbar darauf war er in dem antarktischen Observatorium von Vargas, hoch auf dem Polarplateau gelegen, an einem Punkt, der gleich weit entfernt war vom Nordpol und vom Kap Knox. Es gab Leute, die sagten, das Transmatzeitalter habe das Leben einerseits ärmer gemacht und es andererseits bereichert. Die Thetaenergie erlaubte es, gedankenschnell und unbekümmert von Afrika nach Australien, nach Mexiko, nach Sibirien zu springen, doch sie beraubte einem jedes echte Gefühl für Ort und Bewegung, für Entfernungen und Geographie. Sie verwandelte die Erde in eine einzige, unendlich ausgedehnte Transmatkabine. Krug hatte sich oft vorgenommen, einen gemütlichen Flug um die Erde zu machen, die Wüste in Prärie, den Wald in kahle Tundra, Berge in Ebenen übergehen zu sehen. Doch er hatte nie die Zeit dafür gefunden.
Das Observatorium war ein Komplex von glänzenden Kuppelbauten, die auf einer zweieinhalb Kilometer dicken Eisschicht standen. Tunnels im Eis verbanden die Gebäude miteinander, und durch sie erreichte man auch die außerhalb befindlichen Einrichtungen: die große Scheibe der Parabolantenne eines Radioteleskops, das Metallgitter eines Röntgenstrahlenempfängers, der Sendungen über das hoch über dem Südpol stehende Orbit-Observatorium auffing, das kurze, breite Vielfach-Brechungsteleskop, die drei goldenen Spitzen der Wasserstoffantenne, das flatternde, in der Luft hängende Netzwerk eines Polyradarsystems und die übrigen Geräte, mit denen die Astronomen hier ins Universum lauschten. Anstatt Gefrierstreifen zu verwenden, damit das Eis unter den Fundamenten nicht schmolz, hatte man für jedes einzelne Gebäude Wärmeaustauschplatten installiert, so daß jedes von ihnen eine kleine Insel auf einem großen Gletscher war.
Im Hauptgebäude summten, klickten und flackerten Apparate. Krug verstand nicht viel von dieser Anlage, doch sie erschien ihm angemessen wissenschaftlich. Techniker liefen eifrig umher. Ein Alpha hoch oben auf einem Laufsteg rief drei Betas tief unten Zahlen zu. Regelmäßig durchzuckte ein scharlachrotes Lichtzeichen eine zwanzig Meter lange Glasspirale, und bei jeder Entladung leuchteten auf einer Zählmaschine grüne und rote Zahlen auf.
»Beobachten Sie die Radonspule. Sie registriert die Impulse, die wir jetzt empfangen«, sagte Vargas. »Da… ein neuer Zyklus beginnt… sehen Sie?« Krug betrachtete das Muster des Signals.
»Das ist es«, sagte Vargas. »Jetzt eine Pause von sechs Sekunden, und dann beginnt es von neuem.«
»2-5-1, 2-3-1, 2-1«, sagte Krug. »Vorher war es 2-4-1, 2-5-1, 3-1. Sie haben also die Vierergruppe vollkommen fallengelassen. Sie haben die Fünfergruppe an den Anfang des Zyklus gestellt, sie haben die Dreiergruppe vervollständigt, sie haben in der letzten Gruppe einen Impuls hinzugefügt. Verdammt, Vargas, was hat das für einen Sinn? Was bedeutet das?«
»Wir entdecken in dieser Botschaft nicht mehr Inhalt als in der vorangegangenen. Sie haben beide die gleiche Grundstruktur. Nur eine kleine Veränderung…«
»Es muß aber etwas bedeuten!«
»Vielleicht.«
»Wie können wir es herausfinden?«
»Wir werden sie fragen«, sägte Vargas. »Bald. Mit Hilfe Ihres Turms.«
Krug ließ die Schultern sinken. Er beugte sich vor, berührte die glatten, kühlen, grünen Griffe einiger ihm unverständlicher, aus der Wand herausragender Geräte. »Diese Botschaften sind dreihundert Jahre alt«, sagte er düster. »Wenn ihr Planet so schnelllebig ist, wie Sie sagen, dann sind das praktisch dreihundert Jahrhunderte. Mehr! Sie würden nicht einmal etwas wissen von den Botschaften, die ihre Vorfahren gesendet haben. Sie werden bis zur Unkenntlichkeit verändert sein.«